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Die Hagiographie der Karolingerzeit reicht vom Anfang 8. Jh. bis 911. Als Beschreibung des Lebens von Heiligen gehört im weitesten Sinne zur Geschichtsschreibung der Karolingerzeit.

Beschreibung

In der Karolingerzeit bedurfte eines praktischen Antriebes zu einer selbständigen Historiographie. Als solcher aber wirkte neben dem Interesse der Regierenden noch ein religiöses Moment. Genau wie schon während der Merowingerzeit, wollte man auch nun in den zahlreichen neuen kirchlichen Stiftungen die Erinnerung an die ersten Apostel und Gründer lebendig erhalten, sie womöglich als Heilige kennen und durch ihren Märtyrer- und Bekennerruhm den Glanz ihrer Kirchen erhöhen, sowie deren Bestand durch Pflege der Überlieferung festigen. So entstand eine reiche hagiographische Literatur, die aber mit einer einzigen bedeutenderen Ausnahme jedoch nicht mehr dem Westfrankenreich mit seinem älteren Kirchenbestand entstammte.

Die unermüdlichen Neubearbeitungen oder auch Neuanfertigungen von Viten merowingischer Prälaten kommen hier allerdings nicht in Betracht, da sie im Allgemeinen der Historie mehr geschadet als genützt haben. Nur eine Schrift bildet davon eine Ausnahme, die Vita des Bischof Desiderius von Cahors (um 590-655), die um 800 von einem Mönch des Klosters St. Géry verfaßt wurde und durch die eingestreuten Geschichtsstücke ihren Wert erhielt. [1]

Ardo Smaragdus

Angeregt wurde diese Arbeit durch den großen Kloster- und Schulreformer Benedikt von Aniane (vor 750-821), der durch das Vertrauen Ludwigs des Frommen in seinen letzten Lebensjahren zu weitreichender Wirksamkeit im ganzen Frankenreich gelangte. Auf eine von schriftlichen Aufzeichnungen begleitete Bitte der Mönche von Inden oder Cornelimünster bei Aachen, wo Benedikt als Abt gestorben war (821), schrieb sein Schüler und Nachfolger in Aniane, Abt Ardo (genannt Smaragdus), seine Lebensgeschichte. Diese Vita wurde von einem gründlichen Kenner sachlich, mit guter Beobachtung für das Einzelne, mit Verständnis für die Gesamtentwickelung des Menschen und seines Werkes aufgezeichnet, und auch durch urkundliche Belege bereichert. Die Vita s. Benedicti abbatis Anianensis gehört deshalb zu den besten biographischen Denkmälern der Epoche. [2]

Abgesehen von ihr aber gehören alle namhafteren geistlichen Lebensbeschreibungen dem östlichen Frankenreich an, dem Boden junger kirchlicher Stiftungen. War dort einmal der Anfang mit der Vita eines Gründers gemacht, so lag es nahe, auch seinem Schüler und Nachfolger eine ähnliche zuteil werden zu lassen, und je mehr man sich dabei der Gegenwart näherte, je mehr diese Männer mitten im praktischen Leben standen, desto mehr wandelte sich unvermerkt die Hagiographie zur historischen Biographie. Eben unter diesen etwas späteren Viten finden sich daher wertvolle geschichtschreiberische Leistungen.

Klöster St. Gallen und Reichenau

Unter jenen Stiftern kommen in dieser Epoche die alten Iren oder Schottenmönche, deren Wirksamkeit schon weiter zurücklag, nur noch selten in Betracht. So wurde im Kloster St. Gallen das Leben des hl. Gallus erst gegen Ende des 8. Jhds. aufgezeichnet und ist, von einigen Resten abgesehen, nur in der legendarischen Bearbeitung von Wetti († 824) erhalten. [3] Gozbert († 837), der dazu etwas später ein Buch über die Wunder des Gallus hinfügte, beschrieb auch das Leben des ersten Abtes Otmar von St. Gallen († 759) in ähnlicher Weise.

