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Als 'altgermanisch' wird jene Dichtung der germanischen Völker bezeichnet, die nach Inhalt und Form dem greifbaren Einfluß der christlichen Kirche und der Buchbildung vorausliegt. Vor der Schulung durch die Kirche waren die Germanen ein zwar nicht buchstabenloses, aber ein buchloses Volk.

Allgemeines

Die altgermanische Dichtung war a) für den freien Vortrag und die mündliche Weitergabe bestimmt, und sie bezog b) ihre Stoffe nicht nicht unmittelbar aus Schriftwerken; die Dichter beriefen sich nicht, wie die späteren, auf 'daz buoch', vielmehr auf das ich hörte (sagen)'. Nur gelegentlich wurden Dichtungen durch Runen aufgezeichnet. Es gibt drei Stellen in den Sagas, die dafür bedeutsam sind: Egils saga (c. 78), Grettis saga (c. 62) und die Örvar-Odds saga (c.46).

Sie enthalten die typische Sachlage, daß das Gedicht eines Sterbenden mit Runen festgehalten werden sollte: die Anschauung war, daß unter normalen Umständen die mündliche Wiederholung durch den Dichter genügen würde. Die Eingrabung des altenglischen 'Traumgesichtes' auf dem Steinkreuz von Ruthwell betrifft eine buchmäßige geistliche Dichtung. Eine wirkliche Ausnahme macht nur das kleine Gebiet der Inschriftenverse, die tatsächlich auf schriftliche Weitergabe ausgelegt waren.

Formen

Von der Form her waren die Stabreime typisch für die 'altgermanische' Dichtung, die sich über alle germanischen Hauptstämme verbreiteten. Schon für die Zeit der ältesten Zeugen (Plinius, Tacitus) darf man die Stabreimkunst annehmen, besonders auf Grund der stabenden Trias "Erminones-Ingvaeones-Istvaeones". Daneben gab es auch vereinzelte einfache Versgebilde ohne Reim. Verse mit Endreim, ohne Stabreim, tauchten besonders in der jüngeren, von der Kirche gelehrten Kunst auf: sie begannen in Deutschland mit Otfrid von Weißenburg (c. 860), in England hundert Jahre später, in Skandinavien erst nach 1200.

Durch die Spielleute erfolgte der Übergang des stabreimenden Heldenliedes zum endreimenden. Damit wandelte sich auch der altheroische Stil (s. Epische Dichtung). Die modernen Elemente in Nibelungenlied, Kudrunsage, Rabenschlacht, Wolfdietrich kam zum größten Teil erst in der Ritter- und Epenzeit herein. Die Spielleute müssen jahrhundertelang neben ihren andersartigen Erzählungen das Werk der einstigen Hofdichter (Scope) verhältnismäßig schonsam weitergegeben haben.

Auch manches von den niederen Dichtungsgattungen, vor allem die Gesellschaftslyrik, Tanzlieder und anderes Liebeslustige, aber auch die Spruchdichtung, wurde seit der Merowingerzeit von den Spielleuten gepflegt, ja war z. T. ihre eigene Schöpfung. Im 12. und 13. Jh. entstanden dann die neuen Vorbilder der lateinischen Goliarden- und der provenzalischen Trobadordichtungen. Fahrende Spielleute und Ritter wirkten nun zusammen auf die Dichtkunst ein und hoben jene Kunstarten auf eine höhere Stufe.

Begriffe der germanischen Dichtung

Die 'altgermanische' Dichtung im hier bezeichneten Sinn ist nur zum Teil 'gemeingermanisch'. Dieser Begriff ist nicht als 'urgermanisch' zu verstehen und bezieht sich auf eine Periode, die der schärfern Sprachtrennung vorausliegt. 'Gemeingermanisch', nennen wir alle Dichtarten, die mindestens bei Teilen der Süd- und Nordgermanen, gepflegt wurden, mag ihre Ausbreitung auch verhältnismäßig spät, gegen Ende der Völkerwanderungszeit, erfolgt sein.

