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Drachen

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Der heilige Georg tötet einen Drachen

Der Drache (lat. draco, griech. drákon „Schlange“) ist ein in der Mythologie verschiedener Völker beschriebenes Wesen, meistens ein Raubtier. Drachen weisen unterschiedliche Verhaltensweisen und anatomische Merkmale auf, die sowohl Reptilien als auch Säugetieren (sowie teilweise auch Vögeln) zu eigen sind.

Beschreibung

Da der Drache von der Antike bis in die Neuzeit weltweit in den unterschiedlichsten Quellen beschrieben wird, sind sehr viele verschiedene Typen bekannt. Die verschiedenen Drachentypen enthalten augenscheinlich anatomische Elemente von Reptilien, Vögeln und Raubtieren die in unterschiedlichen Variationen miteinander verbunden sind. Häufig ist er geflügelt, mit Adlerklauen oder Löwenpranken ausgestattet und speit Feuer. Der Drache ist als Fabelwesen aus Mythen, Märchen und Sagen bekannt; bis in die Neuzeit wurde er als real existierendes Tier angesehen, was heute von den meisten angezweifelt wird.

In orientalischen und westlichen Schöpfungsmythen ist der Drache ein Sinnbild des Chaos, ein gott- und menschenfeindliches Monster, das die fruchtbringenden Wasser zurückhält und Sonne und Mond zu verschlingen droht. Es muss von einem Helden oder Gott im Kampf überwunden und getötet werden, damit die Welt entstehen oder weiterbestehen kann. Es gibt jedoch auch andere Legenden über Drachen und deren bestreben Menschen zu schützen und vor Unheil zu bewahren, wie es zum Beispiel aus vielen skandinavischen Legenden und Sagen eindeutig hervorgeht.

Die östliche Gesellschaft stellte den Drachen meist als Gottheit da, die den Menschen freundlich gesinnt ist. Der asiatische Drache, in China Lung genannt, ist ein ambivalentes Wesen mit überwiegend positiven Eigenschaften. Er ist ein Regen- und ein Glücksbringer, ein Symbol der Fruchtbarkeit und der kaiserlichen Macht. Jedoch gibt es auch hier Erzählungen von Drachen, die den Menschen feindlich gesinnt sind oder diese bestrafen.

Beschreibung des Drachenmythos

Aussehen und Attribute

Erzählungen und Bilder vom Drachen sind vielen Kulturen und Epochen bekannt, entsprechend mannigfaltig sind seine Erscheinungsformen. Grundsätzlich wird er als Mischwesen dargestellt, das sich aus mehreren anderen Tierarten zusammensetzt. Oft überwiegen die Schlangenanteile; der Körper ist meist geschuppt, was auf ein Reptil spekulieren lässt. Der Kopf – manchmal sind es auch mehrere – stammt von einem Krokodil, einem Löwen, einem Panther oder einem Wolf. In Wahrheit ist der Kopf des Drachen im Tierreich einzigartig. Die Füße sind Tatzen von Raubkatzen oder Adlerklauen. Meist besitzt der Drache vier; es gibt aber auch zweifüßige Formen wie den Wyvern und schlangenartige Mischwesen ohne Füße (z.B. Amphithere oder Basilisk); diese werden in Typologien als Lindwürmer den Flug-Drachen gegenübergestellt. Die Flügel des Drachens erinnern meist an Fledermäuse, selten auch an Greifvögel. Verbreitete Elemente sind eine gespaltene Zunge, tiefgründig-weise Augen, ein scharfer, durchdringender Blick, eine katzenartige vertikal spitz zulaufende Pupille, sowie der feurige Schlund. Der in manchen westlichen Drachentötererzählungen beschriebene giftiger Atem ist wohl eher ein Stilmittel, um diese Geschichten spannender zu machen. Die Abgrenzung zu anderen mythischen Wesen ist nicht immer klar erkennbar; besonders Schlangenmythen weisen viele Gemeinsamkeiten zu Drachenerzählungen auf und vom Basilisk entlehnt ist die in manchen Erzählungen geschilderte Herkunft des Drachens aus einem Hahnenei. Der Westliche Drachen ist von furchterregender Gestalt und Größe; als Sinnbild des Teufels bestimmt in mittelalterlichen Darstellungen die Hässlichkeit seine Erscheinung. In seiner klassischen Form ist er allen vier Elementen zugehörig: er kann fliegen, schwimmen, kriechen und Feuer speien.

