Fandom

Mittelalter Wiki

Bau von mittelalterlichen Langbögen (Rüdiger Bernges)

2.496Seiten in
diesem Wiki
Seite hinzufügen
Kommentare0 Teilen
Information Dieser Artikel basiert auf dem "Seminarbericht: Bau von historischen, mittelalterlichen Langbögen" von Rüdiger Bernges (BINSY) [1].

Im Folgenden beschreibt Rüdiger Bernges seine Erfahrungen im Bogenbauseminar des Waldpädagogischen Zentrums Burgholz in Wuppertal Cronenberg unter der Leitung von Martin Schupp.

Der Bau von mittelalterlichen Langbögen

Wenn man sich über viele Jahre hinweg mit Burgen beschäftigt, dann ist das Mittelalter insgesamt natürlich ebenfalls von besonderem Interesse. Insbesondere das ursprüngliche Leben im Mittelalter selbst hautnah zu erleben und nachzuempfinden, hilft dabei, das Verständnis für das Mittelalter authentischer werden zu lassen. Aus diesem Grund habe ich die sich zufällig bietende Gelegenheit ergriffen, an einem Seminar zum Erlernen des Baues von historischen Langbögen vom Waldpädagogischen Zentrum Burgholz (WZB) in Wuppertal-Cronenberg teilzunehmen.

Materialien

Kursleiter Martin Schupp führte uns zunächst verbal in die Geschichte und Technik des Bogenbaus ein. So erfuhren wir denn auch, welche Hölzer sich für den Bogenbau eignen und welche nicht. Gut eignen sich:

  • Esche
  • Eibe
  • Robinie
  • Hickory

Auch Buche, Ahorn und Kirsche lässt sich für den Bogenbau verwenden, ist jedoch je nach Härte auch schwieriger zu verarbeiten. Das Holz muss mindestens zwei Jahre lang abgelagert sein. Wir Teilnehmer bekamen einen etwa 1,80m langen und 10cmx10cm dicken naturbelassenen Rohling aus Eschenholz sowie ein Ziehmesser, eine Raspel und ein Stahlblech zum Glätten in die Hand gedrückt.

Vorbereiten des Rohlings

Der erste Arbeitsgang bestand darin, mit dem Ziehmesser auf der Waldaußenseite des Stamms soviel herunter zu arbeiten, dass die Oberfläche nur noch aus einem einheitlichen Jahresring besteht. Nach ersten irritierten Blicken auf den Rohling und ersten Versuchen mit dem Ziehmesser bekamen wir eigentlich doch recht schnell einen Überblick über die Jahrringe und damit ein Gefühl für unseren Rohling. Nichts desto trotz sollte dieser Arbeitsgang nicht die letzte schweißtreibende Knochenarbeit in diesem Seminar bleiben. [..] Nach drei Stunden Arbeit (oder mehr - je nach Kraft und Ausdauer der Teilnehmer) waren die ersten Schwielen an den Händen bereits im Anmarsch, der Rohling sah aber immer noch nicht nach Bogen aus.

Kontur des Bogens

Nachdem die Oberfläche des Bogens vorbereitet und mit dem Schabeblech geglättet war, zeichnete Martin die gewünschte Grundform des Bogens – spitz zulaufend oder konkav – auf den Bogen auf. Nun galt es, mit dem Ziehmesser die Seiten des künftigen Bogens nach und nach so abzuarbeiten, dass die Kontur des Bogens annähernd heraus kam. Der künftige Bogen war noch immer ein schwerer Klotz, aber man konnte nun schon erahnen, dass einmal ein Bogen herauskommen sollte.

Feinschliff der Kontur und Griff

Als nächstes ging es mit der Raspel und dem Ziehblech daran, die Kontur des Bogens ganz exakt an den eingezeichneten Linien entlang herauszuarbeiten. Als Resultat bekam der Bogen in Bezug auf Front und Seitenbereiche bereits seine endgültige Form und Gestalt. Im Anschluss wurde mit der Raspel der Handgriff nach Wunsch griffig und bequem gefeilt. Eigentlich war der Bogen für uns Laien damit fertig, es sah doch alles wie ein Bogen aus, wäre da nicht die Sache mit dem Spannen und dem Abgleichen – der Fachmann spricht hier vom „Tillern“ – gewesen. Keiner unserer Bögen ließ sich aufgrund der noch vorhandenen Stärke der Wurfarme oben und unten auch nur annähernd spannen. Nun galt es mit der Raspel, mit dem Ziehmesser und dem Blech nach und nach die Stärke des Materials an den Wurfarmen abzuarbeiten, damit sich überhaupt eine Biegung des Bogens einstellte.

