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Der Färberwaid (Isatis tinctoria L.) war im Mittelalter die bedeutendste Pflanze zum Färben von Stoffen. Im Reich Karls des Großen (747-814 nach Chr.) z.B. besaß der Anbau und Handel damit große wirtschaftliche Bedeutung. Das aus den Waidblättern gewonnene Indigoblau durfte selbst das Festgewand der Bauern schmücken.

Allgemeines

Der Färberwaid wächst im Mittel- u. Südeuropa sowie im Orient und wurde schon im Altertum von den alten Griechen und Römern als Färberpflanze kultiviert und als Farbematerial für Gewebe etc. benutzt. Auch die Gallier und Germanen gebrauchten den Waid zum Färben; die alten Britannier (Pikten) färbten sich mit Waid blau (schwarz, grün).

Verarbeitung

Im Juni / Juli wurden die Blätter mit dem Waideisen geschnitten und eingesammelt, danach sofort in einem fließenden Gewässer gewaschen, möglichst schnell auf Wiesen (Waidrasen) zum Trocknen und Anwelken ausgebreitet. Die angewelkten Waidblätter wurden in Nassmühlen (Waidmühlen) zu einem Brei zermahlen. Das Produkt wurde auf einen etwa ein Meter hohen Haufen geschichtet und begann darin zu gären. Im September erntete man zum zweiten Mal. Nach zwei Wochen wurden die Haufen vermischt und zu kleinen, ungefähr faustgroßen Ballen, sog. „Waidkugeln“, geformt und auf speziellen Horden getrocknet.

Verkauf des Ballenwaids

Nach der Trocknung wurden die Waidkugeln von den Bauern als sog. Ballenwaid auf dem Markt verkauft, da dieses Halberzeugnis laut Gewerbe- u. Gewerkegebot von den Bauern nicht weiter aufbereitet werden durfte. Der Ballenwaid unterlag außerdem dem allgemein geltenden Marktzwang, d.h. er durfte auch nur in den Städten zum Kauf angeboten werden, die auch das Recht des Waidhandels besaßen.

Der Verkauf des Ballenwaids erfolgte zunächst nach Schock Waidballen und später nach einem Schüttmaß (Kübel) und war durch Vorschriften streng geregelt. In den Städten waren vereidigte Waidmesser dafür zuständig, im Auftrag des Stadtrates über die Einhaltung der erlassenen Ordnungen [1] zu wachen. Dazu gehörte neben dem Vermessen des Ballenwaids auch die Überprüfung seiner Färbekraft.

Weiterverarbeitung des Ballenwaids

Der von Händlern aufgekaufte Ballenwaid wurde in Waidhäusern eingelagert, um hier in den Herbst- und Wintermonaten zum Fertigerzeugnis, dem Waid-Farbpulver, aufbereitet zu werden. Dafür stampfte man die vollständig zerfallene Masse in Fässer ein, in denen sie noch reicher an Farbstoff wurde. Früher wurden die Waidkugeln von den Angestellten der Färber, den Waidknechten, zusätzlich mit Urin angefeuchtet und einer erneuten Gärung ausgesetzt. Nach einer Lagerzeit von etwa zwei Jahren kam der vergärte Waid in die Färbehäuser. Dort wurde er nochmals mit Urin und Pottasche bei 60°C verrührt. Erst nach drei Tagen entstand eine Brühe, die Küpe, welche zum Färben geeignet war.

In einer anderen Variante wurden die getrockenten Waidballen auf den Böden der Waidhäuser mit Waidhämmern (Plöcher) zerschlagen und zu Haufen geschüttet. Diese wurden mit viel Wasser begossen und so unter starker Dampf- und Hitzeentwicklung der erneute Gärungs- bzw. Fermentationsprozess in Gang gesetzt, der sich über mehrere Wochen erstreckte. Im Verlauf dessen waren mehrere Arbeitsgänge erforderlich, die sich unter Beachtung von Ruhepausen für die Fermentation wiederholten:

Die Haufen mussten auseinandergerissen und die Waidmasse gewendet, zerkleinert sowie erneut aufgehäuft und mit Wasser befeuchtet werden. Entscheidend für die Färbekraft des erzeugten Farbpulvers war die Einhaltung einer für die Fermentation optimalen Temperatur. Nach Trocknung und Siebung wurde das fertige Waid-Farbpulver, das eine taubenmistähnliche Beschaffenheit und Farbe aufwies, in Fässern aus Tannenholz zum Versand und Verkauf verpackt.