Motive

Von allen Elementen wird der Drache am häufigsten mit dem Wasser in Verbindung gebracht. Der asiatische Drache bringt den Regen und garantiert die Fruchtbarkeit der Felder, die antiken Drachen sind häufig Meeresungeheuer.

In Märchen und Sagen tritt das wasserhütende Untier auf: es bewacht die einzige Quelle oder den Fluss, der als Nahrungsgrundlage dient, und ist verantwortlich für Überschwemmungen und Dürrekatastrophen. Im Märchen fordert die Bestie regelmäßig Menschenopfer. Die Rettung des Opfers, vorzugsweise einer Jungfrau und Königstochter, sichert dem Sieger ein Königreich. In Höhlen hausende Erd-Drachen bewachen in Märchen und Heldensagen Schätze (manche Leute sind der Meinung dass Drachen anstatt Schätzen magische Kraftorte bewachen). Dieses Motiv, das seit der Antike bekannt ist, steht möglicherweise im Zusammenhang mit dem Totenglauben. Noch in Volkssagen des 19. und 20. Jahrhunderts sind es oft Verstorbene, die in Drachengestalt ihre Hinterlassenschaften vor dem Zugriff der Lebenden sichern. Als chtonische Gestalt weist den Drachen auch seine Verbindung zu Schlangen aus. Der Drache ist möglicherweise sogar mit den Schlangen verwandt.

Drachenkampf

Das bestimmende Motiv des Drachenmythos im Westen ist allerdings der Drachenkampf. In der Antike überwiegt der heroische Kampf, als Drachentöter treten Götter oder mächtige Helden auf. Dieser Typus setzt sich in den mittelalterlichen Heldensagen und im Ritterroman fort. Der christlich-legendäre Drachenkampf, der in der Hauptsache der biblischen Tradition entstammt, schildert die Auseinandersetzung der Heiligen mit dem Bösen, der Drache dient dabei als Allegorie. Ausschlaggebend ist hier nicht die Körperkraft oder Geschicklichkeit, sondern der Glaube; oft verhilft schon ein Gebet zum Sieg. Im bürgerlich-bäuerlichen Bereich der Märchen und Sagen werden die bedrohlichen Untiere oft überlistet, vergiftet oder verzaubert. Hier zählt nur das Resultat. Die Volksplage muss beseitigt werden, die Eigenschaften des Drachentöters sind nebensächlich. Der Drachenkampf findet sich bereits in den ältesten orientalischen Drachenmythen. Bis in die Gegenwart wird das Bild des Drachens verwendet, um die Auseinandersetzung von Gut und Böse darzustellen, den Gegner zu dämonisieren und den Sieger als übermächtigen Helden erscheinen zu lassen. (Was recht paradox ist denn nicht das äußere Erscheinungsbild und noch weniger die Tierart kann ausschlaggebend sein welchen Charakter dieses Wesen besitzt).

