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Dass die Haarpflege bei den Germanen beider Geschlechter eine wichtige Rolle spielte, beweisen die überaus zahlreichen Funde der Kämme, Haarnadeln usw. aus allen Perioden der Frühgeschichte. Selbst in Gräbern von Kriegern lagen neben den Waffen der Kamm, und auf einigen Grabsteinen ließen sich z.B. Frankenkrieger mit ihrem Kamm abbilden.

Beschreibung

Auch das Waschen des Kopfhaares (daʒ houbet twahen), das später bei den Germanen beiderlei Geschlechts allgemein üblich war, läßt sich schon früh belegen. Selbst falsches Haar statt des eigenen wird auch schon im Mittelalter erwähnt, allerdings bei Frauen nicht vor dem Jahr 1000.

Auch in Nordeuropa legten die Menschen hohen Wert auf schönes Haar (hár), und daß sie schon zur Bronzezeit Sinn dafür hatten, es zu pflegen und zu ordnen, zeigen die vielen Kämme aus Horn und Bronze, die man aus dieser Periode fand, sowie mehrere andere Gegenstände zur Körperpflege. Zur Wikinger- und Sagazeit war hellgelbes Haar (gult hár) besonders beliebt, daneben das kastanienbraune (iarpt hár). Und wenn man schönes Haar hatte, ließ man es oft sehr lang wachsen, so daß häufig von Männern die Rede ist, deren Haar ganz bis zum Gürtel herabreichte. In den Personenschilderungen der Sagas wird es immer als wahre Zierde bezeichnet, wenn einer langes, dichtes Haar hat, besonders wenn es oben glatt ist und in Locken über die Schultern herabfällt.

Glattes Haar (rétthárr) galt für weit schöner als krauses Haar (skrúf-hárr, hrokkit hár), und ein Haarwirbel oder stark krauses Haar an der Stirn (sveipr, sveipt hár í enni) galt geradezu als Makel. Bisweilen ließ man das Haar über die Stirn herabhängen, wo es dicht über den Augenbrauen quer abgeschnitten wurde (brúnaskarðr á hári). Am Ende des 12. Jhds. war es am norwegischen Hof Mode, das Haar etwas kürzer als die Ohrläppchen zu schneiden und an der Stirn über den Augen brauen einen kurzen Schopf zu tragen, worauf es rund herum glattgekämmt wurde, so wie jedes Haar von selbst fiel.

Aber üblicherweise trug man das Haar länger, und es wurde dann um die Ohren zurückgestrichen (greitt aptr um eyrun) und in dieser Stellung durch ein Haarband festgehalten. Man pflegte das Haar besonders gut, kämmte und wusch es, und es scheint allgemein Sitte gewesen zu sein, daß die Frauen den Männern das Haar wuschen und schnitten. Wollte man einem Mann eine große Schmach zufügen, so schor man ihn zum Kahlkopf.

Haarfarbe

Blondes oder hochblondes Haar war bei Männern und Frauen beliebt und galt als schön; das schwarze Haar wurde bei einigen Germanenstämmen während der römischen Eisenzeit (0 bis 200 n. Chr.) als minderwertig angesehen; val oder gel als Haarfarbe fehlt bei keiner Schönheitsschilderung. Rotes Haar galt teilweise als verdächtig, sein Träger als falsch oder bösartig.

Das Färben der Haare wird von dem römischen Historiker Ammianus Marcellinus (4. Jh.) als germanische Kriegersitte überliefert, die Haar und Bart leuchtend rot färbten (Res Gestae 27, 2, 2: "das Haar rot wie gewohnt" [1]). Bei den Frauen war das Färben der Haare gleichfalls üblich, allerdings weit seltener (s.a. Haarbeize).

Haartracht

Ursprünglich wurde das Haar bei den Germanen allgemein lang und frei herabhängend getragen, wie es von den Chatten noch später ausdrücklich erwähnt wird, und ebenso vom kriegerischen Hauptstamm der Sachsen als Kriegstracht. Die Langobarden schoren das Hinterhaupt und scheitelten das vorn tief in das Gesicht reichende Haar an der Stirn nach beiden Seiten. An einer vielbesprochenen Stelle der Germania des Tacitus wird von den Sueben berichtet, daß sie ihr Haar schräg seitwärts strichen und das enge am Kopfe aufgestrichene Haar auf dem Wirbel in einen Knoten banden (der sog. Suebenknoten).

„Kennzeichen dieses Volkes ist es, das Haupthaar seitwärts zu richten und in einem Knoten knapp zu unterbinden; so trennen sich die Sueven von den übrigen Germanen, so der Sueven Freie von den Knechten. [...] Bei den Sueven streift man bis zur Grauheit das aufgesträubte Haar zurück und bindet es oft gerade auf dem bloßen Scheitel. Die Hohen tragen es auch noch mehr geziert. Dies ist ihre Sorge für Schönheit [...] nicht um zu lieben oder geliebt zu werden, – zu einer gewissen Hoheit und Schrecklichkeit geputzt schmücken sie, dem Krieg gewidmete Männer, sich so für der Feinde Augen.“

Tacitus: Germania (Kap. 38.) [2]

Der deutsche Germanist, Dialektforscher Hermann Fischer nahm an, daß nur bei den Alten der Knoten auf dem Scheitel, bei der "haarreicheren" Jugend mehr vorn und seitlich gesessen habe, wie Reliefs der Trajansäule in Rom zeigen, die das Haar über dem Ohr gescheitelt zeigen, während der untere Haarteil in geringer Länge schlicht nach abwärts hängt und die obere Hauptmasse des Haares schräg nach aufwärts und vorn gestrichen und direkt über der Stirn seitlich an der Haargrenze zu einem flachen Knoten zusammengedreht ist.