Daneben gab es Arten, die wir als nur-westgermanisch, nur-englisch, nur-westnordisch und als nur-isländisch kennen, und die ebenso zum altgermanischen Lager gerechnet werden können: z. B. das 'stichische' Heldenlied, die Elegie der altenglischen Vertreter, das epische Götterlied und die Saga. Allerdings bildet die Saga eine eigenständige Form der Dichtkunst, so daß das Hauptaugenmerk hier auf der Dichtung in Versen liegt. Mehrere Gattungen bilden Übergangsphänomene; vor allem das altenglische Heldenepos, das nach Inhalt und sprachlich-metrischer Form der vorkirchlichen Kultur entspringt, in seinem Aufbau und seiner buchmäßigen Art jedoch christliche Prägung voraussetzt.

Eine einfache Zeitgrenze nach unten läßt sich für die altgermanische Dichtung ebensowenig wie für das sonstige germanischen Altertum ziehen. Die Bekehrung der einzelnen Stämme verteilt sich auf einen Zeitraum von mehr als 700 Jahren (4. bis 11. Jh.), und die Fortdauer der alten Gattungen nach der Bekehrung gestaltete sich sehr ungleich: in Deutschland war der Bruch am schärfsten, in England schonender, am gelindesten auf Island. Die Blütezeit der 'altnordischen' d. h. isländischen Schriftliteratur fällt auf 7-9 Menschenalter nach der Bekehrung, ca. 1200-1260, und trägt nach Inhalt und Form weit mehr ein altgermanisches, d. h. unrömisches Gepräge, als das altenglische Schrifttum, dessen erster Hochstand, Beowulf bis Cynewulf, 8. Jh., nur um 2-5 Generationen von der "Heidnischen Zeit" abliegt.

In Deutschland aber brauchte die Kirche ein halbes Jahrtausend, bis sie ein zusammenhängendes, reichliches Schriftwesen in der Muttersprache aufbrachte (ca. 1100). Die mehr gelegentlichen Anläufe der althochdeutschen und altsächsischen Zeit dienen, mit wenigen Ausnahmen, der Bekämpfung und Ersetzung, nicht der Pflege der altweltlichen Kunst.

Dichter

Hinter den Gattungen der Zauberlieder, Gnomischer Dichtung, Memorialdichtung und Gesellschaftslyrik stand kein Dichter, auch kein Vortragender von individueller Kunst. Auch von Standesgrenzen kann kaum die Rede sein, selbst die Rituale Dichtung war kein geistiges Eigentum, jedenfalls kein Geheimbesitz der Priester, da neben dem öffentlichen immer auch das Privatopfer bestand. Man kann nur unterscheiden zwischen den Schauplätzen, der Umwelt der einzelnen Arten:

Die höheren Dichtungsgattungen‎ erforderten ein Erlernen der Kunst, eine Begabung oder gar Meisterschaft. Und zwar zunächst so, dass man Dichten und Vortragen gleichwohl schätzt und für den Vortragen der Beifall der anderen, als Selbstbewußtsein des Künstlers gilt. Der Widsith rühmt seinen und seines Genossen schönen Gesang. Das tief empfundene Bekenntnis im Versus Gnomici Codicis Exoniensis der Exeter-Handschrift (Gn. Ex., 4) [1] läßt es offen, ob die Menge der Lieder und die gottgegebene 'glíwes giefe' für eigene oder übernommene Dichtung gilt.

Auch das Beowulfepos sagt über das wiederholte Auftreten seines Hofsängers kein Wort, ob er etwas Selbstgedichtetes vorträgt. Nur einmal erlaubt der Zusammenhang Rückschluß auf eine sponatene Dichtung. Der Vortragskundige ist Dichter zugleich und Hüter der überlierferten Dichtung; Beowulf (Z. 869): "(der Hofsänger ist) kundig im Dichten, der viele Sagen der Vorzeit kannte, den Edlen ein Lied..." [2] Der blinde Isländer Stúfr, der den Norwegerkönig Harald den Gestrengen (1015-1066) unterhält (ca. 1050), weiß mehr als zehn (var. 1.: dreißig) der einfacheren Preisgedichte (flokkar) auswendig und ebenso viele der höheren Art (drápur). Auf des Königs Frage bekennt er sich als Verfasser jener Loblieder (Fornmanna-Sögur 6, 389 ff.)... Weiterlesen.