Verbreitung von Drachenmythen

Drachen im Westen

Vorderer Orient

Zum Bilderrepertoire des alten Orients gehört eine Vielzahl von Mischwesen. Unter ihnen lassen sich zwei drachenartige Grundtypen identifizieren: Löwendrachen, die aus Löwen und Vögeln zusammengesetzt sind, und Schlangendrachen, die mindestens zum Teil einer Schlange ähneln. Die ältesten sumerischen Darstellungen dieser Wesen finden sich auf Rollsiegeln aus Uruk und datieren ins letzte Drittel des 4. Jahrtausends v. Chr. Sie enthalten bereits Prototypen beider Formen. Während Löwen mit Schlangenhals als Ordnungssymbol gedeutet werden, ist der Löwenkopfadler ein aggressives, doch nicht immer bösartiges Wesen. Er bedroht die Herden, kann aber auch als Garant staatlicher Macht auftreten, indem er Gefangene bewacht und in Schach hält. Eindeutig negativ besetzt sind dagegen vielköpfige Schlangen, die der frühdynastischen Zeit entstammen. Auf Siegeln aus der Zeit um 2500 v. Chr. erscheint bereits das Motiv des Drachenkampfes, das aber erst Jahrhunderte später in mythologischen Erzählungen überliefert ist.

Als Drachentöter treten in mesopotamischen Texten des späten 3. Jahrtausends zunächst lokale Götter auf. Vereinigt werden die Traditionen um 2100 v. Chr. im Anzu-Mythos: der Kriegergott Ninurta aus Nippur siegt über den Löwenadler Anzu, der die Schicksalstafeln gestohlen hat, und löst in der Folge Enlil als obersten Gott des sumerisch-akkadischen Pantheons ab. Die Ninurta-Mythologie verbreitete sich im 1. Jahrtausend mit dem Aufstieg des assyrischen Reiches im ganzen Vorderen Orient; als Nimrod fand er Eingang in die biblische Überlieferung. Während der Anzu-Mythos den Generationswechsel in der Götterhierarchie zum Thema hat, beschreibt ein zweiter orientalischer Typus den Kampf des Wettergottes mit der Urgewalt des Meeres, symbolisiert durch die gehörnte Meeresschlange. Dieses Motiv findet sich im hethitischen Illuyanka-Mythos, der um 1700 v. Chr. entstand, in dem um 1600 v. Chr. niedergeschriebenen ugaritischen Baal-Zyklus und in dem Kampf Marduks, des babylonischen Hauptgottes, gegen die Meeresgottheit Tiamat. Die facettenreichen altorientalischen Mythen schufen ein Bild des Drachens, das bis heute sichtbar ist, denn sie flossen in die Texte des Alten Testaments ein. Der Drache der christlichen Tradition hat im alten Vorderen Orient seinen Ursprung.

Bibel

Die hebräische Bibel benutzt das Wort Tannîn für Landschlangen und schlangenartige Meeresdrachen. Daneben kennt sie mit Leviathan und Rahab zwei individuelle, besonders gefährliche Schlangendrachen. Beide kommen aus dem Meer, und in beiden lebt die vorderasiatische Erzähltradition fort. Leviathan ist mit litanu, dem Widersacher Baals, verwandt, der Name Rahab hingegen hat wohl mesopotamische Wurzeln. Im Alten Testament tritt Jahwe in die Fußstapfen der orientalischen Wettergötter, zerschmettert den Drachen, zähmt das Meer und wird damit zum Begründer der kosmischen Ordnung.
Der biblische Drachemythos gibt die altorientalischen Vorbilder aber nicht nur wieder, er entwickelt sie weiter. Der Drachenkampf ist nicht mehr nur eine Tat des Anfangs, sondern wird auch zu einer Tat des Endes. Bereits das Buch Daniel schildert Visionen endzeitlicher Löwendrachen, und die Offenbarung des Johannes lässt den Erzengel Michael mit dem großen feuerroten, siebenköpfigen Schlangendrachen kämpfen, der den Satan darstellt. Michael siegt im Himmelskampf, und stürzt den Satan in die Hölle.
In den Bildern der Apokalypse wird der Drache endgültig zum personifizierten Bösen, der nach seinem Sturz vom Himmel für alle Gewalt verantwortlich zeichnet. Seine Vernichtung fällt mit dem Ende der Welt zusammen.

