FANDOM


"De luce" (Über die Metaphysik des Lichts) ist das bedeutenste Werk über Kosmogonie im lateinischen Westen. Diese im Jahre 1225 von dem berühmten Theologen und Philosophen Robert Grosseteste verfasste Schrift ist durchdrungen von mathematischem Denken und ganz der Natur des Kosmos und der Materie gewidmet.

Beschreibung

In "De luce" beschreibt Robert Grosseteste - vier Jahrhunderte vor Newtons Gravitationsgesetzen und sieben Jahrhunderte vor der Urknalltheorie - seine Vorstellung eines Universums, das in einer gewaltigen Explosion geboren wurde, woraufhin eine Kristallisation der Materie einsetzte. Im Zuge dessen entstanden nicht nur Sterne und Planeten, sondern schließlich ein ganzer Kosmos aus ineinandergefügten Sphären mit der Erde als Mittelpunkt (s. Kosmogonie). "De luce" ist damit möglicherweise der älteste bekannte Versuch, Himmel und Erde mit ein und demselben Satz physikalischer Gesetze zu beschreiben. Was der Autor dagegen wohl nicht ahnte, ist, dass seine Ausführungen auch die Existenz zahlloser Universen nahelegen. Dabei steht einer kleinen Gruppe wohlgeordneter Universen ein Ozean aus solchen ohne Struktur gegenüber – ein “Multiversum”, wie es auch die moderne Physik kennt.

Robert Grosseteste erklärte mit Hilfe eigener Berechnungen über die Interaktion von Materie und Licht im frühen Universum die Entstehung des Kosmos. Als kluger Beobachter von Naturphänomenen (Optik, Klima, Form, Bewegung, Zeit), die er mit der Mathematik und Geometrie analysierte, sah er die Masse selbst als Funktion der Energie und entwickelt eine Theorie des Raumes als Funktion des Lichts. "De luce" belegt, wie fortschrittlich die Naturphilosophie im 13. Jh. war.

Entstehung des Universums

Grosseteste beginnt seine Abhandlung mit der Diskussion eines Problems des klassischen Atomismus: Wenn die Atome, aus denen ein Material besteht, punktförmig sind, warum hat das Material als Ganzes ein Volumen? Die Antwort vermutet Grosseteste im Licht, das als Medium den Raum füllen könnte. Nun ist bereits seine Erkenntnis, dass die räumliche Ausdehnung von Materie und deren Stabilität nach einer Erklärung verlangen, eine eindrucksvolle Leistung. Noch faszinierender aber ist, dass er seine physikalischen Ausführungen im Folgenden mathematisch unterfüttert.

Ein endliches Volumen, so schreibt er, entstehe aus einer “unendlichen Multiplikation des Lichts”, die auf die infinitesimalen Einheiten der Materie einwirke. Dazu zieht er eine Analogie zum endlichen Verhältnis zweier unendlicher Summen heran: Der Bruch (1+2+4+8+…)/(0.5+1+2+4+…) habe als Ergebnis die 2, also einen endlichen Wert. Zwar leitet er seinen Begriff von Grenzwerten nicht mathematisch sauber her, aber man versteht, was er ausdrücken möchte: Wenn man gleichzeitig den Zähler und den Nenner eines Bruchs erhöht, bleibt das Ergebnis endlich.

Die dritte bemerkenswerte Zutat in “De Luce” ist aus heutiger Sicht sein Gedanke der Universalität: Dieselbe Physik, mit der sich Licht und Materie in Bezug auf Alltagsgegenstände beschreiben lässt, soll auch auf den Kosmos als Ganzes anwendbar sein. Am Anfang dieses Kosmos steht nach Grosseteste die Explosion einer Art ursprünglichen Lichts, die er als “lux” bezeichnet. Diese Explosion blähte das Universum zu einer gewaltigen Kugel auf, wodurch sich die Materie zu den Rändern hin immer weiter verdünnte. Ein Leser des 21. Jahrhunderts fühlt sich dabei unweigerlich an den Urknall erinnert.

Neun Kristallsphären um die Erde

Dann macht Grosseteste folgende Annahme: Materie habe eine Art Minimaldichte, ab der eine “Perfektionierung” eintritt und die Materie kristalline Form einnimmt. Heute würden wir sagen: Sie durchläuft einen Phasenübergang. Die Perfektionierung beginnt zunächst am außen liegenden Rand des Kosmos, der zur äußersten Schale des mittelalterlichen Universums kristallisiert. Von dort strahlt die perfekte Materie eine zweite Sorte Licht, genannt “lumen”, Richtung Zentrum zurück. Der Strahlungsdruck des “lumen” schiebt dabei auf seinem Weg die Materie vor sich her. Im Vorfeld wird sie angehäuft, im rückwärtigen Teil ausgedünnt. Ein analoger Vorgang in der heutigen Physik ist die nach innen gerichtete Ausbreitung von Stoßwellen einer Supernova.

Wie eine Sonate, die zu ihrem Grundthema zurückkehrt, tritt an dieser Stelle auch das endliche Verhältnis zweier unendlicher Summen wieder zu Tage – nun als eine “Quantisierungsvorschrift”, eine Regel, die nur diskrete Lösungen zulässt. Ähnliches kennt man beispielsweise von den Energiezuständen in Atomen. Sie beschränkt die Materie auf eine endliche Anzahl von Sphären.

