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Die Gesellschaftliche Lyrik ist eine Gattung der altgermanischen Dichtkunst. Sie brachte vorallem die Unterhaltungspoesie und die freiere Individualdichtung hervor. Die gesellschaftliche Lyrik war chorisch oder einzeln, nicht immer sangbar, mitunter zu Instrumentalmusik, häufig Stegreif. Zum Einsatz kam sie bei der Arbeit und am Gelage, auf dem Spielplatz, der Straße.

Beschreibung

Bei der Gesellschaftlichen Lyrik unterteilt man:

Arbeitslieder

Arbeitslieder sind leider nicht bewahrt. Für den celeuma, den 'Rudergesang' geben die Glossen: ahd. scipleod, schifsang; aengl. lewisplega. Den Gesang einer einzelnen Magd zur Handmühle erwähnt die Heimskringla (3, 373), und die Langzeile im Grottasöngr (3): "leggium luðra, léttum steinum!" kann wohl ein Motiv aus der Mahlkammer sein. Ebenso mag das wiederholte "vindum, vindum!" im Valkyrjenlied aus wirklichen Webeliedchen stammen.

Chorgesang beim Gelage

Das häufige aengl. dréam nähert sich bisweilen einem term. techn. für den Chorgesang beim Gelage (s.a. Trinklied). Der ahd. gartsang und zílsang - 'chorus'. Der nächtliche cantus der Germanen (Tac, Ann. I, 65: festis epulis, laeto cantu, Hist. 5, 15: Nox... cantu aut clamore... acta) war profaner Gesang, kein kultischer. Im zweiten Fall kann man an Siegeslieder denken, ae. sigeléoð, anord. sigrlióð, mhd. sigeliet. Auch die Lieder der Rheingermanen, die Kaiser Julianus wie "rauhes Vogelgekrächz" anmuteten, kann am ehesten auf Chorlieder beziehen. Der von Otfrid von Weißenburg bekämpfte obszöne Laiengesang kann unter b, c oder d fallen.

Unchorische Kleinlyrik

Über Unchorische Kleinlyrik liest man in einem wertvollen Bericht des Beda Venerabilis (IV 24) über Caedmon. Er überliefert, dass bei der Mahlzeit in dem nordhumbrischen Kloster bisweilen alle Anwesenden aus Heiterkeit sangen, und zwar ging die Harfe dazu um. Caedmon pflegte dann zu gehen, da er nicht wußte, wie man dazu sang und sich daher von der Unterhaltung zurückgezog. Also die Tischgenossen, keine berufsmäßigen Sänger, verstehen sich normalerweise auf ein Liedchen zur Harfe. Eigene Dichtung oder gar Improvisation muß nicht gemeint sein. Leider werden weder Umfang noch Inhalt der Rundgesänge angedeutet; es könnten auch geistliche Strophen gewesen sein.

Dagegen singt der westsächsische Prinz Aldhelm (7. Jhd.) ein Gassenliedchen (lat. carmen triviale) und läßt es unmerklich in geistlichen Inhalt übergehen: was bei einem epischen Lied nicht tunlich wäre. Ein zierlicher Stegreifvierzeiler in englischer Sprache wird Knut dem Großen beigelegt, doch schon in dem neuen Versmaß mit Reim (Merie sungen ðe muneches binnen Ely...).

Improvisierte Gelegenheitsstrophen, eine lyrisch-epigrammatische Alltagspoesie, haben wir in Masse in den westnordischen Schriftwerken. Es sind gesprochene Verse, meistens in den künstlichen skaldischen Formen. Von schlichteren kviðlingar, Vierzeilern, die beim isländischen Mahl über den Tisch flogen, gibt die Sturlunga saga (I, 20) eine ungewaschene Probe. Der bäuerische Humor greift hier auch zur Travestie einer alten ernsten Strophe (Heimskringla I, 150).

Spottverse

Der Westgote Theoderich II. (c. 460) erlaubte gelegentlich nachahmende Gesten bei Gästen, wenn sie freche Zeilen in beißender Sprache kannten. Das können jedoch auch außerpoetische Späße gewesen sein. Spottverse (aengl. bismerléoð - 'oberflächliches Lied') sind in Deutschland seit dem 9. Jhd. mehrfach bezeugt, und werden auch durch zwei kleine ahd. Proben, endreimend, vertreten. Die Isländer pflegten neben der harmloseren Art, die unter anderem in der hübschen Ingolfstrophe vorliegt (Allar vildu meyiar | með Ingolfi ganga), das ehrabschneiderische níð, das sich mit Vorliebe an geschlechtlichen Perversitäten weidete (Beispiele: Heimskringla I., Kristni saga c. 4; Biarnar saga c. 20; vgl. Þorsteins saga Síðu-Hallssonar S. 222, i8 ff. u. ö.).