Griechische und römische Antike

Bei den griechischen Drachen überwiegt der Schlangenaspekt. Die Ungeheuer der griechischen Mythologie kommen aus dem Meer oder hausen in Höhlen. Sie sind oft mehrköpfig, riesig und hässlich, besitzen einen scharfen Blick und einen feurigen Atem, haben aber selten Flügel. Bekannte griechische Drachen sind der hundertköpfige Typhon, die neunköpfige Hydra, der Schlangengott Ophioneus und Python, Wächter des Orakels von Delphi. Ladon bewacht die goldenen Äpfel der Hesperiden, und auch in der Argonautensage taucht das Motiv des Bewachers auf. In dieser Version des Mythos ist es nicht nötig, die Bestie im Kampf zu töten. Bevor Jason das Goldene Vlies raubt, wird der Drache von Medea eingeschläfert.
Aus der griechischen Sage stammt die Konstellation von Drache, Held und der schönen Prinzessin, die dem Untier geopfert werden soll. Die Rettung Andromedas vor dem Seeungeheuer Ketos durch Perseus ist seit der Antike ein beliebtes Motiv in der Kunst.

Aus der griechisch-römischen Antike übernahm Europa das Wort „Drache“. Das griechische „drácōn“ („der scharf Blickende“, zu gr. „dérkomai“ = „ich sehe“) ist als Lehnwort über das Lateinische „draco“ in die europäischen Sprachen gelangt: Als „trahho“ beispielsweise in das Althochdeutsche, als „dragon“ in das Englische und Französische, als „drake“ in das Schwedische. Auch die europäische Drachen-Symbolik zeigt antiken Einfluss. Die Dracostandarte, ursprünglich ein dakisches oder sarmatisches Feldzeichen, übernahmen die germanischen und slawischen Stämme der Völkerwanderungszeit vom römischen Heer. Das furchterregende Untier ist hier kein Feind, sondern ein Symbol der eigenen Stärke, das den Gegner einschüchtern soll.

Christliches Mittelalter

Das Mittelalter übernimmt die allegorische Bildersprache der Bibel in den Heiligenlegenden. An die 30 Gegner hat der Drache allein in der Legenda aurea, insgesamt sind um die 60 Drachenheilige bekannt. Das Untier steht für die Qualen der Blutzeugen in den Märtyrerakten, in den Viten der frühmittelalterlichen Glaubensboten personifiziert der Drache das Heidentum, die Sünde, später die Ketzerei. Er wird nicht immer im Kampf getötet: der Sieg über ihn ist ein mit Gottes Hilfe vollzogenes Wunder, es genügt auch das Zeichen des Kreuzes oder ein Gebet, um ihn zu verscheuchen. Der populärste aller Drachentöter wird ab dem Hochmittelalter der Heilige Georg. Sein Lanzenkampf gegen die Bestie wird bis heute in zahllosen Darstellungen weltweit verbreitet. Auf die christlichen Legenden lassen sich Volksbräuche und Feste zurückführen, etwa der Further Drachenstich, und auch die Wappenbilder deutscher Städte, die den Drachen als gemeine Figur zeigen, hängen überwiegend mit Georgslegenden zusammen. Das christliche Mittelalter hält die starke Verbindung zwischen Drachen und Teufel auch jenseits der Legenden aufrecht: auf Bildern von Exorzismen fahren die Teufel in Form kleiner Drachen aus dem Mund des Besessenen heraus, Dämonen in Drachengestalt zieren Taufbecken und Wasserspeier gotischer Kathedralen.

