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„Guck guck ist des Gouchs gesang,
Der thorheit ists ein anefang…“

Matthias Hupfuff: Doctor murners narrenb[e]schwerung (1512)

Der Anefang (althochdeutsch: anafanc, angelsächsisch: anefanc; lat. intertiatio) bezeichnet das rechtsförmliche Anfassen einer abhanden gekommenen und wieder gefundenen beweglichen Sache unter gleichzeitiger Behauptung eines besseren Rechts an dieser. Der Anefang war das wichtigste Mittel der gerichtlichen Fahrnisverfolgung der fränkischen Zeit und des Mittelalters. Er sollte ältere Formen der Selbsthilfe zurückdrängen. [1]

Der Anefang im Mittelalter

Die Anefangsklage gründete sich ausschließlich auf den unfreiwilligen Verlust der Gewere. Wahrscheinlich konnte sie schon im alten Recht auch dann geltend gemacht werden, wenn die Sache nicht gestohlen oder geraubt, sondern verloren oder sonstwie dem Besitzer ohne seinen Willen abhanden gekommen war. Sie stützte sich nicht auf ein Recht an der Sache; insbesondere war sie nicht etwa eine Eigentumsklage. Vielmehr stand sie außer dem Eigentümer auch demjenigen zu, in dessen getreue Hand der Eigentümer die Sache zur Verwahrung, als Pfand, als Leihstück usw. gegeben hatte; nur dieser getreuen Hand war durch den Diebstahl die Gewere entzogen worden. Der Eigentümer konnte die Anefangsklage selbst dann nicht erheben, wenn die Sache seinem Vertrauensmann gestohlen worden war.

Südgermanischer Raum

Fand jemand eine ihm gestohlene bewegliche Sache (meist Vieh) ohne Spurfolge oder nach Ablauf der für diese maßgebenden gesetzlichen Frist in der Hand eines Dritten, so konnte er sie nach altgermanischem Prozeßrecht nur unter Beobachtung bestimmter Förmlichkeiten an sich nehmen. Er mußte sie in genau vorgeschriebener Weise, indem er z. B. bei Vieh mit der linken Hand das rechte Ohr des Tieres ergriff und mit dem rechten Fuß auf das Vorderbein des Tieres trat, „anfassen". Von dieser Rechtshandlung (althochdeutsch: anafanjan, furifangon, altbayrisch: hantalōd, angelsächsisch: befōn, aetfōn, aetbefōn, forefong, niederländisch: aenfang, anefang, oberdeutsch: furfang, verfang) erhielt das ganze Verfahren seinen Namen.

Mit ihr bezeichnete der Kläger die Sache als eine ihm gestohlene. Allerdings bezichtete er mit dem Anefang nicht direkt den Besitzer selbst des Diebstahls oder Raubes. Aber wenn nicht der Besitzer, so mußte ein Dritter sie gestohlen oder geraubt haben. Der Anefang leitete den Rechtsstreit ein; er ersetzte nicht nur der Mahnung (Ladung) des ordentlichen Verfahrens, sondern war „der Klage Beginn"; daher mußte der Besitzer der angeschlagenen Sache die Klage in rechtmäßiger Weise beantworten und sich von dem in ihr enthaltenen objektiven Vorwurf des Diebstahls reinigen. Tat er dies nicht, so konnte sich der Kläger der angeschlagenen Sache bemächtigen, als hätte er sie im Wege der Spurfolge rechtzeitig gefunden.

Dritthandsverfahren

Die regelmäßige Erwiderung des Besitzers, der etwa sich nicht selbst als Dieb bekennen mußte, bestand darin, dass er den Dritten nannte, von dem er die Sache erhalten habe. D. h. er zog die Sache auf seinen Gewähren, Gewährsmann, Vormann, er berief sich auf die dritte Hand; daher der Ausdruck intertiare, Dritthandsverfahren, in den fränkischen Rechtsquellen. Nach gotischem, fränkischem, oberdeutschem und jüngerem sächsischem Recht mußte der Besitzer den Gewähren binnen bestimmter Frist vor Gericht stellen und das sogleich nach geschehenem Anefang rechtsförmlich geloben; nach dem altertümlicheren langobardischen und früheren sächsischen Recht dagegen führte er den Kläger zum Gewähren.

