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Ein Anwalt (auch Prokurator, Sachwalter) ist der Stellvertreter bzw. Bevollmächtigter eines streitenden Teiles vor Gericht oder vor einer andern Behörde. [1]

Beschreibung

Das alte germanische Gerichtsverfahren in der Antike und Völkerwanderungszeit beruhte auf der Selbsttätigkeit der Parteien. Dort war für eine Vertretung der Parteien vor Gericht durch Dritte kein Raum. Das persönliche Erscheinen der Parteien konnte nicht entbehrt werden: jeder mußte selbst seine Sache verfolgen. Nur wer unter dauernder Vormundschaft stand (was bei selbstmündigen Personen dann der Fall war, wenn sie sich unter die Schutzherrschaft eines Herrn begaben), wurde von dem Vormund vor Gericht vertreten.

Auch darin stimmt der altgermanische und der Prozeß der Volksrechte mit dem altrömischen Prozeß überein. Die langsame Abwendung von diesem ursprünglichen Rechtszustand nahm ihren Ausgang in der königlichen Gewalt mit dem beginnenden Frühmittelalter. Der fränkische König konnte durch Privileg einer Partei die Befugnis erteilen, sich einen gerichtlichen Stellvertreter zu bestellen, entweder für einen bestimmten Rechtsstreit oder allgemein. Die Bestellung geschah in rechtsförmlicher Weise, indem der Privilegierte dem Vertreter (althochdeutsch. muntporo, davon später momber; mittellateinisch. advocatus, mandatarius) die Anwaltschaft durch mündliche Erklärung und Übergabe eines Stabes (festuca) übertrug (laisowerpitio), worüber eine königliche Urkunde aufgenommen wurde.

Solche Privilegien wurden den Grafen und den unmittelbaren königlichen Vasallen gewährt. Auf besonderen Grundsätzen beruhte es, wenn bei den Franken unter den Merowingern und bei den Langobarden die Bischöfe und Äbte auf Grund entweder allgemeiner oder besonderer königlicher Privilegien vertreten wurden. Ebenso geschah es unter den Karolingern bei allen Geistlichen in Rechtsstreitigkeiten durch die kirchlichen Vögte (advocati, agentes, defensores, causidici, mandatarii usw.). Daraus entwickelte sich später das lebenslängliche Amt des Kirchenvogts. Außerdem konnte im Königsgericht jederzeit eine prozessualische Stellvertretung auch einer solchen Partei zugelassen werden, die kein allgemeines königliches Vertretungsprivilegium besaß.

Vorsprecher

Verschieden von den erst später sich verbreitenden Anwälten sind die schon in der fränkischen Zeit üblichen Vorsprecher (althochdeutsch. furisprecho, fries. forspreka, angelsächsisch. forespeca, mittellateinisch. prolocutor, narrator, orator, causidicus). Das waren Hilfspersonen, zu deren Verwendung der strenge Formalismus des Verfahrens, insbesondere die Unwandelbarkeit des gesprochenen Wortes, zwingenden Anlaß gab. Wie aus den übereinstimmenden Sätzen des späteren deutschen, langobardischen (wo das Institut am frühesten ausgebildet wurde), des französischen und anglonormannischen Rechts entnommen werden kann, vertrat schon in fränkischer Zeit der Vorsprechen, dessen Vorkommen sich bis in das 6. Jahrhundert verfolgen läßt, nicht wie der Anwalt die nicht erschienene Partei, sondern die vor Gericht anwesende Partei. Er stand neben ihr, um auf Grund der von ihr erteilten Vollmacht das Wort der Partei zu sprechen, so wie es ihm aufgetragen worden war.

Da sein Wort erst dann als Wort der Partei galt, wenn es die Partei als solches ausdrücklich anerkannt hatte, so konnte ihn die Partei desavouieren, was ihr die Möglichkeit gab, sich von einem etwa vorgefallenen Fehler zu erholen, ihr Wort zu bessern und zu wandeln. Das hatte allerdings für ihn die Folge, dass er, weil er nicht das Wort der Partei, sondern sein eigenes gesprochen hatte, in eine Buße wegen unbefugter Rede verurteilt wurde. Mußte nach ursprünglichem Recht der Vorsprecher jedesmal auf Antrag der Partei vom Gericht ernannt werden - er konnte aus der Reihe der Urteilfinder genommen werden, so setzte im 9. Jahrhundert eine Entwicklung ein, die aus der Fürsprechertätigkeit ein Gewerbe machte.

Angelsächsisches Recht

Die Unterscheidung von Vorsprechern (prolocutores) und Anwälten (procuratores) scheint lediglich dem Angelsächsischen Recht gefehlt zu haben: der selten erwähnte angelsächsische forespreca bedeutet einen sein eigenes Wort sprechenden Bevollmächtigten oder Vormund, nicht einen „Vorsprecher" im angegebenen Sinn. Noch im 10. Jahrhundert war der angelsächsische Vorsprecher ungeschieden sowohl das willenlose Mundstück der Partei (avantparlier) wie auch der bevollmächtigte stellvertretende (procureur) und verteidigende Anwalt (später attornatus) auch hier war die Stellvertretung im Volksgericht versagt, nur im Königsgericht erlaubt.

Deutschland

Im deutschen Gebiet wurde jene Unterscheidung schon im Mittelalter verwischt, dagegen hat sie sich im französischen, normannischen und dem auf dessen Grundlage sich entwickelnden modernen englischen Recht erhalten; noch heute unterscheidet die französische und englische Jurisprudenz zwischen avocat, advocate und counsel einerseits, avoue, attorney und sollicüor andererseits.

Skandinavien

Berufsmäßige Anwälte kennt das altnordische Recht nicht. Prozeßvollmacht war ursprünglich überhaupt nicht anerkannt. Doch gestattet die jüngere Rechtsentwicklung, für den einzelnen Fall Prozeßvollmacht zu erteilen (handsala sōk, vörn).

Quellen

  • Nordgermanisches Obligationenrecht. Band I. Karl Von Amira. 1882; n 1895. Band I, S. 359 f. Band II, S. 375.
  • Deutsche Rechtsgeschichte. Heinrich Brunner. Leipzig 1906. Band 2, S. 349 ff.

Einzelnachweise

  1. Meyers Großes Konversations-Lexikon: Anwalt, Band 1. Leipzig 1905, S. 602.

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