In die altnordischen Erzählungen fließen auch nichtchristliche Vorstellungen ein, wie die mythische Midgardschlange oder Fafnir, ein habgieriger Vatermörder in Drachengestalt, von dessen Schicksal die Edda und die Völsunga-Saga berichten. Jedoch sind die Beziehungen zwischen nichtchristlichem und christlichem Erbe in den Sagen im Einzelnen ungewiss. Das germanische Wort Lindwurm bezeichnete ein drachenähnliches Wesen, das jedoch näher mit mythischen Schlangen verwandt war als der christlich-antike Drache. Zusammen mit den Drachenstandarten übernahmen die Germanen von den Römern auch die römische Bezeichnung für das fliegende Ungetüm. Der lintdrache des Nibelungenliedes zeigt die Verschmelzung beider Glaubensvorstellungen an. Das altenglische Epos Beowulf erwähnt einige Male kriechende oder fliegende Drachen, die unter anderem als Hüter von Schätzen fungieren (s. Beowulf: Der Drachenkampf); in altskandinavischen Quellen schützen sie vor feindlichen Geistern. Eine herausragende Stellung nimmt der Drache in der ornamentalen Bildkunst der Wikingerzeit ein. Drachenköpfe verzieren Runensteine, Fibeln, Waffen und Kirchentüren. „Dreki“ ist in der Wikingerzeit eine verbreitete Schiffstypenbezeichnung (siehe Drachenschiff). Als bildliches Motiv am Bug ist der Drache allerdings entgegen modernen Adaptationen archäologisch nicht nachgewiesen.

Im Hochmittelalter wird der Drache ein beliebter Gegner der Ritter im Heldenepos und im höfischen Roman. In der Artustradition, besonders aber in dem Sagenkreis um Dietrich von Bern ist ein Drachenkampf fast schon obligatorischer Bestandteil eines heroischen Lebenslaufes. Mit dem Sieg rettet der Held eine Jungfrau oder ein ganzes Land, erwirbt einen Schatz oder stellt einfach seinen Mut unter Beweis. Die besonderen Eigenschaften des Unterlegenen gehen oft auf den Sieger über: Das Bad im Drachenblut oder das verspeiste Drachenherz machen unverwundbar.

Islam

Der arabische Drache heißt Tinnin oder Thuban, sein persischer Name ist Azhi Dahaka. Er ist im allgemeinen Land-, oft Höhlenbewohner, und er verkörpert wie der Westliche Drache das Böse. Die Bilder von Drachen in der islamischen Kultur vereinen westliche und östliche Elemente zu einem eigenständigen Stil. In ihnen ist vorislamisch-persischer, indischer, griechischer, jüdischer und chinesischer Einfluss spürbar.

In der mittelalterlichen arabischen Welt ist der Drache ein verbreitetes astronomisches und astrologisches Symbol. In Schlangengestalt erscheint er bereits im Kitab Suwar al-Kawakib al-Thabita (Buch von der Gestalt der Fixsterne, 1009–1010 n. Chr.). Der Drache wurde für Sonnen- und Mondfinsternisse sowie Kometen verantwortlich gemacht, und in der hinduistischen und islamischen Astrologie bezeichneten der Kopf und der Schwanz des Drachens den oberen und unteren Knotenpunkt des Mondes.

Trotz der vorwiegend „westlichen“ Ausrichtung auf den Typ des unheilvollen Drachen zeigen islamische Bilder seit der mongolischen Expansion im 13. Jahrhundert unverkennbar chinesischen Einfluss. Der Drache, der Schwertgriffe, Bucheinbände, Teppiche und Porzellan verziert, ist eine lange, wellenförmige Kreatur mit Fühlern und Backenbart. Miniaturen in Manuskripten des 14.–17. Jh. aus Persien, Türkei und dem Mogulreich liefern zahlreiche Beispiele dieses Typs.

