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Als Hagiographie bezeichnet man die geschichtliche Beschreibung des Lebens von Heiligen und ihre Erforschung. Diese Darstellungen der Heiligenleben gehören zwar nicht zur Historiographie (Geschichtsschreibung) im engeren Sinne; aber wo die Protagonisten mit dem weltlichen Leben oder gar als Staatsmänner, in Berührung kamen, und der Autor noch ihn selbst oder seine vertrauten Schüler und Freunde kannte, da kommt doch mitunter die Heiligenvita der weltlichen Biographie nahe.

Beschreibung

Die Beschreibung von Heiligenleben wurde nicht unbedingt von Wahrheitssinn, sondern eher vom Erbauungszweck diktiert. Sie erfolgten oft nach einem feststehenden Schema und die Übernahmen aus älteren Vorlagen ersetzen oft die mangelnde Kenntnis. Zur Zeit der Spätantike und der Völkerwanderungszeit war das Interesse an Geschichtsschreibung in den Klöstern allgemein noch sehr gering. Doch um so größer der Wunsch, das Ansehen ihrer Stifter und Heiligen durch Aufzeichnung ihres Lebens oder ihrer Passion zu steigern und dadurch auch die Reliquienverehrung vor Ort zu heben. Diesem Streben verdanken wir die meisten Beschreibungen der Heiligenleben (lat. vita).

Geschichte

Merowingerzeit

Während der Merowingerzeit starben die antiken Überlieferungen im Frankenreich langsam und eine neue germanisch-romanische Bildung keimte langsam auf. Hinzu kamen die politischen Wirren und ethische Erscheinungen. Immer mehr wurde auch der Säkularklerus in das weltliche Getriebe hineingezogen, wodurch die literarischen Tätigkeit sank. Schreiber zogen sich in Klöster zurück; weltliche und geistliche Staatsmänner begaben sich freiwillig oder gezwungenermaßen dorthin, und es begegneten sich wohl alte Gegner, wie der fränkischer Hausmeier Ebroin († 681) und Leodegar von Autun (um 616-679) in Luxeuil. Noch aber war das eigentlich historiographische Interesse in den Klöstern sehr gering; doch um so größer der Wunsch, das Ansehen ihrer Stifter und Heiligen durch Aufzeichnung ihres Lebens. So entstanden die Heiligenleben.

Am Anfang steht auch hier, absehen von der noch aus der Römerzeit lange nachwirkenden "Vita Martini" des Aquitaniers Sulpicius Severus (um 363-425), Gregor von Tours mit u.a. seinen "Libri octo miraculorum" (Acht Bücher der Wunder). Sein Zeitgenosse, der aus Italien stammende Dichter und Bischof von Poitiers, Venantius Fortunatus (um 540-610), ist in seinen Heiligenleben vergleichsweise von dürftigem Inhalt. Selbst das Denkmal, das er seiner königlichen Freundin, der hl. Radegunde (um 520-587) setzte [1], fanden schon die Mitlebenden ergänzungsbedürftig. Die Vita des Bischofs Remigius von Reims (ca. 436-533) geht nur fälschlich unter seinem Namen.

Neues Leben kam in die fränkische Kirche mit der Mission der irischen Schottenmönche, und aus den Pflanzstätten des hl. Columban von Luxeuil (540-615) erhielten auch Historiographie und Hagiographie wertvolle Antriebe. Die Vita Columbani, die Jonas von Bobbio (um 600-659) um 642 vollendete, ist unstreitig das bedeutendste Heiligenleben der Epoche, auch historisch betrachtet, trotz der starken Wundersucht, keine ganz verächtliche Leistung, da sie, abgesehen von den Beziehungen zu den merowingischen Herrschern, in Ziele und Wirksamkeit des columbanischen Mönchtums vortrefflich einführt.