Um einen Kosmos entsprechend der im Mittelalter gängigen Vorstellung zu erzeugen, benötigte Grosseteste neun perfekte Schalen, die sich um die Erde als Mittelpunkt des Universums gruppieren. Sie würden jeweils das “Firmament”, die Fixsterne, Saturn, Jupiter, Mars, die Sonne, Venus, Merkur und den Mond enthalten. Durch seine zusätzliche Festsetzung, dass die Materiedichte in der zweiten Schale doppelt so hoch sein müsse wie in der ersten, in der dritten dagegen dreimal so hoch und so fort, entsteht eine regelmäßige Anordnung von ineinandergestaffelten Sphären.

Vollkommenes Inneres des Kosmos

Ein finaler Argumentationsschritt gibt Grossetestes beeindruckender Vereinheitlichung von Himmel und Erde den letzten Schliff: Er postuliert, dass in Richtung auf den Mittelpunkt des Universums die verbliebene, nicht perfektionierte Materie so dicht wird und die nach innen gerichtete Strahlung des “lumen” so schwach, dass kein weiterer Phasenübergang mehr möglich ist – die Kristallisierung bleibt aus. Damit liefert Grosseteste eine Erklärung für die aristotelische Unterscheidung zwischen den vollkommenen Himmelssphären und der unvollkommenen Erde beziehungsweise Atmosphäre.

Nach allem, was wir wissen, ist “De Luce” das erste ausgearbeitete Beispiel eines Ansatzes, bei dem dieselben physikalischen Gesetze im Himmel und auf der Erde gelten sollten – trotz der jeweils sehr unterschiedlichen Strukturen, die dort vorherrschen. Und das Hunderte von Jahren, bevor 1687 Isaac Newton die Gravitation ins Spiel brachte als Kraft, unter deren Einfluss sowohl Gegenstände zu Boden fallen als auch der Mond um die Erde kreist.

Multiversentheorie

Auch ob es möglich ist oder nicht, dass mehrere Universen existieren, war bereits Gegenstand lebhafter Debatten in der damaligen Zeit – so tritt diese Vorstellung beispielsweise in einem päpstlichen Dekret von 1277 zu Tage, in dem diverse wissenschaftliche Überzeugungen als Irrlehre verurteilt wurden. Robert Grosseteste hingegen scheint sich von dieser Debatte ferngehalten zu haben, jedenfalls streift keine einzige seiner erhaltenen Schriften das Thema, mochte er deren Existenz in seiner Kosmologie noch so sehr nahegelegt haben. Im Jahr 1225 war das geozentrische Universum die einfachste Theorie, die mit den Beobachtungen in Einklang stand. Grossetestes Bemühen um eine physikalische Erklärung dieses Kosmos und seiner Entstehung ist faszinierend, zeigt aber auch die Beschränkungen der heutigen kosmologischen Theorie auf – die ebenfalls auf nicht greifbaren Faktoren wie “dunkle Materie” und “dunkle Energie” beruht.

Ordered Universe Project

Übersetzt und interpretiert wurde Grossetestes Abhandlung im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojekts unter der Leitung der Durham University, das The Ordered Universe Project. Mitglieder des Forschungsteams waren u.a. der Physiker Tom McLeish, der Mediävist Giles Gasper, Cecilia Panti von der Universität Tor Vergata in Rom, Neil Lewis von der Georgetown University in Washington D.C. und die Latinistin Greti Dinkova-Bruun vom Pontifical Institute of Medieval Studies in Toronto. "De Luce" selbst ist in einer Übersetzung von Clare Riedl seit 1942 auf Englisch verfügbar. [1]

Mit der Übersetzung im Rahmen des Ordered Universe Projects wurde u.a. ein Missverständnis früherer Bearbeitungen ausgeräumt, denen zufolge das Licht in Grossetestes Abhandlung vom Zentrum weg und auf dieses zu strahlen sollte. Das Team identifizierte zunächst sechs grundlegende “Naturgesetze” in seinem Manuskript, die u.a. die Interaktion zwischen Licht und Materie beschreiben sowie die ausschlaggebenden Bedingungen für die Perfektionierung der Materie und die Wiederabstrahlung beziehungsweise Absorption des “lumen” angeben. Diese Gesetze brachten sie in eine mathematische Form und berechneten die Differenzialgleichungen innerhalb eines dreidimensionalen, kugelsymmetrischen Raums. Um die Konsequenzen der physikalischen Mechanismen in “De Luce” besser zu verstehen und uns zu einem noch genaueren Textstudium zu zwingen, griffen die Wissenschaftler außerdem zu modernen Werkzeugen und erstellten eine Computersimulation ([1] [2]).

Mit der Übersetzung von “De Luce” stellten die Projektmitglieder anschaulich unter Beweis, wie wichtig es für Natur- und Geisteswissenschaften sein kann, gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten und dabei neue Denk- und Arbeitsweisen auszuprobieren – und sie erinnert uns daran, dass die Denktradition, die wir heute “Wissenschaft” nennen, einen langen Vorlauf in der Geschichte hat.

Quellen

Einzelnachweise

  1. Clare Riedl's 1942 translation of On Light (PDF)

Störung durch Adblocker erkannt!


Wikia ist eine gebührenfreie Seite, die sich durch Werbung finanziert. Benutzer, die Adblocker einsetzen, haben eine modifizierte Ansicht der Seite.

Wikia ist nicht verfügbar, wenn du weitere Modifikationen in dem Adblocker-Programm gemacht hast. Wenn du sie entfernst, dann wird die Seite ohne Probleme geladen.

Auch bei FANDOM

Zufälliges Wiki