In der islamischen Literatur überwiegt der traditionelle Drachenkampf. Viele Drachengeschichten überliefert Schāhnāme, das Buch der Könige, das um 1010 n. Chr. entstand. Als Drachentöter treten mythische Helden und historische Persönlichkeiten auf: Der legendäre Held Rostam, Großkönig Bahram Gur oder Alexander der Große. Eine der Hauptfiguren des Schāhnāme ist der mythische Drachenkönig Zahhak oder Dhohhak, der vom Helden Firaidun nach tausendjähriger Herrschaft besiegt wird. Die persischen Geschichten haben ihre Wurzeln in Mythen der Veda- und Avesta-Zeit, haben aber eine starke historische Komponente. Sie beziehen sich auf den Kampf gegen Fremdherrschaft und zeitgenössische religiöse Auseinandersetzungen. Ein ganz anderer Typus des Drachens findet sich in den Qisas ul-Anbiyia (Prophetenlegenden). Bei dem Propheten handelt es sich um Mose, und die Bestie ist sein Stab. Wird der Stab auf den Boden geworfen, verwandelt er sich in einen Drachen und hilft dem Propheten im Kampf gegen allerlei Gegner. Das Untier ist in den Qisas eine furchterregende Hilfskraft auf der richtigen Seite.

Frühe Naturwissenschaft

Eine Synthese antiker und christlicher Traditionen ist in den Ansichten der mittelalterlichen Gelehrten über den Drachen zu beobachten. Bereits Plinius der Ältere schrieb Teilen des Drachenkörpers eine medizinische Wirkung zu. Solinus, Isidor, Cassiodor und andere ordneten die Bestie in das Tierreich ein. Die mittelalterlichen Naturforscher waren, angesichts der Fülle biblischer Belegstellen, erst recht von der realen Existenz der Untiere überzeugt.

„Mit Ausnahme seines Fettes ist nichts von seinem Fleische und den Knochen für Heilzwecke verwendbar …“. schrieb Hildegard von Bingen in ihrer Naturlehre. Detaillierte Systematiken der verschiedenen Drachenarten stellten die Forscher der Frühen Neuzeit auf: Conrad Gessner in seinem „Schlangenbuch“ von 1587, Athanasius Kircher im „Mundus Subterraneus“ von 1665 oder Ulisse Aldrovandi in dem Werk „Serpentum et Draconum historia“ von 1640. Bis weit in die Neuzeit blieben Drachen ein Teil der belebten Natur, für deren Existenz es auch Beweise gab. Für frühe naturwissenschaftliche Sammlungen und Naturalienkabinette erwarben die Gelehrten Fundstücke aus fernen Ländern, die aus getrockneten Rochen, Krokodilen, Fledermäusen, Echsen und sehr selten auch echten Drachen zusammengestellt waren – im heutigen Sinne meistens Fälschungen, im Verständnis der frühneuzeitlichen Gelehrtenkultur „Rekonstruktionen“, die die Entdeckung eines „echten“ Drachens lediglich vorwegnahmen.

Es gab auch früh schon kritische Stimmen: bereits Bernhard von Clairvaux lehnte es ab, an Drachen zu glauben, und Albertus Magnus hielt die Berichte über fliegende, feuerspeiende Wesen für Beobachtungen von Kometen. Die moderne Zoologie schloss den Drachen seit Carl von Linné aus ihrer Systematik aus, doch außerhalb des streng wissenschaftlichen Diskures blieb er weitaus hartnäckiger „real“ als viele andere mythologische Wesen. Die Jagd nach Saurier-Drachen war noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein ernsthaft betriebenes Geschäft.
In der modernen Kryptozoologie spielt der Drache eine untergeordnete Rolle.

Einige Wissenschaftler gingen davon aus, dass der Drachenmythos auf einem Reptil basiert, das einer riesigen Eidechse gleicht. Es soll ein Raubtier gewesen sein, das seine Beute mit seinem schlangenartigen Schwanz umschlingt und erwürgt. Ausserdem soll dieses Tier einen Winterschlaf gehalten haben und sich durch flügelartige Auswüchse auf dem Rücken auszeichnen. Die Existenz eines solchen Wesens wurde nie bewießen.