Die großen Scheltszenen in sagenhaftem Kostüm, wie Lokasenna, Hárbarðslióð, Örvar-Odds saga Männervergleich, sind hochentwickelte Schößlinge der eristischen Gattung. Für gemeingermanische darf man sie jedoch nicht halten; den dialektischen 'Streitgedichten' des europäischen Mittelalters stehen sie völlig selbwachsen gegenüber, eher haben sie Anregungen von irischen Zankgesprächen erfahren.

Erotische Dichtung

Erotische Dichtung ist den Isländern unter dem Namen mansǫngr - 'Mädchenlied' geläufig, ebenfalls in den skaldischen Maßen. Zum Teil sind es größere Gedichte, die sich in die Klasse der "Kunstmäßigen Einzellyrik" einreihen, zum Teil aber Stegreif-Einzelstrophen. Solche sind auch den anderen Germanen nicht abzusprechen.

Tanzlieder

Tanzlieder sind aus dem skandinavischen Norden bis in die Ritterzeit nicht überliefert. Es scheint, als ob sie bis dahin nicht getanzt haben. Bei den Südgermanen ist zum erstenmal ca. 450 von Tanz die Rede; man darf annehmen, dass ein gepflegter Tanz mit Musik und Text erst in der Völkerwanderungszeit aufkam und zunächst nicht über den alten Römerboden hinausdrang. Der älteste Ausdruck dafür war *laikaz; erst mittelhochdeutsch ist reie - 'Reigen' (vgl. ahd. réh forasanc); ahd. túmón ist 'Drehung, Kreis'.

Im Frankenreich eiferte die Kirche seit dem 7. Jhd. viel gegen Tanz und Gesang, der in teuflischer Lust in den Häusern, Straßen und Wegen geübt wurde. An Kirchweihen sollte die Menge keine "unzüchtigen Tänze und Lieder mit entstellten Weibern" absingen, gebot z.B. das Konzil von Chälons ca. 640. "Unmoralische Schandlieder" sind ein stehender Ausdruck für diese ausgelassenen Tänze. Wenn derlei für die Kirche leicht als Volkstum bzw. Heidentum galt, muß es darum allerdings nicht aus Kulttänzen bestanden haben. Das älteste Zeugnis für einen solchen "weibischen Reigen" in haßloser Beleuchtung, gibt Priscus (ad a. 446): zur Begrüßung Attilas führen Mädchen einen Schleiertanz aus und singen dazu.

Man hält dies für gotisch; und den Goten jener Zeit läßt sich wohl eine solche, gewiß importierte Kunstübung zutrauen. An Lobgesänge auf Attila oder gar an religiöse Chöre braucht man nicht zu denken: es kann schlichte Reigenlyrik gewesen sein. Solche veranschaulicht im 11. Jhd. die Erzählung von den Tänzern von Kölbigk. Der Reigenführer singt eine Strophe: zwei Langzeilen in erzählendem Tempus auf ein Paar der Tanzgesellschaft anspielend, dann ein Kurzvers "Warum stehen wir? Warum beginnen wir nicht?" Es scheint, dass der Chor zu seinem Reigen das Ganze nachsingt, nicht bloß den letzten Kehrreimvers. Da die zwei Langzeilen keine Spitze haben, muß ihnen weiteres gefolgt sein (der alte Bericht läßt es unentschieden); aber auf ein episches Lied im eigentlichen Sinne lassen diese ad hoc gedichteten, vielleicht improvisierten Verse mit ihrem Gegenwartsmotiv nicht schließen. Nahe stehen die Gelegenheitsverse Knuts gleichfalls im erzählenden Präteritum und soweit nicht rein lyrisch.

Zeitgedicht

Ein Zeitgedicht, das ausdrücklich als Volkslied und Text von Frauenreigen bezeichnet wird, ist das alte Farolied aus dem 6. oder 7. Jh. Es fällt in den romanischen Kulturbereich; auf germanischer Seite begegnen Zeitgedichte als Tanztexte erst ein halbes Jahrtausend später. Die epische Ballade aber, das Heldenlied als Tanzbegleitung, schuf erst das Rittertum um 1200.

In der 'altgermanischen' Literaturgeschichte hat das Wort 'Ballade' keine Stelle. Der vielerörterte Ausdruck ahd. winileod, glossiert durch 'Volkslieder, weltliche Lieder; naive und dumm Lieder', und ist am ehesten als umfassender Name für diese ganze Kleinlyrik zu betrachten. Ob der sprachliche Sinn 'Gesellenlied' ist oder aber 'Buhlenlied, Liebeslied', streitet man. In dem zweiten Fall müßte das Wort einen sehr erweiterten Begriff erlangt haben. Dass bei Nonnen das 'Schreiben oder Verschicken' der winileod vorkam (Kapit. von 789), wiese eigentlich auf Liebesverse hin, die man als briefliche Grüße aussandte; denn die gewöhnliche Unterhaltungslyrik aufzuzeichnen, bestand kein Bedürfnis.

Quellen

Einzelnachweise

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