Tillern

Mein Bogen bekam dann am Nachmittag seine erste provisorische Sehne angelegt. Die Sehnen bestehen bei Martin aus Leinengarn, das 14fach verdrillt wird. Mit Hilfe der Sehne und einem Richtholz, in das der Bogen eingespannt werden konnte, warf der Bogenbaumeister einen ersten Blick auf die Rundung des Bogens. Diese muss an den Wurfarmen nämlich ganz exakt rund sein, um Brüche wegen ungleichmäßiger Belastung auszuschließen. Mit dem Bleistift zeichnete er die Stellen an, an denen der Bogen noch insgesamt zu steif oder „unrund“ war. Nun war Geduld und Fingerspitzengefühl gefragt. Immer wieder musste ich den Bogen aufspannen und an neuen oder auch alten Stellen mit der Raspel und dem Ziehblech vorsichtig abarbeiten – zuviel durfte ich ja auch nicht wegraspeln, sonst wäre der Bogen unbrauchbar geworden. Schließlich durfte ich dann den Bogen mit dem Blech rundherum glätten und wachsen.

Probeschuss

Alle Teilnehmer bekamen einen handgefertigten Pfeil. Meinen Bogen, der nach dem Wachsen inzwischen wunderschön schimmerte, schätzte Martin auf etwa 40-45 Pfund Zugkraft. Also nichts für Kinderhände, hier bedurfte es kräftigerer Hände zum Spannen. Wir gingen für den ersten Probeschuss auf die Wiese hinter der Werkstatt. Beim ersten Schuss wollte ich mich natürlich zurückhalten, aber auch mit halbem Dampf schnellte der Pfeil über die Wiese hinaus. Der Bogen erwies sich als sehr stark und schnell und er schoss sehr geradlinig. Wir beide waren sehr zufrieden.

Fazit

Abends zu Hause konnte ich kaum mehr einen Finger oder gar die Arme und den Rücken rühren. Als echter „Schreibtischtäter“ waren die völlig anders gearteten Bewegungen des Abziehens und Raspelns eine echte Herausforderung für mich und ich glaube, den anderen Teilnehmern ging es nicht viel anders. Natürlich hätten wir an vielen Stellen den Elektrohobel, den Bandschleifer oder die Stichsäge einsetzen können, aber darum ging es ja gar nicht. Wir konnten hautnah erleben, wie sich der Alltag eines mittelalterlichen Handwerkers „anfühlte“ und welche Leistungen vollbracht wurden.

Ich kannte Bögen vorher als karbonverstärkte Sportbögen. Verglichen mit diesen Präzisionsgeräten ist mein „Mittelalterbogen“ krumm und hässlich. Aber er ist mir viel mehr wert, weil ich ihn alleine mit meiner Hände Arbeit aus einem „Baumstamm“ herausgearbeitet habe. Und dass er darüber hinaus auch noch gut schießt, macht ihn mir auch noch interessanter. Mit Martin Schupp hatten wir einen sympathischen und erfahrenen Bogenbaumeister, der keine Frage offen ließ und uns sachkundig anleitete. Das Waldpädagogische Zentrum (WPZ) lieferte ein adäquates Ambiente und eine perfekte Organisation. Kurzum, das Seminar war ein voller Erfolg und es ist jedem Interessierten zu empfehlen. [2]

Bogenbauseminare des WPZ

Das WPZ und auch Martin Schupp bieten weitere Seminare an. Seminare zum Preis von 150 Euro (inkl. aller Materialien und Werkzeuge) kann bei folgenden Adressen nachfragen oder buchen:

Kontakt

Landesbetrieb Wald und Holz NRW
Forstamt Bergisch Gladbach
WPZ Burgholz
Friedensstraße 69
42349 Wuppertal
E-Mail: ute.nolden-seemann@wald-und-holz.nrw.de
Martin Schupp
Hammergasse 2
55218 Ingelheim
E-mail: cmc-schupp@gmx.de

Das WPZ bietet m.E. auch Kurse für Kinder zum Thema „Herstellen von Pfeilen“ an.

Lizenzen

Dieser Artikel wurde unter den Bedingungen der Creative Commons Attribution-ShareAlike License (CC-by-sa) in den Versionen 1.0, 2.0, 2.5 und 3.0 (versionsübergreifend) veröffentlicht.

Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen

Quellen

  1. Mit freundlicher Genehmigung von Herrn Rüdiger Bernges, BINSY (Burginfo.de).
  2. Bericht Seminar: "Bau von historischen, mittelalterlichen Langbögen", Rüdiger Bernges, (BINSY - Burgeninformationssysteme); 2006. In der Version vom 20.09.2009.

Störung durch Adblocker erkannt!


Wikia ist eine gebührenfreie Seite, die sich durch Werbung finanziert. Benutzer, die Adblocker einsetzen, haben eine modifizierte Ansicht der Seite.

Wikia ist nicht verfügbar, wenn du weitere Modifikationen in dem Adblocker-Programm gemacht hast. Wenn du sie entfernst, dann wird die Seite ohne Probleme geladen.

Auch bei Fandom

Zufälliges Wiki