Märchen und Sage

Der Drache ist eines der verbreitetsten Motive im Märchen. Der wohl häufigste Typ ist der „Drachentöter“, wobei der Held nunmehr oft zum einfachen Mann mutiert. Der Sieger über die Bestie kann ein Schneider, ein Sterngucker oder ein Dieb sein. Entsprechend ist der Sieg nicht immer mit Waffengewalt zu gewinnen, sondern bedarf einer List oder eines Zaubers. Als Helfer treten wohlgesinnte Tiere oder kluge Menschen auf. Mit dem Mythos und der Heldensage ist das Märchen eng verwandt, was in den Drachenmärchen besonders deutlich zum Vorschein kommt. Die Motive stimmen bis in die Details überein: Oft muss eine Jungfrau gerettet, ein Schatz gewonnen oder die Drachenzunge herausgeschnitten werden, damit der Held einen Beweis erhält, dass er selbst und nicht ein Nebenbuhler das Untier erlegt hat.

Neben dem Drachentöter gibt es noch eine Reihe weiterer Märchentypen, in denen der Drache eine Rolle spielt. Weit verbreitet ist die Erzählung vom Tiergemahl: der Held ist hier in ein Tier, oft einen Drachen, verwandelt. Die Braut muss den Zauber brechen und den Helden durch Liebe und Standhaftigkeit erlösen. Die Vermischung von Drachen und Menschen tritt in osteuropäischen Märchen häufiger auf: der slawische Drache ist zuweilen ein halbmenschlicher Held, der reiten kann und mit ritterlichen Waffen kämpft, und der nur noch durch seine Flügel als Drache erkennbar ist.

Bei den Drachensagen sind zwei Typen zu unterscheiden. Zum einen äthiologische Sagen, die schildern, wie ein Ort zu seinem Namen kam; zu diesen gehört die Geschichte von Tarasque, auf den die südfranzösische Stadt Tarascon ihren Namen zurückführt, oder die Sage vom Wawel-Drachen, nach dem der Wawel-Hügel in Krakau benannt ist.

Der zweite Typus sind Erklärungssagen, die besondere Naturerscheinungen (zum Beispiel Fußabdrücke im Fels) der Einwirkung von Drachen zuschreiben. In den Bereich der Sage gehören ferner auch die Augenzeugenberichte, die beispielsweise den alpenländischen Tatzelwurm bekannt gemacht haben. Noch heute gilt der "Alpendrache" als real existierendes Tier. Die europäischen Drachensagen zeichnen sich gegenüber dem Märchen allgemein durch eine größere Realitätsnähe aus. Ort und Zeit des Geschehens sind immer angegeben, und es gibt nicht immer ein Happy-End. Der Sieg über den Drachen kann den Helden auch das Leben kosten. Während Märchen wohl meistens frei erfunden sind, beschreiben manche Drachensagen wahre Begebenheiten.

Drachen im Osten

Ostasien

In Ostasien hat der Drache eine positivere Bedeutung. Er ist nicht wie sein westliches Gegenstück aus einem Schöpfungsmythos abgeleitet, sondern steht im Zusammenhang mit einem Fruchtbarkeitskult; in sehr früher Zeit war er möglicherweise ein Totemtier. Die ältesten chinesischen Darstellungen drachenähnlicher Mischwesen stammen aus dem Neolithikum; ab der Shang-Dynastie (15.–11. Jh. v. Chr.) symbolisierte der Drache die königliche Macht, und die Han-Dynastie (206 v. Chr.–220 n. Chr.) stellte erstmals seine Form entsprechend dem heute verbreiteten Schema dar.