Das Färben der Stoffe

Das Färben von Stoffen mit Waid war ein komplizierter Vorgang, den die Färber nach wohlgehüteten Rezepturen durchführten. Die Textilien wurden für eine Stunde in die Küpe (Färbebrühe) getaucht, die mit warmem Wasser in beheizbaren Kupfergefäßen angesetzt wurde und neben dem Waidpulver Zusätze von Kleie, pulverisierte Krappwurzel (zur Förderung der Gärung) und vor allem Pottasche (zur Neutralisierung der entstehenden Säuren) enthielt.

Beim Herausziehen der gefärbten Stoffe waren diese zunächst gelb eingefärbt. Erst an der Luft entwickelte sich auf den Textilien durch eine Oxidation die blaue Farbe. Abhängig von der Menge des Farbpulvers, der Nutzungsdauer der Küpe (nachlassende Färbekraft) und der Menge des zugefügten Krapps wurden mit Waid die Farben schwarz, blau, braun und grün in abgestuften Tönen erreicht. Damit war der Waid fast Universalfarbstoff des Mittelalters.

Geschichte

Im Mittelalter war der Waid die bedeutendste Färbepflanze und wurde bis ins 17. Jh. viel angebaut. Er bildete in Deutschland das wichtigste Material zum Blaufärben und war eng verbunden mit der Entwicklung der Weberei und des Tuchgewerbes.

Frühmittelalter

Die Kenntnis des feldmäßigen Waidanbaus in Thüringen wird auf die Slawen zurückgeführt. Die Landgüterordnung Karls des Großen aus dem Jahre 795 nennt bereits den Waid in Verbindung mit Flachs und Wolle.

Spätmittelalter

13. Jahrhundert

Im 13. Jh. entstanden in Thüringen bedeutende Färberzentren für den Waidanbau. Erfurt war schon 1290 wegen seines Waidbaues berühmt, später erwarben auch noch Gotha, Arnstadt, Langensalza und Tennstedt das Recht, Waid zu bauen und zu handeln. Sie werden als die fünf Waidstädte Thüringens bezeichnet. Bis in das 17. Jh. nahm Erfurt unter ihnen eine herausragende Stellung im Waidhandel ein. Aber auch in Mühlhausen, Weimar, Greußen, Weißensee und Naumburg wurde Waidhandel betrieben.

Bereits für die zweite Hälfte des 13. Jhs. ist der Fernhandel mit Thüringer Waid nachweisbar. Als wichtige Märkte für Waid aus Thüringen entwickelten sich die Zentren des Tuchgewerbes in der Oberlausitz und in Schlesien. Die Waidhändler zogen zunächst nach Görlitz und Breslau und weiter nach Polen. Im Jahr 1339 erhielt die Stadt Görlitz das Stapelrecht für Waid. Damit war für die Waidgäste (Waidhändler) die Auflage verbunden, dass jeglicher Waid, der in die Markgrafschaft Oberlausitz gelangte, für vier Wochen in Görlitz niedergelegt und zum Verkauf angeboten werden musste. Erst nach dieser Zeit durften die Thüringer Waidhändler den nicht verkauften Waid nach Schlesien und Polen weiterführen.

14. Jahrhundert

Im Bereich zwischen den fünf thüringer Waidstädten bildete sich ein geschlossenes Anbaugebiet mit Höhepunkten im 14./15. und 16. Jh. heraus. In der Blütezeit des Waidanbaus und -handels bezeichneten Zeitgenossen diese Pflanze als das 'Goldene Vlies Thüringens', da der Thüringer Waid dank seiner hohen Färbekraft besonders begehrt war. Aber auch die zentrale Lage des Thüringer Beckens mit seiner Anbindung an wichtige Handelsstraßen dürfte für den Anbau und besonders für einen Fernhandel von Vorteil gewesen sein.

Für die Waidstädte und die jeweiligen Landesherren war die Färberpflanze auch eine wichtige Steuerquelle, da die Waidbauern entsprechend der Menge an erzeugtem Ballenwaid den sog. Waidpfennig (bereits 1250 urkundlich erwähnt) entrichten mussten. Beim Verkauf des Ballenwaids hatte der Käufer für jeden Kübel Waidgeld an die Stadt abzuführen und auch der Verkauf des Farbpulvers war mit einer Abgabe belastet. Vermutlich trug der Waid so dazu bei, dass die Erfurter Bürger im Jahre 1392 auf eigene Kosten die Universität gründen konnten.

15. Jahrhundert

Mit dem Stapelrecht der Stadt Görlitz für Waid war auch die Benutzung vorgeschriebener Straßen (Straßenzwang) für den Transport des Waids verbunden. Als Rückfracht nahmen die Waidhändler Wachs, Leder und Tuche mit nach Thüringen, so dass sich über den Waidhandel weitere Handelsbeziehungen knüpften. In der zweiten Hälfte des 15. Jhs. ließen sich die Thüringer Waidhändler dann jedoch zunehmend durch Handelsdiener in Görlitz vertreten.