Hauptquellen der altgermanischen Dichtung

Es stellt sich die Frage: Woher kennen wir die altgermanische Dichtung? Daß diese Poesie nur einseitig, bruchstückhaft und abgeändert überliefert ist, hat zwei Gründe.

Erstens ihre ursprüngliche Schriftlosigkeit. Diese Dichtungen waren normalerweise für ein mündliche Vorträge bestimmt, damit von selbst der Nachwelt verloren. Auch ein wohlwollend gesinnter Schreibekundiger hätte gar keinen Antrieb gespürt, diese Festhymnen und Zauberformeln und Merkverse aus ihrem natürlichen Elemente in das stumme Buch zu verbannen. Ähnliches gilt für die höhern Gattungen. Daß die Isländer nach 1200 planmäßig die Reste von weltlicher Dichtung niederschrieben und uns so die Edda- und die Skaldenlieder retteten, beruhte auf einem Zusammentreffen außergewöhnlich günstiger Bedingungen.

Auch die Sammlung der "carmina antiquissima" durch Karl den Großen war eine individuelle Tat, nicht weniger als seine "grammatica patrii sermonis". Wir hören nicht, daß woanderwärs, etwa im dichtungsfreudigen England, Gleiches geschah. Denn die großen englischen Sammelhandschriften enthalten im Wesentlichen Buchdichtungen, daneben jene Elegien, die als Erbauungslektüre brauchbar schienen. Die Aufzeichnung eines einzelnen (weltlichen) Liedes - des Hildebrandliedes, Finnsburg - muß als glücklicher Zufall bzw. Schreiberlaune gelten.

Dazu kam natürlich der zweite Grund: daß dieser wohlwollende Anteil der Bewahrung seine Schranke fand im heidnischen oder doch weltlichen Inhalt der alten Dichtung. Die Schreibekundigen waren meist Geistliche: hätten sie diese "prahlerischen Lieder des Heidentums", diese "teuflischen Lieder" (lat. cantica diabolica), diese "unanständigen Klagegesänge" (lat. neniae inhonestae) verewigen sollen? In einem Wort: zugleich mit der Schreibkunst kam eine neue, der alten ("heidnischen") feindlich gesonnene Kultur. Es ist nur das überliefert, was der neue Glaube durchschlüpfen ließ. "Urheidnisches" ist auch auf Island nur in kleinen Trümmern bewahrt. In allen drei Hauptliteraturen, der deutschen, englischen und nordischen, sind nur diese Gattungen vertreten: Zaubersprüche, Heldenlieder. In der englischen und der nordischen: Rituale Rechtsverse, ethisch-gnomische Verse, Rätsel, Memorialdichtung, weltliche Loblieder und Elegien.

Ergänzende Quellen

Diese Hauptquellen, die Literaturwerke selbst, finden eine Ergänzung a) durch die historischen Zeugnisse, B) durch den Wortschatz.

a) Historische Zeugnisse

Zu den Historischen Zeugnissen gehört einerseits die mehr oder weniger freie Widergabe germanischer Dichtungen im Latein der Chronisten (selten anderer Autoren). Dazu zählen z.B. Attilas Grabgesang bei Jordanes und seine Umschreibung von Memorialgedichten und Heldenliedern, in der Origo gentis Langobardorum (7.), bei Paulus Diaconus, Widukind und Saxo Grammaticus. Dazu kommen latinisierte Spottverse und Spruchhaftes.