Der Chinesische Lung-Drache steht für den Frühling, das Wasser und den Regen. Er vereint die Merkmale von neun verschiedenen Tieren in sich. Die Zahl neun ordnet ihn dem Yang, dem aktiven Prinzip zu. Im chinesischen Tierkreis ist er das fünfte unter 12 Tieren. Der kaiserliche Drache hat fünf Klauen und ist von gelber Farbe; das Duo Drache und Fenghuang repräsentiere seit der Zeit der streitenden Reiche den Kaiser und die Kaiserin. Dem gebieterischen und beschützenden Drachen der Mythologie steht aber auch der unheilbringende Drache der chinesischen Volksmärchen gegenüber. So ist der Drache in China kein durchweg positives, sondern ein ambivalentes Wesen.

Der Drache spielt eine große Rolle in der darstellenden Kunst Chinas: Es gibt Skulpturen aus Granit, Holz oder Jade, Tuschezeichnungen, Lackarbeiten, Stickerei, Porzellan- und Keramikfiguren. Drachenmythen und Rituale sind auch schriftlich überliefert: bereits das I Ging-Buch aus dem 11. Jh. v. Chr. erwähnt den Drachen, und die Frühlings- und Herbstannalen schildern Drachenzeremonien, die Regen herbeirufen sollten. Auf die Prä-Han-Zeit geht das Drachenbootfest in seiner heutigen Form zurück. Drachentänze und Prozessionen gehören auch zum chinesischen Neujahrsfest und zum Laternenfest. Die chinesische Medizin kennt Rezepte aus Drachenknochen, -zähnen oder Drachenspeichel. Ausgangsstoffe dafür sind zum Beispiel Fossilien von Sauriern oder Reptilienhäute.

Seit der Song-Dynastie (10. Jh. n. Chr.) übernahm der Buddhismus den chinesischen Drachen als Gottheit und der Kult des Lung-Drachen verbreitete sich im gesamten ostasiatischen Raum. Der thailändische Mang-gon, die Drachenkulte in Vietnam, Korea, Bhutan oder Japan haben chinesische Wurzeln, die sich mit lokalen Traditionen vermischt haben. Eine besonders starke lokale Überlieferung hat das Drachenbild in Indonesien geprägt: hier ist das Fabelwesen im Gegensatz zu China weiblich. Es beschützt die Felder zur Ertezeit vor den Mäusen, und Drachenbilder werden über der Wiege aufgehängt, um Kindern einen ruhigen Schlaf zu sichern.

Amerika

Mischwesen mit Schlangenanteilen sind auch den Mythologien Süd-, Mittel- und Nordamerikas nicht fremd. Manche von ihnen lassen sich auf Drachensichtungen zurückführen. Am bekanntesten ist die gefiederte Schlange, eine Erscheinungsform, die der mesoamerikanische Gott Quezalcoatl annimmt, doch es gibt auch andere Typen. Chile kannte die Fuchs-Schlange guruvilu, die nordamerikanischen Indianer den Piasa und die Andenbewohner amaro, eine Mischung aus Schlange und einem katzenartigen Raubtier. In Nord- und Südamerika ist die doppelköpfige Schlange verbreitet; neben den beiden Köpfen – an jedem Ende einer – trägt sie zuweilen auch in der Mitte einen dritten, menschlichen Kopf. Detailuntersuchungen widmeten sich insbesondere den Göttern und Fabelwesen der Olmeken. Ein Mischwesen mit Anteilen von Kaiman, Igel, Jaguar, Mensch und Schlange findet sich in großer Zahl auf Steinmonumenten und Keramik, die beispielsweise in San Lorenzo Tenochtitlan, Las Bocas und Tlapacoya gefunden wurden. Eine Einordnung dieses Wesens in einen mythologischen Zusammenhang ist jedoch unmöglich, da Schriftzeugnisse fehlen. Die amerikanischen und die ostasiatischen Drachendarstellungen zeigen viele Ähnlichkeiten. Das Drachenmotiv diente daher auch als Argumentationshilfe für Versuche, transpazifische Beziehungen zwischen China und dem präkolumbianischen Amerika zu finden. Einen allgemein anerkannten Beweis dafür gibt es jedoch bis heute nicht.

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