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Nach Caesars Darstellung im "De Bello Gallico" (4, l) gab es in der Agrarverfassung der Germanen noch keinen privaten Grundbesitz. Der gesamte Grund und Boden war vielmehr im Besitz größerer Gemeinschaften, die als pagi und regiones (= 'Gaue' und 'Untergaue') bezeichnet werden.

Tacitus berichtet andererseits nichts von dem jährlichen Wechsel der Wohnsitze, nichts von der jährlichen Neuverteilung des Kulturlandes unter die Sippen; nach ihm erhält der einzelne seinen Anteil auf längere Zeit hinaus angewiesen und kann ihn während dieser Zeit nach Gutdünken bewirtschaften

Beschreibung

Die Behörden wiesen den einzelnen Sippen und Verbänden auf je ein Jahr ein Stück Land zur Bewirtschaftung zu, dessen Größe und Lage von dem Befinden der Obrigkeit abhing. D.h. ein Stück Land wurde ein Jahr als Saatfeld unter den Pflug genommen, lag dann mehrere Jahre brach und wurde als Weide benutzt. Dabei wurde das zu bebauende Land alljährlich an die Sippen neu verteilt und jede Sippe änderte jährlich mit dem Acker zugleich ihren Wohnsitz.

Jährlicher Wechsel der Feldmarken

Zu Cäsars Zeit durfte sich keine Sippe länger als ein Jahr in einer Feldmark zu Wohnzwecken niederlassen; im nächsten Jahr mußte sie in eine andere übersiedeln. Dieser jährliche Wechsel der Feldmark war also zugleich mit einer Änderung des Wohnsitzes verbunden. Dieser Wohnungswechsel ist allerdings nicht als Austausch der Häuser unter den Sippen oder den aus ihnen gebildeten Gemeinschaften aufzufassen [1] vielmehr waren die Wohnstätten der germanischen Stämme keine feststehende Dauerwohnungen, sondern leicht gebaute Hütten, die als fahrende Habe in die neuen Wohnsitze mitgenommen wurden. Das Haus gehörte schon zu Caesars Zeit zum Privatbesitz des einzelnen.

Caesar wurde schnell klar, dass diese jährliche Verlegung des Wohnsitzes für den einzelnen mit vielen Unbequemlichkeiten verbunden war, und so erkundigte er sich genau nach den Gründen des eigenartigen, ihm selber offenbar auffallenden Systems:

Der erste und wichtigste Grund für die Germanen war die Rücksicht auf die Erhaltung der Kriegstüchtigkeit des Volks; man fürchtete, dass durch die andauernde Beschäftigung mit der friedlichen Arbeit des Ackerbaus die Schlagfertigkeit und der kriegerische Geist leiden könnten.

Die Feldgemeinschaft und der jährliche Wechsel der Feldmarken hatten zugleich einen weiteren, sozialpolitischen Zweck: Es sollte keine Unzufriedenheit unter den Stammesmitgliedern aufkommen. Jeder hatte das gleiche Anrecht auf den gemeinschaftlichen Grund und Boden. Die Verschiedenheit in Größe und Lage den einzelnen Sippen zugeteilten jährlichen Ackerquoten sollte weder durch Standesunterschiede noch durch die Größe der Sippen bedingt sein. Wenn es kein privates Grundeigentum gab und das Ackerland jährlich neu verteilt wurde, so hatte keine Sippe ein Interesse daran, mehr Land zu erhalten, als sie bewirtschaften konnte und zu ihrem Unterhalt brauchte.

Die Durchführung dieses Systems hing allerdings an zwei Voraussetzungen. Die jährliche Neuverteilung des Ackerlandes ließ sich zu allgemeiner Befriedigung nur bewerkstelligen, solange anbaufähiges Land im Überfluß vorhanden war. Außerdem war der jährliche Wechsel des Wohnsitzes nur bei einer militärisch straffen Stammesorganisation denkbar, wie sie ein andauernder, höchstens von vorübergehenden Ruhepausen unterbrochener Kriegszustand mit sich brachte.

In Gegenden, wo wenig anbaufähiges Land vorhanden war, oder wo die Zunahme der Bevölkerung gutes Kulturland sparsam und wertvoll machte, trat das Streben nach Erwerbung privaten Grundeigentums hervor; und in langen Friedenszeiten hätte sich der Freiheitssinn der Germanen sicher bald gegen die zwangsweise Durchführung des wirtschaftlich irrationellen und für die Bequemlichkeit des einzelnen so lästigen Wohnungswechsels empört. Anbaufähiges Land war noch zu Tacitus’ Zeit reichlich vorhanden. Aber das unstetige Agrarsystem der Germanen mit seiner jährlichen Neuverteilung des Ackerlandes unter den Sippen eines Gaus und seinem jährlichen Wohnungswechsel, wie Caesar sie schildert stellte keine normalen Friedensverhältnisse dar, sondern hatte seinen Ursprung im Kriegszustand.