Erhalten ist das Werk der "Vita sancti Otmari" jedoch nur in der Bearbeitung des Abtes Walahfrid Strabo (808-849) von Reichenau, der ebenso auch Wettis' Gallus-Leben überarbeitete. [4] Wie rein literarisch und völlig unhistorisch Walahfrids Sinn allerdings gerichtet war, erkennt man, wenn er die von Gozbert für seinen Bericht angeführten Zeugen tilgte, damit nicht die barbarische Form ihrer Namen die Reinheit der lateinischen Sprache beflecke, und da ja ohnehin kein Gläubiger, der wisse, daß bei Gott kein Ding unmöglich sei, die Wahrheit der Erzählungen bezweifeln werde. Mit solcher Gesinnung konnte allerdings nichts historisch Wertvolles zutage gefördert werden.

Angelsächsische Autoren und Bonifazius

Viel stärker war von vornherein das Bedürfnis zur Pflege historischer Überlieferung bei den angelsächsischen Aposteln und ihren Schülern; die Anregung, die sie auch in dieser Hinsicht boten, ist bedeutend genug. Die Entwickelungsreihen geistlicher Biographien im nördlichen und mittleren Deutschland führen sämtlich nicht etwa zu merowingischen Vorbildern, sondern zu angelsächsischen Ausgangspunkten zurück. Die Helden und großenteils auch Verfasser der frühesten Viten waren noch Angelsachsen; von ihnen lernten Franken, Friesen, Sachsen und Baiern, und übertrafen sie bald mit ihren Leistungen.

Das lebhafteste Interesse erweckte Bonifazius (um 673-754) mit seinem engeren Schülerkreis. Ein angelsächsischer Priester Willibald von Mainz beschrieb nach dessen Märtyrertod (um 754-760) sein Leben (die "Vita sancti Bonifatii") aufgrund reichen und zuverlässigen Materials, wenn auch nicht gerade mit ausgesprochener historiographischer Begabung. In seiner Lieblingsstiftung Fulda, die auf deutschem Boden in dieser Epoche weitaus am meisten für die Geschichtsschreibung geleistet hat, pflegte man die Biographie mit besonderer Hingabe.

Das Leben des ersten Abtes Sturmi († 779), die "Vita Sturmi primi abbatis et fundatoris Fuldensis coenobii", von dem späteren Abt Eigil von Fulda († 822) und dessen Leben (die "Vita Aegil abbatis Fuldensis") aus der Feder des Mönches Brun Candidus von Fulda (770-845) sind ansprechende Leistungen, während andere Viten aus dem Schülerkreis Bonifazius', wie etwa die "Vita Leobae abbatissae Biscofesheimensis" der Äbtissin Lioba von Tauberbischofsheim (um 700-782) von dem Geschichtschreiber Rudolf von Fulda (vor 800-865), oder die "Vita Wigberti abbatis Friteslariensis" des Abtes Wigbert von Fritzlar (um 670-747) von dem humanistisch gesinnten Lupus von Ferrieres (um 805-861) mehr wegen dieser Autoren, als ihres rein hagiographischen Inhalts wegen Erwähnung verdienen.

Eigenartig sind dagegen die Lebensbeschreibungen Willibalds (um 700-788), des ersten Bischofs von Eichstätt (noch vor seinem Tode, nach 8. Okt. 786) und seines Bruders Wynnebald von Heidenheim († 761), welche eine angelsächsische Nonne namens Hugeburc (* um 730-740) im Kloster Heidenheim mit frommer Herzenseinfalt, aber in schlechtem Latein und mit starker Heranziehung von Willibalds "Vita sancti Bonifatii" niederschrieb. Insbesondere gewinnt die "Vita Willibaldi episcopi Eichstetensis" einen seltsamen Reiz durch die Schilderung seiner jahrelangen (723-729) unternommenen Pilgerfahrt in das heilige Land, mit genauer Reiseroute und allen Erlebnissen. Dieser Bericht geht auf ein Diktat Willibalds selbst zurück, wurde aber ungelenk übernommen.