Auf der anderen Seite Andeutungen, kurze Beschreibungen, die sich auf germanische Dichtkunst beziehen. Diese Zeugnisse beginnen bei Tacitus, setzen nach langer Unterbrechung wieder ein im 4. Jh. (Julianus, Ammianus Marcellinus), fließen etwas reichlicher im 5. und 6. Jh. (Priskos, Apollinaris Sidonius, Cassiodorus, Jordanes, Prokopius, Venantius Fortunatus, Gregor der Große). Die Glanznummer ist Priskos' Bericht über die zwei Hofdichter bei Attila. Jordanes (ca. 550) ist der erste Germane unter diesen historischen Zeugen. Vom 7./8. Jh. an mehren sich solche Andeutungen in den Schriftwerken Deutschlands und Englands: hervorzuheben sind dabei Beda Venerabilis (IV 24) über Caedmon, Alkuins Brief Nr. 124 über Heldengesang, die Vita Liudgeri über den Sänger Bernlef, Einhard über Karls Liederbuch, Adam von Bremen über schwedische Ritualverse; außerdem die Verbote in Predigten, Konzilbeschlüssen, Gesetzen des 7. bis 11. Jhs.

Die drei merowingischen Chroniken (Verfasser romanischer Nationalität), Gregor von Tours, Fredegar, der Liber Historiae Francorum, verfaßten keine Beiträge dieser Art. Wertvoll sind die Aussagen, die in heimischen Dichtwerken begegnen, die über den Rahmen des einzelnen literarischen Denkmals hinausweisen: vorallem im Widsith, im Beowulf, in Deors Klage, in Skaldengedichten; viele exakte Angaben in isländischen Sagas. Es sind so ziemlich alle altgermanischen Gattungen, die in diesen Andeutungen gestreift werden, ja für mehrere stehen uns nur diese äußeren Beglaubigungen, keine poetischen Vertreter zu Gebote: Götterhymnus, Hochzeitslied, Schlachtgesang, Arbeitslied.

b) Der Wortschatz

Die Ausdrücke für Gedicht und Dichter, für singen, Vers usw., kommen der Anschauung von der altgermanischen Dichtkunst zu Hilfe, wenn auch in bescheidenem Maß. Nur die isländische Literatur zeigt diese Namen am lebenden Objekt, gibt zu dem Titel kviða die Gedichte, die so heißen, und erläutert in theoretischen Schriften stilistische und metrische Termini. Das meiste davon ist westnordisches Literaturgut. Bei Engländern und Deutschen haben wir in der Regel das Wort ohne die Sache. Denn auch die lateinischen Gegenwerte in den Glossen (diese liefern die meiste Ausbeute) dienen nicht ansatzweise als wirkliche Beispiele.

Der genauere Bedeutungsumfang der Ausdrücke ist selten zu treffen. Wir wissen kaum etwas genaues über die ahd. sisua, die ein lat. neniae, funebria carmina ('Klagelied') widergeben, oder die Beschaffenheit des aengl. dréam, der mit lat. concentus, jubilatio, melodia ('Konzert mit unendlicher Melodie') u. ä. gepaart wurde. Da es sich größtenteils um Komposita handelt, muß man damit rechnen, daß die Wortbilder erst ad hoc von den Übersetzern gezimmert wurden. Auch wo die Sprachüblichkeit eines Ausdrucks gesichert ist, muß man sich hüten, ihn vorschnell als technisch aufzufassen und eine bestimmte Dichtart oder Vortragsweise, eine bestimmte Berufsstellung aus ihm zu folgern.

Die Etymologie ergibt durchaus einen zweifelhaften Ertrag, zumal wo sie über das Germanische hinaustastet. Das Wesen des wgerm. scop (übersetzt mit 'Spottlied, Sänger, Volkslied, Dichtung' etc.) wird uns nicht klarer, wenn wir ihn zu der Wurzel von schaffen oder der von lat. insece stellen. der wnord. skáld gewinnt nichts von einem Erzähler, dadurch daß man ihn mit ir. scélide verbindet. Auch bei sprachlich klaren Wörtern wie germ. *galdra-, nord. mál ergibt sich der eigentliche Sinn nur aus dem lebenden Sprachgebrauch, nicht aus der Zurückführung auf die etymologische Wurzel... Weiterlesen.

