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Die Hagiographie der Ottonenzeit reicht vom 911 bis 1024. Als Beschreibung des Lebens von Heiligen gehört im weitesten Sinne zur Geschichtsschreibung der Ottonenzeit.

Beschreibung

Eine wichtige Person für die Geschichtsschreibung der Ottonenzeit (911-1024) war der historisch interessierte Erzbischof Wilhelm von Mainz (929-968). Doch mit dem Jahr seines Todes (968) erlosch auch die kurzzeitig wieder aufgeblühte Geschichtsschreibung im Heiligen Römischen Reich. Unter dem Einfluß von Frauen bei Hofe wie Adelheid von Burgund (931–999) und der Byzantinierin Theophanu (ca. 960-991), ausländischen Gelehrten wie Gerbert von Aurillac (um 950-1003) mit seiner vorwiegend philosophisch-mathematisch-astronomischen Richtung, und der wachsenden Beziehungen zu Italien konnte sich die heimische Geschichtsschreibung unter Otto II. (955-983) nicht weiter entfalten. Und nachdem sein kindlicher Nachfolger Otto III. sich in unpolitischen, undeutschen Bahnen vor, schwand der kaum erwachte Sinn für die Reichsgeschichte wieder.

In diesen verwirrenden Zeiten trat das Interesse am Staatsleben und den weltlichen Ereignissen zurück, und eine andere Richtung, die seit Beginn des 10. Jhs. langsam, aber stetig Boden gewonnen hatte, gelangte zeitweilig fast zur Alleinherrschaft: es war die kirchlich-asketische Literatur mit dem Ziel der Weltflucht, und womöglich des Martyriums. Für eine politische und dem Diesseits zugewandten Geschichtsschreibung war diese Strömung der allerdings ungünstigste Fall; denn wozu die Geschicke dieser Welt aufzeichnen, wenn man sie nur als lästiges Durchgangsstadium zu Höherem betrachtete?

Die Hagiographie bot jedoch einen bedeutsamen Berührungspunkt zwischen kirchlicher Askese und weltlicher Geschichtsschreibung. Sie nahm in den letzten Jahrzehnten des 10. Jhds. einen erheblichen Aufschwung und enthielt den wesentlichsten Teil der damaligen Historiographie. In den Zeiten der Not waren die Heiligen oftmals die Einzigen, bei denen man Rettung gegen Gefahr und Bedrückung suchte, ihre Geltung war gegenüber früher noch gestiegen, ihre Reliquien über alles geschätzt, wofür die nach 962 geschriebene Translatio S. Epiphanii (über den Bischof Epiphanius von Pavia, † 496) in der Hildesheimer Dombibliothek (MGH IV, S. 248) ein charakteristisches Beispiel liefert. Die Darstellungen ihrer Lebensgeschichte erhärteten die Heiligkeit und Wunderkraft der Heiligen noch zusätzlich.

Aber für die Masse der Kirchen im Heiligen Römischen Reich reichten die Heiligen vergangener Zeiten nicht aus, man verlangte nach lokalen persönlichen Beziehungen und sah auch in der Gegenwart heiligmäßiges Leben genug, und warum sollte die Wunderkraft erschöpft sein? In noch reicherem Maße als schon in der fränkischen Vergangenheit beschrieb man daher das heilige Leben hervorragender geistlicher Zeitgenossen, die alle bis zu einem gewissen Grade dem schematisch ziemlich feststehenden idealen Heiligentypus angepaßt wurden, mit stärkerer oder schwächerer legendarischer Färbung, mehr oder weniger Wundererzählungen, aber vielfach mit unverkennbarem Streben nach individueller Schilderung der historischen Persönlichkeiten und bei der immer stärkeren Verflechtung kirchlicher und staatlicher Funktionen im Amt eines Bischofs oder Abtes doch auch mit vielem historisch wichtigen Beiwerk. [1]

Johann von St. Arnulf

Neben Auffassungsgabe und formalem Sprachtalent, kommt für die historiographische Beurteilung nach wie vor in erster Linie in Betracht, wie weit der Verfasser die dargestellten Verhältnisse wirklich kannte und begriff. Für die Weltpolitik trifft das bei den geistlichen Autoren kaum jemals zu. Daher konnte die Biographie über Erzbischof Ruotger von Trier (um 880-931) aus der Feder des Brun von Köln (925-965), die nach 960 die Reihe der historisch wertvollen Schriften dieser Art eröffnet, in dieser Hinsicht nur mäßig abschneiden.