Im jüngeren angelsächsischen Recht hatte der Beklagte die drei ersten Gewährsmänner am Anefangsorte zu stellen, und erst zu den späteren folgte der Kläger; aber auch dies wurde dann, um dem Bestohlenen die Reisemühe zu sparen, abgeschafft und alle Gewährszüge mußten nunmehr am Anefangsorte erfolgen. Der angezogene Gewährsmann konnte sich seinerseits auf einen Vormann berufen, dieser wieder auf einen, und dies konnte nach einigen Rechten, z. B. nach dem fränkischen und späteren sächsischen Recht, unbeschränkt wiederholt werden, während nach andern, z. B. dem langobardischen und angelsächsischen, der Gewährschafts zug beim dritten Mann stillstand. Dem Gewähren erwuchs die Verpflichtung, in den Prozeß einzutreten. Die streitige Fahrhabe wurde ihm zu getreuer Hand übergeben, zugeschoben, „er empfing den Schub. Fand wiederholter Zug statt, so wanderte die Sache von Hand zu Hand den Weg zurück, den sie früher durch Rechtsgeschäft vorwärts gegangen war.

Gewährenbruch

Erlitt der Beklagte Bruch an seinem Gewähren, d. h. erschien der Gewähre nicht oder verweigerte er die Annahme des Schubs oder unterlag er im Rechtsstreit, so erhielt er von dem Vertragsbrüchigen Gewähren den Kaufpreis zurück; er mußte aber, da er im Anefangsprozeß unterlegen war, die Sache an den Kläger herausgeben und außerdem die Diebstahlsbuße zahlen. Von dem letzteren kam er frei, wenn er sich vom Diebstahlsverdacht zu reinigen vermochte; dies konnte er durch einen Reinigungseid mit dem er redlichen Erwerb nachwies. War der Gewähre gestorben, so fand im ältesten Recht ein Gewährschaftszug auf den Toten statt; noch im angelsächsischen Recht zog der Beklagte die Gewähr zum Grabe des Gewährsmanns und reinigte sich durch einen besonders hohen Eid von dem Diebstahlsverdacht, so dass nun der Tote als Diebschuld befleckt galt (nach Liebermann). Im jüngeren Recht gelangte der Angeklagte hier ebenso zum Reinigungseid, wie wenn er den Gewähren nicht nennen oder in der vorgeschriebenen Zeit nicht auffinden konnte.

Einrede des Beklagten

Außer durch Zug auf den Gewähren konnte sich der Besitzer, wenn auch vielleicht noch nicht im ältesten Recht, so doch allgemein nach jüngeren Quellen, durch Berufung auf originären Erwerb (z. B. das Vieh sei bei ihm geboren) verteidigen, was aber dann nicht möglich war, wenn der Kläger Zeugen dafür brachte, dass das von ihm wiedererkannte Stück ihm vor noch nicht einem halben Jahre gestohlen worden sei. Schon die fränkischen Quellen erwähnen die Einrede des Beklagten, er habe die Sache ererbt. Bewies er dies, was nach salischem Recht den Nachweis des Rechtes seines Erblassers erforderte, oder bewies er originären Erwerb, so erzielte er nicht nur, wie im Falle des Reinigungseides, Befreiung vom Diebstahlsverdacht, sondern überhaupt Abweisung der Klage. In diesem Falle mußte der sachfällig gewordene Anefangskläger eine Buße wegen unrechten Anefangs entrichten und, wenn es zum persönlichen Vorwurf des Diebstahls gekommen war, die Rechtsfolgen der falschen Anklage tragen.