Friesland

Von Bonifazius' liebstem Wirkungsfeld, wo er begonnen und geendet, von Friesland, gehen andere Reihen geistlicher Biographien aus. So erhielt Willibrord (um 658-739), der schon vor Bonifazius dort gewirkt hatte, als erster Bischof von Utrecht, erst spät durch den wenig historisch interessierten Alkuin seine rein hagiographische "Vita sancti Willibrordi". [5]

Das unerschrockene Wirken des angelsächsischen Missionars Liafwin († um 775) wurde gar erst gegen Ende der Epoche von Hucbald von St. Amand (um 840-930) in seiner "Vita Lebuini II." geschildert. Dieses Werk ist zwar mehr literarisch, als wirklich historisch beachtenswert, geht aber mit einer interessanten Darstellung der sächsischen Landesversammlung in Marklo auf ältere Quelle zurück.

Abt Gregor von Utrecht im Kloster St. Martin, Jünger von Bonifazius, dessen Wirken mit dem seines Meisters weitgehend zusammenfiel, fand in seinem Schüler und späteren Bischof Liudger von Münster (um 742-809) einen Biographen, der ihn genau kannte und warmherzig zu würdigen verstand. Auch wenn der sachliche Inhalt der "Vita Gregorii abbatis Traiectensis" dürftig bleibt und für Bonifazius Leben sogar grobe Irrtümer bietet. [6]

Die "Vita sancti Liudgeri" wiederum wurde von Liudgers zweiten Nachfolger Altfried von Münster († 849) verfaßt, und stellt trotz des nicht sehr ausgiebigen Stoffes in ihrer sachlichen und anschaulichen Darstellung schon eine gute historische Leistung dar. [7]

Bremen

Zu noch ansehnlicherer Höhe erhob sich der Bremer Zweig dieser geistlichen Biographien. Wieder machte ein Angelsachse den Anfang: Willehad von Bremen (um 740-789), der zuerst in Friesland tätig war, später der erste Bischof von Bremen wurde. Sein Leben wurde gegen die Mitte des folgenden Jahrhunderts kurz, schlicht und sachlich erzählt. Zur Ergänzung fügte sein berühmter Nachfolger Erzbischof Ansgar von Hamburg-Bremen (801-865), den man lange fälschlich für den Verfasser der "Vita sancti Willehadi" hielt, ein Buch über die späteren Wunder hinzu, die "Miracula sancti Willehadi". [8]

Anskars Lebensgeschichte wiederum, die "Vita Ansgari", die sein Schüler und Nachfolger Rimbert (830-888) bald nach seinem Tode niederschrieb, zeigt die geistliche Biographie der Karolingerzeit im hellsten Licht und beweist in ihrer auf Adam von Bremen vorausdeutenden Vereinigung verständnisvoller Beschreibung der Persönlichkeit mit großzügiger Schilderung ihres Wirkungsfeldes den Fortschritt, der auch auf diesem Gebiet gegenüber der merowingischen Epoche erreicht wurde. [9]

Kloster Corvey und Corbie

Rimberts eigene Vita führt in das Weserkloster Corvey, wo ein Mönch sie gegen Ende des Jahrhunderts verfaßte. [10] Dort entwickelte sich u.a. durch die Beziehungen zum Mutterkloster Corbie schon bald nach der Stiftung (822) ein literarisches Leben. Natürlich kannte man auch die Werke des berühmten und hochgebildeten Theologen Paschasius Radbertus (um 785-865), der in Corbie auch das Andenken an die beiden bedeutenden Äbte und Brüder Adalhard von Corbie (752-826) und Wala von Corbie (773-836), die staatskundigen Vettern Karls des Großen, in schriftlich festzuhalten versucht hatte. [11]

Es sind Totenklagen und Verteidigungen der Dahingeschiedenen, die zweite in Dialogform, voll dunkler Andeutungen, mit durchgehender, von der politischen Vorsicht diktierter Vertauschung der Namen, als Quellen für die Hofverhältnisse und Parteikämpfe unter Ludwig dem Frommen, aber trotzdem sehr wichtig für das Gebiet der Publizistik.