Dagegen verdient die leider unvollständige Lebensbeschreibung des lothringischen Reformers Johannes von Gorze (um 900-974), die der Abt Johann von St. Arnulf in Metz verfaßte, auch abgesehen von dem erstaunlichen Erzählertalent, schon wegen der vollkommenen Beherrschung des geschichtlichen Stoffes unter diesen Werken eine besondere Würdigung. Die Biographie des anderen lothringischen Klosterreformers, Gerhard von Brogne (um 885-959), ging leider verloren und aus einer wenig brauchbaren Überarbeitung des 11. Jhds. nicht mehr mit Sicherheit herauszuschälen.

In Süddeutschland schrieb der Dompropst Gerhard von Augsburg, der in die Verwaltung des Bistums gründlich eingeweiht war, das Leben des hl. Ulrich von Augsburg (890-973) in der "Vita Sancti Uodalrici" nieder. Auch dieses Werk sticht historiografisch heraus. Ganz anders dagegen die "Vita Mathildis reginae" der 968 gestorbenen hl. Mathilde, der Mutter Ottos I.. Sie wurde schon um 973 im Auftrag ihres Enkels Otto II. im Kloster Nordhausen von einem Geistlichen oder einer Nonne aufgezeichnet. Doch wurde nicht nur die Form, sondern auch der Inhalt verunechtet, und auch hinsichtlich der tatsächlichen Mitteilungen ist die Ausbeute gering. Eine spätere stilistische Umarbeitung erfolgte im Auftrage Kaiser Heinrichs II. und scheute in Rücksicht auf ihn und seinen besonderen Familienzweig auch inhaltliche Änderungen nicht.

Märtyrerviten

Die letzten Zeiten des ausgehenden 10. Jahrhunderts zeigten selbst auf dem hagiographischen Feld keinen nennenswerten Ertrag. Weltflucht und Askese steigerten sich zur Martyriumssehnsucht. In solchen Tagen reizte im Kloster St. Gallen das armselige Leben der einst von den Ungarn getöteten Klausnerin Wiborada († 926) den Mönch Hartmann zur Niederschrift einer "Vitae Sanctae Wiboradae" (MGH. IV 446, 452 ff.). Der Held seiner Zeit aber war der unruhige Schwärmer Bischof Adalbert von Prag, der 997 bei den heidnischen Prußen den ersehnten Märtyrertod erlitt. Von seinen Viten kommt unter historiographischen Gesichtspunkten jedoch nur die tief-empfundene Bearbeitung der Vitae s. Adalberti episcopi Pragensis recensio aus der Feder des gleichgestimmten Bruno von Querfurt (um 974-1009) in Betracht, der bald Adalberts Schicksal teilen sollte.

Kaiserin Adelheid von Burgund (931–999) hatte inzwischen in dem französischen Abt Odilo von Cluny (961-1049), einen Biographen gefunden, der diese schicksalsreiche Frau in seinem Epitaphium Adelheidae Imperatricis als fromme Büßerin schilderte, die sie in den letzten Lebensjahren geworden war (MGH. IV 633 ff.). Wer weiß, ob nicht auch Otto III. seinen Hagiographen gefunden hätte, wenn man ihm in der vernachlässigten deutschen Kirche freundlicher gesinnt gewesen wäre, und wenn nicht alsbald auf die krankhaften Überspannungen der Askese ein Rückschlag und ein Einlenken in ruhigere Bahnen erfolgt wäre.

Werke

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Quellen

Einzelnachweise

  1. Das Heiligen-Leben im 10. Jahrhundert (Internet Archive). Ludwig Zoepf. Leipzig und Berlin : B.G. Teubner, 1908.
  2. Vita Iohannis Gorziensis abbatis (Leben des Abtes Johannes von Gorze). Iohannes de S. Arnulfo de Metis, um 974. In Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters; BSB
  3. Vitae s. Adalberti episcopi Pragensis recensio (Leben des hl. Bischofs Adalbert von Prag). Brun von Querfurt, 1004. In "Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters"; BSB
  4. Epitaphium Adelheidae Imperatricis (Leben der Kaiserin Adelheid). Odilo von Cluny, um 1000. In "Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters"; BSB

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