In diesen Bahnen bewegten sich auch viele jener Männer, die in einer Vita gewürdigt wurden, ebenso wie ihre Hagiographen. Das schließt natürlich nicht aus, daß diese Personen früher oft mit beiden Füßen im Leben gestanden und selbst an der Staatsverwaltung Anteil gehabt hatten. Sie erregten besonders das Interesse der Historiker, wie z.B. der Ahnherr des karolingischen Hauses Bischof Arnulf von Metz (um 582-640), von dessen Kriegstaten und Friedenswaltung unter Chlothar II. (584-630) und Dagobert I. (um 608-639) die Geschichtswissenschaftler gern mehr als Andeutungen erführen [2]... Weiterlesen

Karolingerzeit

In der Karolingerzeit bedurfte eines praktischen Antriebes zu einer selbständigen Historiographie. Als solcher aber wirkte neben dem Interesse der Regierenden noch ein religiöses Moment. Genau wie schon während der Merowingerzeit, wollte man auch nun in den zahlreichen neuen kirchlichen Stiftungen die Erinnerung an die ersten Apostel und Gründer lebendig erhalten, sie womöglich als Heilige kennen und durch ihren Märtyrer- und Bekennerruhm den Glanz ihrer Kirchen erhöhen, sowie deren Bestand durch Pflege der Überlieferung festigen. So entstand eine reiche hagiographische Literatur, die aber mit einer einzigen bedeutenderen Ausnahme jedoch nicht mehr dem Westfrankenreich mit seinem älteren Kirchenbestand entstammte.

Die unermüdlichen Neubearbeitungen oder auch Neuanfertigungen von Viten merowingischer Prälaten kommen hier allerdings nicht in Betracht, da sie im Allgemeinen der Historie mehr geschadet als genützt haben. Nur eine Schrift bildet davon eine Ausnahme, die Vita des Bischof Desiderius von Cahors (um 590-655), die um 800 von einem Mönch des Klosters St. Géry verfaßt wurde und durch die eingestreuten Geschichtsstücke ihren Wert erhielt. [3]

Angeregt wurde diese Arbeit durch den großen Kloster- und Schulreformer Benedikt von Aniane (vor 750-821), der durch das Vertrauen Ludwigs des Frommen in seinen letzten Lebensjahren zu weitreichender Wirksamkeit im ganzen Frankenreich gelangte. Auf eine von schriftlichen Aufzeichnungen begleitete Bitte der Mönche von Inden oder Cornelimünster bei Aachen, wo Benedikt als Abt gestorben war (821), schrieb sein Schüler und Nachfolger in Aniane, Abt Ardo (genannt Smaragdus), seine Lebensgeschichte. Diese Vita wurde von einem gründlichen Kenner sachlich, mit guter Beobachtung für das Einzelne, mit Verständnis für die Gesamtentwickelung des Menschen und seines Werkes aufgezeichnet, und auch durch urkundliche Belege bereichert. Die Vita s. Benedicti abbatis Anianensis gehört deshalb zu den besten biographischen Denkmälern der Epoche. [4]

Abgesehen von ihr aber gehören alle namhafteren geistlichen Lebensbeschreibungen dem östlichen Frankenreich an, dem Boden junger kirchlicher Stiftungen. War dort einmal der Anfang mit der Vita eines Gründers gemacht, so lag es nahe, auch seinem Schüler und Nachfolger eine ähnliche zuteil werden zu lassen, und je mehr man sich dabei der Gegenwart näherte, je mehr diese Männer mitten im praktischen Leben standen, desto mehr wandelte sich unvermerkt die Hagiographie zur historischen Biographie. Eben unter diesen etwas späteren Viten finden sich daher wertvolle geschichtschreiberische Leistungen... Weiterlesen

Ottonenzeit

Eine wichtige Person für die Geschichtsschreibung der Ottonenzeit (911-1024) war der historisch interessierte Erzbischof Wilhelm von Mainz (929-968). Doch mit dem Jahr seines Todes (968) erlosch auch die kurzzeitig wieder aufgeblühte Geschichtsschreibung im Heiligen Römischen Reich. Unter dem Einfluß von Frauen bei Hofe wie Adelheid von Burgund (931–999) und der Byzantinierin Theophanu (ca. 960-991), ausländischen Gelehrten wie Gerbert von Aurillac (um 950-1003) mit seiner vorwiegend philosophisch-mathematisch-astronomischen Richtung, und der wachsenden Beziehungen zu Italien konnte sich die heimische Geschichtsschreibung unter Otto II. (955-983) nicht weiter entfalten. Und nachdem sein kindlicher Nachfolger Otto III. sich in unpolitischen, undeutschen Bahnen vor, schwand der kaum erwachte Sinn für die Reichsgeschichte wieder.