Die Form dieser Schriften wurde unweit von Corvey, wahrscheinlich im Kloster Lammspring, von dem Mönch Agius (9. Jh.) nachgeahmt, dem man auch eine metrische Bearbeitung der karolingischen Reichsannalen zuschrieb. [12] Dieser beschrieb das Leben der Äbtissin Hathumod von Gandersheim (840-874), Tochter des sächsischen Grafen Ludolf, in Prosa und Versen (die "Vita et obitus Hathumodae"). - Ein Werk, das geschichtlich dadurch Beachtung verdient, daß es uns mit den Anfängen des ludolfingisch-ottonischen Hauses bekannt macht.

Translationen

Auch im Kloster Corvey bewahrte man die Erinnerung an Adalhard von Corbie (752-826) und Wala von Corbie (773-836). Beide waren mit der Gründung des Klosters eng verknüpft und spielten daher auch in einer dort geschriebenen Translationsgeschichte eine Rolle. Solche Übertragungen von Heiligengebeinen mit den dabei notwendigen Wundern bargen nicht immer beachtenswerten historischen Stoff und wurden im Wesentlichen zu erbaulichen Zwecken geschrieben. Aber gerade in karolingischer Zeit ging man dabei auch mehrfach mit Gewissenhaftigkeit und Gelehrsamkeit vor und verband damit die Gründungsgeschichte des betreffenden Klosters, so daß sie bei einem Überblick über die Geschichtsschreibung nicht übergangen werden sollten.

Obenan steht da Einhards (um 770-840) Translation der hl. Marcellinus und Petrus (Translatio et Miracula SS. Marcellini et Petri) mit der Entstehung des Kloster Seeligenstadt. Rudolf von Fulda (vor 800-865) holte in seiner Translation des hl. Alexander (Translatio Sancti Alexandri, 863-865) mit seiner gelehrt kompilierenden historischen Einleitung weit aus. Diese allein verdient schon große Beachtung durch ihre Ausbeutung von Tacitus' Germania, die im ganzen Mittelalter einzigartig ist. Auch ein Mönch des Kloster Corvey zeichnete die 836 dorthin erfolgte Übertragung des hl. Veit zusammen mit der Gründungsgeschichte seines Klosters in einfacher Darstellung auf.

Werke

Verwandte Themen

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Quellen

Einzelnachweise

  1. Vita Desiderii, Cadurcae urbis episcopi. MGH. SS. rer. merov. IV, S. 547 ff. (Digitalisat)
  2. Vita s. Benedicti abbatis Anianensis (Leben des hl. Abtes Benedikt von Aniane). Ardo Smaragdus, 822-823. In "Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters"; BSB
  3. MGH. SS. rer. Merov. IV 256 ff.
  4. Vita sancti Otmari. MGH. SS. rer. Merov. IV 280 ff. (Digitalisat)
  5. Vita sancti Willibrordi Traiectensis episcopi (Leben des hl. Bischofs Willibrord von Utrecht). Alkuin von Tours. 760-797. In "Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters"; BSB
  6. Vita Gregorii abbatis Traiectensis (Leben des Abtes Gregor von Utrecht). Liudger von Münster. Um 790. In "Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters"; BSB
  7. Vita s. Liudgeri episcopi Mimigardefordensis (Leben des hl. Bischofs Liudger von Münster). Altfried von Münster. 839-849. In "Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters"; BSB
  8. Miracula s. Willehadi (Wunder des hl. Willehad). Ansgar von Hamburg-Bremen. 860-865. In "Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters"; BSB
  9. Vita Ansgari (Leben Ansgars). Rimbert von Hamburg-Bremen. 865-876. In "Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters"; BSB
  10. Vita Rimberti. MGH. SS. rer. Germ. 55. 1884. (Digitalisat)
  11. Vita s. Adalhardi abbatis Corbeiensis (Leben des hl. Abtes Adalhard von Corbie). Paschasius Radbertus. 826-859. In "Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters"; BSB
  12. Poeta Saxo. MGH. Poet. Carol. IV, 1 ff.

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