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Der enge Zusammenhalt zwischen den Mitgliedern einer Sippe brachte es bei den Germanen mit sich, dass jeder an einem Sippenangehörigen begangene Totschlag sämtliche Sippengenossen zu Feinden des Totschlägers machte. Es war die heilige Pflicht der Sippe, die Tat nicht ungesühnt zu lassen, sondern an dem Täter und evtl. an seinen Magen (Blutsverwandte) Blutrache zu üben.

Beschreibung

Die Fehde zwischen den beiden Sippen war die Folge einer solchen Tat, und an dem Sühnevertrag und der Sühnezahlung, durch die die Fehde beigelegt wurde, hatte die gesamte Sippe des Erschlagenen Anteil:

Sowohl die Feindschaften des Vaters, des Blutsverwandten, als auch die Freundschaften auf sich zu nehmen, ist erforderlich. Jene dauern aber doch nicht unversöhnlich; denn selbst Mord wird mit einer gewissen Zahl Rinder und anderer Tiere gesühnt, und die gesammte Sippe nimmt die Genugtuung bindend an, zum Frommen für das Allgemeine, weil Feindschaften, wo Freiheit ist, von größerer Gefahr sind
- Tac. Germ. 21 [1]

Noch in karolingischer Zeit war diese Blutrache in Deutschland allgemein verbreitet und durchaus gestattet, wenn auch gewisse Racheakte ausgeschlossen waren. In Friesland, Holstein und der Urschweiz erhielt sie sich bis gegen Ende des Mittelalters, vereinzelt sogar darüber hinaus. Auch in den angelsächsischen Gesetzen spielte sie eine Rolle, ebenso noch in den nordischen Rechten des 13. Jhds., insbesondere in der altisländischen Grágás, und vor allem im spanischen Recht, in dem sich auch iberische Einflüsse geltend machten.

Racherecht des Einzelnen

Von der allgemeinen Blutrache der gesamten Sippe ist das besondere Racherecht des einzelnen zu unterscheiden. Es war ein individuelles Verwandtschaftsrecht, das zugleich eine Pflicht in sich schloß, und das dem nächsten Erben oder dem nächsten agnatischen Erben zukam. Noch in späterer Zeit zeigte sich dieses Racherecht des Einzelnen im Recht der Blutklage. So ist in Island der vígsakar aðili, der allein die Blutklage erheben darf, der Erbe; erst eine spätere Entwicklung gestattete entfernteren Verwandten, bei seiner Verhinderung an seiner Statt zu klagen. Ähnliches kennt des spanische Recht.

Wergeld-Teilung

Am deutlichsten zeigte sich der Dualismus des kollektiven Racherechts der Sippe und des individuellen Racherechts des direkten Erben in der Teilung des Wergelds in Magsühne und Erbsühne. Ein Teil des Wergelds fiel als Magsühne (ags. mægbot, fries. mentele, meitele, nordfries. tale, aonord. ættarbót, anorw. baugar, aisl. niðgjǫld) an sämtliche an der Blutrache beteiligte Magen (Blutsverwandte) (über die Art der Verteilung s. u. Erbfolgeordnung). Der andere Teil wurde als Erbsühne (ags. healsfang, fries. riuchta ielda, nordfries. boynebóte, dietmars. baue, aonord. arvabót, anorw. bot, aisl. vígsboetr, réttr) an den nächsten Erben oder den nächsten männlichen oder agnatischen Erben gezahlt.

Erbsühne

Während die Magsühne durchweg nur an männliche Verwandte gezahlt wurde, war das bei der Erbsühne nicht überall der Fall. Neben Rechten, die Frauen kein Recht auf Erbsühne gewährten, gab es auch solche, die dem nächsten Erben, egal ob Mann oder Frau, die Erbsühne zusprachen, wie z.B. die meisten nordischen Rechte, ferner die Lex Frisionum (19; 2) und manche späteren friesischen und niederländischen Rechte. Nach westnordischen Recht hatten ursprünglich auch Frauen, die die nächsten Erben waren, das Recht der Blutklage. In Norwegen hielt sich dieses Recht, während es den Frauen auf Island, ebenso wie den Jünglingen unter 16 Jahren, im Jahre 994 aus praktischen Gründen genommen wurde. Man kann daraus schließen, dass das Blutrache-, Blutklage- und Wergeldanteilsrecht des nächsten Erben nicht etwa eine bloße Abspaltung des Blutrache- und Wergeldrechts der Sippe, sondern von vornherein ein Annex des Erbrechts war. Erst die Ausdehnung des Erbrechts auf Frauen führte bei einigen Stämmen dazu, dies Individualrecht vom Erbrecht zu trennen und dem nächsten männlichen Verwandten zuzuweisen.

Dem Recht der Sippe des Erschlagenen auf Empfang der Magsühne entsprach eine Verpflichtung der Sippe des Totschlägers, die Magsühne aufzubringen, wobei die einzelnen Verwandten etwa ebenso viel zahlten, wie sie sonst empfangen würden. Die Erbsühne hatte der Täter selbst aufzubringen.

Andere Vergehen

Vereinzelt findet sich auch bei anderen Vergehen als Totschlag das Recht der Sippe oder einzelner Sippengenossen auf Ausübung der Blutrache, so z.B. nach isländischen Recht bei Schmähung eines verstorbenen Verwandten und bei Schändung einer Naheverwandten. Besonders ausgedehnt war dieses Racherecht im spanischen Recht. Dem entsprach es, dass vereinzelt auch bei anderen Vergehen die Sippe primär oder sekundär neben dem Verbrecher bußpflichtig wurde. Durchaus zu unterscheiden sind die Fälle, in denen ein Verwandter als Vormund des Verletzten oder des Täters ein Fehde- bez. Sühnerecht hatte oder bußpflichtig wurde (s. u. Familie, Vormundschaft).

Quellen

Einzelnachweise

  1. Tacitus, De origine et situ Germanorum (Germania). Übersetzung "Die Germania des Tacitus"'. Anton Baumstark: Freiburg 1876. Digitalisat auf Wikisource.

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