Dichtungsgattungen

Der Versuch, die literarischen Denkmäler selbst mit den Zeugnissen und dem Wortschatz ins Einvernehmen zu setzen, ergibt folgende Umrisse der altgermanischen Dichtungsgattungen. Es versteht sich, dass man die Einteilungslinien von sehr verschiedenen Gesichtspunkten aus ziehen kann. Ganz anders fiele die Gruppierung aus, legte man die Gegensätze zugrunde: chorisch: einzeln, sangbar: unsanglich, Stegreif: tradiert. Der sprachlich-metrische Stil soll auch im folgenden höchstens gestreift werden.

Zauberlieder

Zu den uralten Gattungen der Dichtkunst gehören überall die Zaubersprüche und -lieder. Die Formel des 2. Merseburger Spruches (bén zi béna...) steht sehr ähnlich im Atharvaveda, und wenn irgendwo, so kann man hier durchaus eine indogermanische Erbschaft annehmen. Wichtige Ausdrücke für die besonderen Gattungen der Zauberlieder sind das anord. valgaldr - 'Totenerweckungszauber' und das ahd. hellirúna - 'necromantia' (vgl. ae. helrúne 'pythonissa' = haljaruna; Jord. c. 24).

Der Vortrag geschah wohl stets durch einen Einzelnen, singend oder raunend. (Tänze oder Aufzüge mit magischem Text, Zauberleiche - 'Zaubertänze', sind nicht klar bezeugt) durch die Lage wurde Improvisation bisweilen erfordert. Die Verbindung mit Runen oder sonstiger Schrift ist besonders nordisch gut belegt, s. a. ahd. (Gl.) zauparchiscríp. Schriftliche Zeugnisse beginnen erst im Mittelalter: zahlreiche Verbote gegen die incantationes, carmina diabolica u. ä. Von den bewahrten Vertretern sind die nach Inhalt, nicht Aufbau altertümlichsten die zwei Merseburger Zaubersprüche... Weiterlesen.

Liturgische und rituale Dichtung

An die Zaubersprüche und -lieder reiht sich ohne scharfe Grenze die rituale und liturgische Dichtung. Sie gliedert sich in vorallem drei Kategorien:

  • a) Die rituale bzw. liturgische Dichtung religiöser Art.
  • b) Rituale Rechtsverse, die zwischen dem Religiösen und Profanen vermittelten.
  • c) Rituale Dichtung bei profanen Anlässen (Totenlieder, Bardit).

Dass beim Losorakel die Interpretation der Zeichen in gestabten Versen erfolgte, ist eine wahrscheinliche Annahme. Die Eiriks saga raudha (c. 4) kennt ritualen Gesang, der gelernt sein wollte, als Hilfsmittel beim Wahrsagen unter dem Namen varðlok(k)ur (n. pl. f., 'Herbeilockung der Schutzgeister, Landwichte'?). Nach der romanhaften Örvar-Odds saga (c. 2) führt die Völva sogar einen Chor von 30 Kindern mit sich, der raddlið - 'Sangchor' heißt und 'kveðandi mikil' von sich gibt. Die Völvastrophen in isländischen Sagas sind stilisiert. Möglicherweise enthalten die Kehrreime der Völuspa (fiǫlð veit ek froeða, | framm sé ek lengra u.a.) auch Anklänge an ritualen Wortlaut... Weiterlesen.

Gnomische Dichtung

Die Gnomische Dichtung kann in ihren einfachen Formen gleichfalls als gemeingermanisch vermutet werden. Diese kurzen Sinnsprüche sind im Allgemeinen für Einzelvorträge und Sprechstimme berechnet.