Renaissance

Durch den Fernhandel mit Waid gelangten die Waidhändler, die nicht nur mit dem Waid selbst, sondern auch z.B. mit Waren aus den Rückfrachten handelten, rasch zu Wohlstand und gehörten mit zu den vermögendsten Bürgern. In Erfurt wurden sie wegen ihres Reichtums Waidjunker genannt. Die Waidhändler schlossen sich miteinander, aber auch mit Kaufleuten in Städten des Waidabsatzes (wie z.B. Görlitz und Nürnberg) zu Handelsgesellschaften zusammen.

16. Jahrhundert

Im 16. Jh. kam es zur Gründung von Handelsniederlassungen (Faktoreien) für Waid. Im oberdeutschen Raum war Nürnberg mit seiner Tuchfärberei ein bedeutender Abnehmer für Waid aus Thüringen, doch gelangte dieser auch nach Franken, Schwaben und den Donauraum. Frankfurt a. M. war ebenfalls ein wichtiger Stapelplatz für Waid, da von hier aus das Tuchgewerbe in den mittelrheinischen Städten mit Waid versorgt wurde. Für das Waidanbaugebiet am Niederrhein diente Köln als Markt, von wo aus der Waid auch nach Flandern und die Niederlande gelangte.

Im Jahre 1555 schrieb der Pfarrer Heinrich Crolach über die Thüringer Waidkultur und berichtet, dass sich zur Erntezeit des Waids Wanderarbeiter aus der Lausitz und aus Schlesien als Tagelöhner verdingten, da die einheimischen Bauern mit größeren Anbauflächen auf die Hilfe fremder Arbeitskräfte angewiesen waren. Eine genauere Aussage über den Umfang des Waidanbaus gestatten die Waidregister (Waidbüchlein), die Angaben über die Zahl der Waidbauern, über die Waidanbauflächen sowie über das zu entrichtende Waidgeld (Waidpfennig) für den Waidanbau enthalten. So bauten z.B. im Jahre 1579 allein im Gebiet der Stadt Erfurt (Vogtei- und Amtsdörfer) 1774 Waidbauern in 49 Dörfern auf 4857 Acker (=1838 ha) Waid. [2]

Doch schon Ende des 16. setzte die Verdrängung des Färberwaids zugunsten des stärker färbenden, indischen Indigos ein und es folgte ein Preisverfall für Waidpulver. Selbst Verbote zur Indigo-Verwendung durch die Tuchfärber konnten den Verfall des Waidanbaus und -handels nicht mehr aufhalten. Bereits 1577 sah eine kaiserliche Polizeiordnung ein Verbot der "Teufelsfarbe" Indigo vor. Es folgten mehrere Reichsverordnungen (Reichsabschiede zu Regensburg 1594, 1603, 1604) und kursächsische Verordnungen (Landesgebrechensabschiede 1650, 1654, 1661) gleichen Inhalts und Sinnes.

17. Jahrhundert

Anfang des 17. Jh. beschäftigten sich zwar außer den fünf Waidstädten Gotha, Arnstadt, Langensalza und Tennstedt noch mehr als 300 thüringischen Dörfer mit dem Waidanbau- und -handel, allerdings stammten zu diesem Zeitpunkt die besten Sorten aus der Provence, dem Longuedoc und der Normandie.

Beschleunigt wurde der Rückgang des Waidanbaus durch den 30-jährigen Krieg (1618-1648) mit seinen besonders für den Fernhandel abträglichen Folgen. 1629 war die Zahl der Dörfer mit Waidanbau bereits auf 30 zurückgegangen und auch nach dem Ende des Krieges erholte er sich nicht wieder zum ursprünglichen Umfang. Waidpulver fand zunehmend nur noch als Zusatz zur Küpe aus Indigo Verwendung.

1631 stellte Laurentius Niska in einer Art Denkschrift (Weyd Bedencken) an den Kurfürsten von Sachsen die Vorteile und Nutzen des Waidanbaus für Thüringen aus merkantilistischer Sicht heraus und betonte insbesondere die größere Beständigkeit und Güte der Waidfarbe gegenüber dem Indigo, doch war der Siegeszug des billigeren Indigos nicht mehr aufzuhalten. 1747 betrieben nur noch drei Erfurter und zwölf Gothaer Dörfer Waidanbau. Bis 1802 verringerte sich die Zahl der waidbauenden Dörfer im Gothaer Land auf sieben.

Literatur

Quellen

Einzelnachweise

  1. z.B. der Erfurter Zuchtbrief von 1351; Waidordnungen aus dem 15. bis 18. Jh.
  2. Wiegand, F., Einige Bemerkungen zur Erfurter Waidproduktion in: Europäische Stadtgeschichte im Mittelalter und früher Neuzeit, Weimar 1979, S. 237-258.