Nordeuropa

Die Rechtsquellen aus Skandinavien und Nordeuropa zeigen ein ähnliches Verfahren, wenngleich die Einzelheiten sehr variieren und auch die Quellen nicht überall gleich ausführlich sind. Dabei scheint das ostnordische Recht den deutschen Rechten näher zu stehen, als das westnordische. Der Akt des Anefanges wird in altschwedischen Rechten als handsama bezeichnet, das Ansprechen der Sache als dem Kläger gehörige mit kaenna ausgedrückt. Damit ist die Klage (klandan, brigð) erhoben. Der Beklagte muß — vom Fall der handhaften Tat abgesehen, wo er beweisfällig ist — Bürgen stellen oder die Sache bei einem Dritten hinterlegen.

Verteidigung

Die Verteidigung des Beklagten kann z.B. in Kontravindikation bestehen, wenn er sich auf eigenen Erwerb beruft. Über den Gewährschaftszug geben die Quellen vieles, im einzelnen abweichende Detail. Insbesondere kommt hier das eigentümliche, ostnordische Institut des vin in Frage, d. h. eines Gewährschaftsbürgen, den der Verkäufer bei gewissen Objekten dem Käufer stellen muß und an den sich nun der beklagte Käufer wendet mit dem Ersuchen, den Verkäufer herbeizubringen [2].

Der Gewährsmann konnte sich wieder auf seinen Gewährsmann berufen, doch beschränken manche Quellen die Zahl auf den dritten, fünften, sechsten Vormann. Dieser hatte dann zu kontravindizieren oder der Kläger erhielt den Beweis, dass ihm die Sache gehöre; dem Beklagten blieb es aber auch dann immer noch frei, sich wenigstens von der Diebstahlsbeschuldigung durch den Nachweis zu reinigen, dass er redlich und unverhohlen die Sache erworben habe. Der Beklagte konnte sich übrigens auch darauf berufen, dass er vom Kläger selbst erworben habe und kam dann darüber zum Beweise.

Fundament der Klage

Sehr zweifelhaft ist in Skandinavien und Nordeuropa das eigentliche Fundament der Klage. So musste der Kläger Zeugen erbringen, „dass das sein Gut ist und er es nicht verschenkte, in Zahlung gab oder verkaufte", also sein Eigentum darlegen. In schwedischen Rechten beschwor der Kläger „iak a ok þu iki" „þaetta er mit". Darnach scheint die Klage nicht jedem früheren Besitzer zuzustehen, sondern nur dem Eigentümer. Auf der anderen Seite wird vielfach in das Klagefundament der Satz aufgenommen, „dass diese Sache von mir gestohlen war". Daraufhin hat man auch für den Norden behauptet, dass die Klage nur bei widerwilligem Besitzverlust gegeben war. Aber an anderen Stellen fehlt dieser Satz und jedenfalls das westnordische Recht scheint auch bei Unterschlagung durch den Depositar und dergleichen dem Eigentümer die Klage zu geben. (Hand wahre Hand.)

Quellen

  • Deutsche Rechtsgeschichte. 2 Bände. (1. Bd. in 2. Auflage). Heinrich Brunner. Leipzig 1906 und 1892. Band 2, S. 498 ff.
  • Lehrbuch der Deutschen Rechtsgeschichte. 5. Auflage. Richard Schröder. Leipzig 1907. Kapitel 5, S. 385 ff. Und die dort angeführte sehr reiche Literatur.
  • Spurfolge und anefang in ihren wechselbeziehungen: Ein beitrag zur geschichte des deutschen fahrnisprozessos. Karl Rauch. H. Böhlaus Nachfolger, Weimar 1908.
  • Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Band 1. Von Johannes Hoops, 1918—1919. S. 82 ff.

Einzelnachweise

  1. Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte (HRG): Anefang. Digital. Erich Schmidt Verlag GmbH & Co. KG. © 2012.
  2. vgl. Nordgermanisches Obligationenrecht. Karl Von Amira. 1882; n 1895. Band I, S. 285 ff, 346 ff.

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