  • a) Die kleinsten Einheiten sind die Begriffs- und Gedankenformeln, metrisch geprägt und stabend. Sie durchziehen Prosa und Poesie, besonders reichlich im Altnordischen. Beliebt sind sie auch in manchen Rechtsquellen ('Gesetzesverse').
  • b) Sprichwörter, aus einem oder zwei Kurzversen mit zum Teil freier Stabsetzung, erscheinen im nordischen Raum in großer Menge, meist einzeln in Prosa, auch in Gedichten. Endreime sind dagegen verschwindend selten. Das Altenglische ist viel ärmer an solchen Sprichwörtern, und die wenigen deutschen stabenden Gnomenverse sind meist jung. Ein gemeingermanischer Bestand ist kaum vorhanden.
  • c) Rätsel in stabreimenden Versen bilden die dritte Art der gnomischen Dichtung. Die zwei umfänglichen altenglischen Sammlungen sind nach Form und zum Teil auch Inhalt von der schlichten volkstümlichen Art weit abgerückt. Die wahren Vertreter vorliterarischer, außer kirchlicher Rätselkunst sind die drei Dutzend altisländisch. Strophen, die Heidreksrätsel, alle spruchhaft knapp, manche richtige Volksrätsel in stabendem Gewände. Das einzige, das im Süden formale Gegenstücke hat, das Kuhrätsel, weist auf eine nicht mehr rein stabreimende Grundgestalt... Weiterlesen.

Merkverse, Memorial- oder Katalogdichtung

Einfache kurze Versreihen, die als Gedächtnishilfe dienten und mythische und heroische, geschichtliche und völkerkundliche Inhalte umfaßten, scheinen den Germanen von Alters her vertraut gewesen zu sein. Den Nachdruck legten sie dabei auf das Tatsächliche, zumeist die Namen, und unterschieden sich dadurch von den höheren Gattungen des höfischen Lobgedichtes und des epischen Liedes.

Die einfachsten Verse dieser Art stammen aus Island und beschränkten sich ganz oder nahezu auf Namen: die þulur (vgl. wnord. þulr - der 'Sprecher'). Sie tauchen teils als Einschiebsel in größeren Gedichten (wie z.B. Völuspa, Grímnismál) auf, oder in Prosasagen (Fornaldar sögur I, 379 ff.), teils als eigene umfängliche Sammlungen in den Abschriften der Snorra Edda (über 2500 Vokabeln). Hervorzuheben ist der kleine Königskatalog Eddica Minora (Nr. XX A) wegen seiner stilistischen Ähnlichkeit mit der Widsith-Dichtung.

Dagegen stehen die großen mono- oder dialogischen Kompositionen mit sagenhaften Sprechern und Rahmenerzählung (Vafþrúðnismál, Grímnismál, Hyndlulioð, Alvíssmál) auf viel jüngerer Stufe. Der bedeutsame englische Vertreter dieser Klasse, der Widsith, ist ebenfalls ein breiter angelegtes Werk mit episch-lyrischer Einkleidung, nur ist diese nicht sagenhaft, sondern dem Leben nachgebildet und darin altertümlicher. Die Zusammenleimung aus kürzeren Merkversreihen ungleicher Stilisierung ist noch ein wenig zu erkennen. Auch hier geht es zuweilen in ein summarisches, redeloses Erzählen über... Weiterlesen.

Gesellschaftliche Lyrik

In den bisherigen Gattungen überwiegt das Offizielle, das Lehrhafte, der praktische Zweck. Die folgenden bringen die Unterhaltungspoesie und die freiere Individualdichtung. Die gesellschaftliche Lyrik ist chorisch oder einzeln, nicht immer sangbar, mitunter zu Instrumentalmusik, häufig Stegreif. Zum Einsatz kam sie bei der Arbeit und am Gelage, auf dem Spielplatz, der Straße. Man unterteilt:

