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Als Gewere bezeichnete man in der süd-[1] u. westgermanischen Rechtssprache die Austattung mit der Herrschaftsgewalt bzw. Herrschaftsrecht, das auch bei Entfernung der Person von der Sache nicht erlischt; z.B. der Anspruch auf Liegenschaften und auch die darauf befindliche Fahrnis, die man auch besitzt, wenn man nicht unmittelbarer vor Ort ist.

Beschreibung

Die Gewere war das grundlegende Institut des mittelalterlichen deutschen Sachenrechts. Gewereinhaber war jeder, der mit der Herrschaft über die entsprechende Sache bekleidet war bzw. der durch tatsächliche Rechtsausübung als Sachherr erscheint. Der Gewerebegriff war lange umstritten. Heute herrscht Einigkeit insofern, als niemand daran zweifelt, dass sie Besitz ist. Sie entspricht also der römischen possessio, unterscheidet sich jedoch auch wesentlich von dieser, da die beiden Erfordernisse der possessio, animus und corpus, Besitzwille und räumliche Beziehung zur Sache, fehlen können.

Während die possessio tatsächliche Sachherrschaft ist, ohne dass aber der Besitzer das Eigentum auch geltend machen muss, hat die Gewere jeder, der die Sache auf Grund irgendeines wirklichen oder behaupteten Rechtes innehat, mag er auch einen anderen als Eigentümer anerkennen. Aber er muß ein solches Recht in Anspruch nehmen und den Umständen nach in Anspruch nehmen können. „Raubliche“ oder „diebliche Gewere“ (anord. ránshefð) ist zwar möglich. Aber ist das Delikt offenkundig oder eingestanden, so kommt damit die Gewere samt dem Gewereschutz zu Fall.

Mit anderen Worten, der Besitz wird nicht, wie in Rom, um seiner selbst willen geschützt, sondern in ihm wird das Recht geschützt. Die Gewere diente also einerseits der Rechtsverteidigung (Defensivwirkung) und gleichzeitig der Rechtsverwirklichung (Offensivwirkung). Die Gewere ist die Form, in der das Recht erscheint und in der es übertragen wird.

Fahrnis und Liegenschaften

Die Gewere ist, wie der heutige Besitz, im Gegensatz zur römischen possessio ein Rechtsverhältnis. Daher ist es möglich, die Gewere zu übertragen, ohne unmittelbar die Sache selbst zu übergeben. Dabei ist zwischen Fahrnis (tragbarer Habe) und Liegenschaften (nicht tragbarer Habe) zu unterscheiden.

Der Gewerebegriff paßte sich den verschiedensten wirtschaftlichen Verhältnissen an. Daher auch der Gegensatz zwischen liegenschaftlicher und Fahrnisgewere. Der wirtschaftliche Wert einer beweglichen Sache besteht im Haben, in der Möglichkeit, sie zu gebrauchen, zu verbrauchen, darüber zu verfügen. Haben kann eine Sache jedoch nur einer; daher ist an der einzelnen Fahrnissache, die nicht Zubehör eines Grundstücks ist, nur eine Gewere möglich.

Erbrecht

So wie Besitz unter den Lebenden durch Rechtsgeschäft übertragbar war, war es ebenso die Gewere. Genau wie auch im heutigen Recht der Besitz vererbbar: „Der Tote erbt den Lebenden“, franz. »Le mort saisit le vif«. D.h. der Erbe setzt unmittelbar mit dem Erbfall die Herrschaft des Erblassers fort, auch ohne Besitzergreifung und sogar ohne dass er von dem Erbfall zu wissen braucht. Der Tote setzte ihn in die Gewere (s. Erbrecht).

Etymologie

Die Gewere hieß mhd. gewer, ahd. giweri, mnd. gewere, were, nl. weer, abgeleitet aus ahd. werien, got. wasjan ‚bekleiden‘, Lehnübersetzung nach mittellat. Vorbild investītūra ‚Einkleidung‘ aus investīre; nicht zu verwechseln mit dt. Wehr, wehren ‚sich verteidigen‘ oder Gewähr(schaft). Die praktische Verwendbarkeit des Begriffes findet ihren Ausdruck in der Tatsache, dass er mit der deutschen Bezeichnung im Spätmittelalter von den Nordgermanen entlehnt wurde. Im französischen Recht erscheint die Gewere als saisine (engl. seisin, seizin).

Unterscheidungen

Aus der Zulässigkeit mehrfacher Gewere, bei z.B. Liegenschaften, folgte die Notwendigkeit, zwischen schwächerer und stärkerer Besitzrechten abzuwägen. Seit dem späteren Mittelalter wurde daher unterschieden zwischen Eigentumsgewere (mnd. egenlike g.), Lehnsgewere, Erbzins-, Satzungs-, Leibzuchts-, Pacht-, Mietgewere, Gewere zu treuer Hand und zu rechter Vormundschaft. Außerdem ist je nach der Zugehörigkeit des Besitzverhältnisses zu einem der großen Rechtskreise die land-, lehen- und hofrechtliche Gewere auseinanderzuhalten.

In erheblichem Umfang kennt das Mittelalter eine Gewere an Rechten, und zwar nicht nur an Liegenschaften als Immobilien, sondern an Rechten verschiedenster Art, die eine dauernde Herrschaft gewährten. Dabei sprach man häufig von einem „Eigentum am Recht“. Wie bei einer Gewere an Reallasten (Zinsen, Renten), handelt es sich ursprüngliche um Eigengewere (Zinsgewere) am belasteten Grundstück. Das Besitzrecht des Inhabers wurde zum Eigentum. Die Gewere des Obereigentümers wurde zu einer Gewere am Rentenrecht.

Quellen

Einzelnachweise

  1. Hoops, aaO. Bd. I, S. 262

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