In diesen verwirrenden Zeiten trat das Interesse am Staatsleben und den weltlichen Ereignissen zurück, und eine andere Richtung, die seit Beginn des 10. Jhs. langsam, aber stetig Boden gewonnen hatte, gelangte zeitweilig fast zur Alleinherrschaft: es war die kirchlich-asketische Literatur mit dem Ziel der Weltflucht, und womöglich des Martyriums. Für eine politische und dem Diesseits zugewandten Geschichtsschreibung war diese Strömung der allerdings ungünstigste Fall; denn wozu die Geschicke dieser Welt aufzeichnen, wenn man sie nur als lästiges Durchgangsstadium zu Höherem betrachtete?

Die Hagiographie bot jedoch einen bedeutsamen Berührungspunkt zwischen kirchlicher Askese und weltlicher Geschichtsschreibung. Sie nahm in den letzten Jahrzehnten des 10. Jhds. einen erheblichen Aufschwung und enthielt den wesentlichsten Teil der damaligen Historiographie. In den Zeiten der Not waren die Heiligen oftmals die Einzigen, bei denen man Rettung gegen Gefahr und Bedrückung suchte, ihre Geltung war gegenüber früher noch gestiegen, ihre Reliquien über alles geschätzt, wofür die nach 962 geschriebene Translatio S. Epiphanii (über den Bischof Epiphanius von Pavia, † 496) in der Hildesheimer Dombibliothek (MGH IV, S. 248) ein charakteristisches Beispiel liefert. Die Darstellungen ihrer Lebensgeschichte erhärteten die Heiligkeit und Wunderkraft der Heiligen noch zusätzlich.

Aber für die Masse der Kirchen im Heiligen Römischen Reich reichten die Heiligen vergangener Zeiten nicht aus, man verlangte nach lokalen persönlichen Beziehungen und sah auch in der Gegenwart heiligmäßiges Leben genug, und warum sollte die Wunderkraft erschöpft sein? In noch reicherem Maße als schon in der fränkischen Vergangenheit beschrieb man daher das heilige Leben hervorragender geistlicher Zeitgenossen, die alle bis zu einem gewissen Grade dem schematisch ziemlich feststehenden idealen Heiligentypus angepaßt wurden, mit stärkerer oder schwächerer legendarischer Färbung, mehr oder weniger Wundererzählungen, aber vielfach mit unverkennbarem Streben nach individueller Schilderung der historischen Persönlichkeiten und bei der immer stärkeren Verflechtung kirchlicher und staatlicher Funktionen im Amt eines Bischofs oder Abtes doch auch mit vielem historisch wichtigen Beiwerk [5] ... Weiterlesen

Werke

Verwandte Themen

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Quellen

Einzelnachweise

  1. MGH. SS. rer. Merov. II 358 ff.
  2. MGH. SS. rer. Merov. II 426 ff.
  3. Vita Desiderii, Cadurcae urbis episcopi. MGH. SS. rer. merov. IV, S. 547 ff. (Digitalisat)
  4. Vita s. Benedicti abbatis Anianensis (Leben des hl. Abtes Benedikt von Aniane). Ardo Smaragdus, 822-823. In "Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters"; BSB
  5. Das Heiligen-Leben im 10. Jahrhundert (Internet Archive). Ludwig Zoepf. Leipzig und Berlin : B.G. Teubner, 1908.
  6. MGH. SS. rer. Merov. II 358 ff.
  7. Vitae s. Adalberti episcopi Pragensis recensio (Leben des hl. Bischofs Adalbert von Prag). Brun von Querfurt, 1004. In "Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters"; BSB
  8. Epitaphium Adelheidae Imperatricis (Leben der Kaiserin Adelheid). Odilo von Cluny, um 1000. In "Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters"; BSB

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