  • a) Arbeitslieder sind leider nicht bewahrt. Für celeuma, den 'Rudergesang’ geben die Glossen: ahd. scipleod, schifsang; ae. lewisplega. Den Gesang einer einzelnen Magd zur Handmühle erwähnt die Heimskringla (3, 373), und die Langzeile im Grottasöngr (3): "leggium luðra, léttum steinum!" kann wohl ein Motiv aus der Mahlkammer sein. Ebenso mag das wiederholte "vindum, vindum!" im Valkyrjenlied aus wirklichen Webeliedchen stammen.
  • b) Chorgesang beim Gelage usw. Das häufige ae. dréam nähert sich bisweilen einem term. techn. dafür. der ahd. gartsang und zílsang - 'chorus'. Der nächtliche cantus der Germanen (Tac, Ann. I, 65: festis epulis, laeto cantu, Hist. 5, 15: Nox... cantu aut clamore... acta) war profaner Gesang, kein kultischer. Im zweiten Fall kann man an Siegeslieder denken, ae. sigeléoð, anord. sigrlióð, mhd. sigeliet. Auch die Lieder der Rheingermanen, die Kaiser Julianus wie "rauhes Vogelgekrächz" anmuteten, kann am ehesten auf Chorlieder beziehen. Der von Otfrid von Weißenburg bekämpfte obszöne Laiengesang kann unter b, c oder d fallen.
  • c) Unchorische Kleinlyrik. Der wertvolle Bericht Beda Venerabilis' (IV 24) über Caedmon überliefert, dass bei der Mahlzeit in dem nordhumbrischen Kloster bisweilen alle Anwesenden aus Heiterkeit sangen, und zwar ging die Harfe dazu um. Caedmon pflegte dann zu gehen, da er nicht wußte, wie man dazu sang und sich daher von der Unterhaltung zurückgezog. Also die Tischgenossen, keine berufsmäßigen Sänger, verstehen sich normalerweise auf ein Liedchen zur Harfe. Eigne Dichtung oder gar Improvisation muß nicht gemeint sein.
  • d) Tanzlieder. Der skandinavische Norden scheint bis in die Ritterzeit nicht getanzt zu haben. Bei den Südgermanen ist zum erstenmal c. 450 von Tanz die Rede; man darf annehmen, dass ein gepflegter Tanz mit Musik und Text erst in der Völkerwanderungszeit aufkam und zunächst nicht über den alten Römerboden hinausdrang. Im Frankenreich eiferte die Kirche seit dem 7. Jhd. viel gegen Tanz und Gesang, der in teuflischer Lust in den Häusern, Straßen und Wegen geübt wurde. An Kirchweihen sollte die Menge keine "unzüchtigen Tänze und Lieder mit entstellten Weibern" absingen, gebot z.B. das Konzil von Chälons ca. 640... Weiterlesen.

Kunstmäßige Einzellyrik

Über die Gemeinschaftsdichtung hebt sich die Kunstmäßige Einzellyrik hinaus, deren Schaffung und Vortrag wenn nicht den berufsmäßigen Dichter, so doch eine außeralltägliche Begabung erheischt. Eine der wichtigsten Gattungen des germanischen Altertums ist das (höfische) Loblied, das Zeitgedicht. Es ist aufs reichste vertreten durch die skaldischen Fürstengedichte der Norweger und Isländer. Die Skaldenkunst entwickelte, wahrscheinlich unter irischem Einfluß, einen ganz eigenartig anmutenden Formenkultus.

Das skaldische Enkomium (hróðr, lof) zu Ehren eines vornehmen Gönners, wurde überwiegend an den Höfen gepflegt und ist ein umfangreiches, wohlvorbereitetes Gebilde, für den Sprechvortrag mit eineer episch-lyrischen Art. Es erzählt von den Taten des Gefeierten, doch ohne eigentliche Fabel, ohne dramatische Schürzung, meist ohne direkte Reden; die preisende Schilderung, der Gefühlserguß des Dichters nimmt neben dem Geschehen einen mehr oder minder breiten Raum ein. Es pendelt zwischen Hymnus und Verschronik. Auch die Verseinlagen der Angelsächsischen Annalen, besonders (I) der Sieg von Brunanburh und (V) Eadweards Tod gehören zu dieser Gattung. Dass der geistliche Hymnus Caedmons vielleicht weltlichen Preisliedern nachgebildet ist, sei wenigstens erwähnt. In deutscher Sprache grenzt das geistliche und endreimende Ludwigslied an; der epische Fluß ist hier stärker (vier Repliken), das Zuständliche und Lyrische tritt mehr zurück... Weiterlesen.