Germanisches Agrarwesen bei Tacitus

Von dem anbaufähigen Land einer Feldmark wurde nur jeweils ein Teil, dessen Größe sich nach der Zahl der Bebauer richtete, von der gesamten Markgenossenschaft gemeinsam unter Kultur genommen; die Bewirtschaftung des für den Anbau ausgewählten Landes - der Bifang nach einem mittelalterlichen Ausdruck - geschah im Turnus: innerhalb der gesamten Feldmark wurde abwechselnd bald dieser, bald jener Bezirk bestellt, so dass das Ackerland allmählich die ganze anbaufähige Fläche der Mark durchwanderte. [2] Die Markgenossenschaft als ganze betrieb also auf ihrer Mark eine wilde "Feldgraswirtschaft", einen Wechsel zwischen Ackerland und Dreesch. Auch zu Tacitus' Zeit galt das Waffenhandwerk immer noch als die eines vollkräftigen Mannes würdigste Beschäftigung; die Ackerbestellung wurde den kriegsuntüchtigen Sippenmitgliedern überlassen. [3]

Tenor: Caesar und Tacitus

Der Unterschied in den Agrarverhältnissen bei Tacitus und Caesar ist trotz mancher Ähnlichkeiten doch markant. Zwar ist privater Ackerboden bei beiden übereinstimmend noch nicht entwickelt, und das Bewirtschaftungssystem die wilde Feldgraswirtschaft. Aber die beiden Einrichtungen, die dem germanischen Agrarwesen zu Caesars Zeit jenes unruhige Gepräge geben, kennt Tacitus nicht: er weiß nichts von dem jährlichen Wechsel der Wohnsitze, nichts von der jährlichen Neuverteilung des Kulturlandes unter die Sippen; nach ihm erhält der einzelne seinen Anteil auf längere Zeit hinaus angewiesen und kann ihn während dieser Zeit nach Gutdünken bewirtschaften. Dabei ist es bemerkenswert, dass, während bei Caesar der Unterschied in der Größe der Ackerquoten wahrscheinlich nur durch die Größe der Sippen bedingt war, im Übrigen aber das Prinzip demokratischer Gleichheit herrschte, nach Tacitus eine ungleichmäßige Verteilung mit aristokratischer Abstufung nach Rang und Würden die Regel ist. Das hängt damit zusammen, dass der Grundbesitz höher bewertet wurde, weil das Land länger in der Hand des einzelnen verblieb, und dass die Bewirtschaftung, die bei Caesar mehr in summarischer, extensiver Weise von den Sippen betrieben wurde, sich bei Tacitus im deutlichen Übergang zur Individualwirtschaft befindet.

Die ganze Schilderung bei Tacitus weist auf geordnete, stabile Verhältnisse hin. Sie drängt zu dem Schluß, dass die jährliche Neuverteilung des Ackerlandes unter die Sippen eines Gaus und die jährliche Verlegung der Wohnsitze, die von den Germanen nach Caesars Angabe selbst mit den Erfordernissen des Kriegslebens in Zusammenhang gebracht wurden, in der Tat als ein kriegerischer Ausnahmezustand aufzufassen sind, der sich bei den Sueben und andern im Vordringen nach Süden begriffenen Stämmen herausgebildet hatte.

Nichts kennzeichnet das Abnorme jener Zustände bei den Sueben besser als die Worte Ariovists [4], der von seinen Leuten sagt, sie hätten seit vierzehn Jahren kein häusliches Obdach mehr über sich gehabt. Es ist möglich, dass sich ähnliche Ausnahmeverhältnisse auch zu andern Zeiten bei auswandernden Volksteilen entwickelten. Das Agrarwesen zur Zeit des Tacitus stellt demgegenüber die Rückkehr in normale, friedliche Verhältnisse dar, wo das militärische Sippschaftsprinzip von dem agrarischen Territorialprinzip abgelöst wurde und die Gesamtnutzung des Ackerlandes allmählich in Sondernutzung überging.

Quellen

  • Waldbäume und Kulturpflanzen im germanischen Altertum. Johannes Hoops. Straßburg 1905.
  • Altgermanische und altrömische Agrarverhältnisse in ihren Beziehungen und Gegensätzen. W. Fleischmann. Leipzig 1906.

Einzelnachweise

  1. Waldbäume und Kulturpflanzen im germanischen Altertum. Hoops. Straßburg 1905. Seite 510.
  2. Deutsche Verfassungsgeschichte. Anders Waitz. Band 2. Kapitel I, Seite 105.
  3. Germania, Vierteljahrsschrift für deutsche Altertumskunde. Hrsg. V. Franz Pfeiffer. 1856 ff. 14
  4. De Bello Gallico. Kapitel I, Seite 36

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