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Fredegar bzw. Fredegar Scholasticus (auch Pseudo-Fredegarius) ist der seit 1598 auftauchende Autorenname für die wichtige merowingische Chronik ("Chronicon"), die seit dem Ende der Darstellung Gregors von Tours (591) auf ein halbes Jahrhundert nahezu der einzige geschichtliche Führer ist.

Autorenfrage

Der Name Fredegar ist handschriftlich unbegründet und entstand möglicherweise nur durch falsche Lesung und Konjektur des Schweizer Historkers Melchior Goldast (1578-1635). Erst die Forschungen des deutschen Historikers Bruno Krusch (1857–1940) und die Arbeit Gustav Schnürers (1860-1941) beleuchteten den Hintergrund der Fredegar-Chronik genauer. Die Kompilation des "Chronicons" ist danach keine Leistung eines einzelnen Verfassers, sondern drei Autoren waren nacheinander daran tätig und haben durch Überarbeitung des Ganzen die genaue Bestimmung ihrer Anteile ungemein erschwert. [1]

Autor A

Der erste Autor (A) gab der Chronik die Anlage, indem er außer kleineren Stücken den 235 verfaßten "Liber generationis" des Bischofs Hippolyt von Porto (um 170-235) mit Auszügen aus Hieronymus und Hydatius verband, nach Schnürer auch einen Auszug aus den ersten sechs Büchern der "Frankengeschichte" von Gregor von Tours, den Krusch hingegen Autor (B) zuweist, und die Weltchronik ("Originum seu etymologiarum libri XX") des Isidor von Sevilla hinzufügte und dann auf die Geschichte seiner Zeit kam. Ob er für diese burgundische Annalen bis ca. 603 (Krusch) benutzte oder eine der Königin Brünhilde freundliche Darstellung bis 613 mit entgegengesetzter Tendenz umarbeitete (Schnürer), ist beides sehr fraglich; auch der Endpunkt seiner Erzählung, 613 (Kr.) oder 616/17 (Schn.), wird umstritten. Der Verfasser war mit hoher Wahrscheinlichkeit ein früherer Notar des merowingischen Königs Theuderich II. von Burgund (587–613), der anscheinend zum columbanischen Mönchtum in der Westschweiz übergetreten war.

Autor B

Um 642 überarbeitete ein zweiter Autor (B) südlich der Loire, wohl auch ein königlicher Notar unter den Merowingern Chlothar II. (584–629) und Dagobert I. (608–639), das Werk und setzte es mit derselben burgundischen Tendenz, aber maßvoller und ruhiger bis auf seine Tage fort.

Autor C

Ganz anders der Standpunkt des dritten Bearbeiters, Autor (C), der um 658 unter dem damals schon für sein Haus die Krone erstrebenden karolingischen Hausmeier Grimoald des Älteren (um 615/616-656/662) mit austrasisch-karolingischer Tendenz zahlreiche Änderungen und Interpolationen vornahm, aber zu eigner Fortführung leider nicht mehr kam.

Inhaltsbesprechung

Das plumpe Latein des Werkes, das sich zwar teilweise durch die große Sprachwandlung der Zeit erklärt, aber doch auch einen gewissen Bildungstiefstand verrät, ist für die Beurteilung der historiographischen Leistung nicht maßgebend. Trotzdem fiel die wirkliche gelehrte Arbeit bei allem Fleiß recht dürftig aus; die römische Bildung, die noch auf einen Gregor von Tours gewirkt hatte, war nun völlig vergangen, wenigstens zum Teil dürften die Autoren auch germanischer Abstammung sein. Die Kritik der Vergangenheit gegenüber war fast gänzlich geschwunden und hatte der Phantasie weiten Spielraum gelassen. So wurde ein höchst wertvoller echter Sagenschatz mit Fabeleien gelehrt-tuender Unwissenheit, wie etwa dem Märchen von der trojanischen Abkunft der Franken, verknüpft. Trotzdem war die umfassende Kompilation in jenen Tagen durchaus schon eine Leistung.

Wesentlich höher steht die Zeitgeschichte; denn zur wirkungsvollen Erzählung selbsterlebter Geschehnisse bedarf es keiner besonderen Bildungshöhe oder Gelehrsamkeit. Die drei Autoren waren vermutlich politische Beamte, alle drei in Beziehungen zu bedeutenden Hausmeiern, also Männer, die Kenntnis genug vom Lauf der Dinge gewannen und auch mit ziemlich weitem Horizont wenigstens versuchten, selbst fernere Weltereignisse im Auge zu behalten. Während sie so die Vorteile einer offiziellen Geschichtsschreibung genossen, wahrten sie sich doch eine unabhängige Meinung. Autor A schrieb lebendig, aber mit leidenschaftlicher, die Wahrheit trübender Tendenz. Autor B war viel objektiver, mit guter Beobachtung und ruhig abwägendem Urteil. Autor C war wieder einseitiger. Sie alle drangen gewiß nicht tief, und großteils fehlt auch durch sonstigen Quellenmangel die richtige Beurteilungsmöglichkeit. Immerhin bereiteten sie, wenn auch noch unvollkommen, in gewissem Sinn die karolingische Reichsannalistik vor und sind in Zeiten des Niederganges so gut wie die einzigen geschichtlichen Wegweiser .

Quellen

Einzelnachweise

  1. Die Verfasser der sogenannten Fredegar-Chronik (Internet Archive). Gustav Schnürer. Freiburg (Schweiz) : Commissionsverlag der Universitætsbuchhandlung, 1900.

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