Epische Dichtung

Die folgenreichste Schöpfung der altgermanischen Poesie war die Epische Dichtung, epische Lieder in Form von Heldenliedern und Götterliedern. Heldenlieder sind süd- und nordgermanische gleichermaßen bewahrt. Die nordische Heldendichtung hat sich dabei in viele Kunstformen verästelt. Der älteste, gemeingermanische Typus ist ein Gedicht von ca. 80-300 Langzeilen, das in seinem unmittelbaren Verlauf eine 'Heldensage' als gegenwartentrückte heroische Fabe führt.

Heldenlieder

Die Erzähl- und Redeverse sind bei Heldenliedern annähernd gleich stark vertreten ('doppelseitiges Ereignislied'), die Handlung wird einheitlich, bis zum Schluß der Fabel geführt. Bisweilen setzt sie jedoch mitten in der Verwicklung ein, mit raschem Szenenwechsel, und ohne Zustandsmalerei oder beschauliche Reden. Die Zahl der Auftritte schwankt zwischen einem und etwa 12, die der handelnden Personen bewegt sich zwischen 2 und etwa 10.

Die Haltung der Dichtung ist im Ganzen als episch-dramatisch zu bezeichnen; lyrische Ausbrüche ordnen sich unter (s. Finnsburgh, Atlakvidha). Das Heldenlied ist jedoch keine Dichtung zum Lob der Ahnen und des Stammes. Dem Preis- oder Zeitgedicht gegenüber ist es der kunstvollere, reichere, bewegtere und gegliedertere Organismus. Eine Stegreifdichtung war hier immer nur zu gelegentlicher Lückenbüßung möglich; die Wandlung der Texte war weniger ein mechanisches Zersingen als ein bewußtes Umdichten. Die Ausdrücke 'Ballade' und 'Rhapsodie' füür Heldenlieder sind dabei eher irreführend. Das "Heldenlied" ist der gegebene term. techn, für das gesungene wie das unsangbare Werk. Der westnordische Name war kviða; ein südgermanischer Sondername ist nicht bekannt... Weiterlesen.

Götterlieder

Epische Götterlieder, von sehr ähnlicher Struktur wie die Heldenlieder, haben wir nur in der Lieder-Edda: das Thrymskvidha und das Hymiskvida, , andere erschließen sich aus der Snorra Edda. Man muß annehmen, dass diese hochorganisierte Art in Nachahmung des Heldenliedes entstand, nachdem bisher kunstlosere Merkverse, Hymnen, auch kleine märchenähnliche Prosen die Göttermythen beherbergt hatten. Demnach hat es Götterlieder à la Thrymskvidha nur bei den Germanenstämmen geben können, die noch als Heiden die Kunstform des Heldenliedes bei sich aufnahmen. Die epischen Götterlieder der Edda sind Unterhaltungspoesie, nicht mehr Bestandteile des Gottesdienstes wie ihre schlichteren Vorstufen; sonst hätten sie sich kaum in die christliche Zeit gerettet... Weiterlesen.

Quellen

Einzelnachweise

  1. Versus Gnomici Codicis Exoniensis (Cotton MS). Die altenglischen Denksprüche der Exeter-Handschrift, hrsg. Bibliothek der angelsächsischen Poesie (Internet Archive). Christian Wilhelm Michael Grein, Richard Paul Wülker. Kassel : G. H. Wigand, 1883 ff. Bd. I, S. 341.
  2. Beowulf: Originaltext mit deutscher Übersetzung und Anmerkungen

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