Die skandinavischen und angelsächsischen Stämme trugen das Haar lang und frei noch bis in späte Zeit; das Scheren des Haares war ein Zeichen der Unfreiheit und entehrende Strafe. Die praktischere kurze Haartracht, welche einige Küstenstämme der Sachsen schon früh übten, gewann unter dem Einfluß der Römer vom Süden her an Herrschaft. Neben dem Kamm, der schon seit frühster Zeit ständig Verwendung gefunden hatte (wie sehr er beliebt war, beweisen die Darstellungen fränkischer Krieger mit dem Kamm in der Hand auf Grabsteinen), kommt langsam die Schere als Hilfsmittel der Haarordnung und -pflege in Gebrauch.

Nur die Fürsten der Franken behielten das lang herabwallende Haar als Auszeichnung bei, das übrige Volk ließ den Nacken zur Hälfte frei, ebenso die Stirn, wo man das gekürzte Haar nicht mehr scheitelte, sondern einen Haarbüschel als Schopf stehen ließ. Tonangebend waren hierin die Karolinger, besonders Karl der Große selbst. Scheitel und Locken kommen erst nach dem 11. Jh. wieder mehr in Mode, werden aber lange als höfische Ziererei empfunden.

Haartracht der Frauen

Auch bei den Frauen der Germanen galt das offen getragene, langwallende Haar als das schönste und vornehmste, vermutlich auch, weil es Freiheit vom Zwang der Hausarbeit voraussetzt. Doch es waren wohl vor allem praktische Gründe, die zur Verwendung von Steckkamm, Haarnadel und Haarnetz führten und zum Flechten des Haares. Das offene Haar wurde in der Mitte des Vorderhauptes gescheitelt, das befestigte Haar wurde in einen Knoten zusammengenommen, meist am Hinterkopf; dieser Schopfknoten (got. skuft, skufts, anord. skopt, ahd. scuff) ist auch der ursprüngliche Sinn des Zopfes (anord. toppr, ags. top, mhd. zoph, zopf) als des auf dem Scheitel zusammengedrehten Haarschopfes, den erst später der Nebensinn des geflochtenen Haares ablöste (s. Zopf).

Auch für die nordeuropäischen Frauen spielte das Haar eine große Rolle, zumal es als ihre schönste Zier betrachtet wurde und in den Sagas als oberstes Merkmal einer weiblichen Schönheit stets hervorgehoben wird, daß sie langes, schönes Haar hatte (hár mikit ok fagrt). Darum ließ sie es so lang wie möglich wachsen, und es heißt häufig, es habe bis zum Gürtel gereicht, ja bisweilen, es sei so lang und dicht gewesen, daß es die ganze Figur bedecken konnte.

Es fehlte denn auch nicht an guter Pflege des Haares, was unter anderem daraus hervorgeht, daß die Frauen oft geschildert werden als ihr Haar kämmend und waschend, manchmal an einem Bach oder Fluß unter freiem Himmel. Und die Frau verstand es auch, ihr Haar schön und geschmackvoll zu ordnen. Schon zur Bronzezeit befestigte sie es mit einem Hornkamm und sammelte es in einem Haarnetz (s. Kleidung der Bronzezeit) am Hinterkopf, wodurch eine sehr kleidsame Haartracht entstand, nicht unähnlich derjenigen der griechischen Frauen in der besten Zeit der Kunst.

Wie die verheiratete Frau zur Sagazeit ihr Haar ordnete, ist nicht ersichtlich, doch weisen gleichzeitige Abbildungen außerhalb des Nordens darauf hin, daß es in lange Flechten geflochten und die Enden unter der Kopfbedeckung am Hinterkopf befestigt waren, wie noch heute auf Island. Junge Mädchen dagegen gingen stets mit aufgelöstem, frei hängendem Haare, das durch ein hübsches Stirnband festgehalten wurde, und dasselbe scheinen auch junge Witwen getan zu haben.

Verwandte Themen

Haarpflege und - tracht: Haarband  •  Haarbeize  •  Haarbrenneisen  •  Haarbürste  •  Haarnadeln  •  Haarnetz  •  Haarsalbe  •  Kamm  •  Kopfbedeckung  • 

Quellen

Einzelnachweise

  1. Ammianus Marcellinus, Res Gestae Libri XXXI (Volltext auf Wikisource) 27, 2, 2: "comas rutilantes ex more" 367 n.Chr.
  2. Tacitus, De origine et situ Germanorum (Germania). Übersetzung "Die Germania des Tacitus"'. Anton Baumstark: Freiburg 1876. Digitalisat auf Wikisource.

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