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Die Hagiographie der Merowingerzeit reicht vom 5. Jh. bis 751. Zur Geschichtsschreibung im engeren Sinne gehören diese Beschreibungen der Heiligenleben zwar nicht; aber wo die Protagonisten mit dem weltlichen Leben oder gar als Staatsmänner, in Berührung kamen, und der Autor noch ihn selbst oder seine vertrauten Schüler und Freunde kannte, da kommt doch mitunter die Heiligenvita der weltlichen Biographie nahe, wenn auch anfänglich (in der Merowingerzeit) noch nicht so nahe, wie in späteren Epochen.

Geschichte

Während der Merowingerzeit starben die antiken Überlieferungen im Frankenreich langsam und eine neue germanisch-romanische Bildung keimte langsam auf. Hinzu kamen die politischen Wirren und ethische Erscheinungen. Immer mehr wurde auch der Säkularklerus in das weltliche Getriebe hineingezogen, wodurch die literarischen Tätigkeit sank. Schreiber zogen sich in Klöster zurück; weltliche und geistliche Staatsmänner begaben sich freiwillig oder gezwungenermaßen dorthin, und es begegneten sich wohl alte Gegner, wie der fränkischer Hausmeier Ebroin († 681) und Leodegar von Autun (um 616-679) in Luxeuil. Noch aber war das eigentlich historiographische Interesse in den Klöstern sehr gering; doch um so größer der Wunsch, das Ansehen ihrer Stifter und Heiligen durch Aufzeichnung ihres Lebens. So entstanden die Heiligenleben.

Am Anfang steht auch hier, absehen von der noch aus der Römerzeit lange nachwirkenden "Vita Martini" des Aquitaniers Sulpicius Severus (um 363-425), Gregor von Tours mit u.a. seinen "Libri octo miraculorum" (Acht Bücher der Wunder). Sein Zeitgenosse, der aus Italien stammende Dichter und Bischof von Poitiers, Venantius Fortunatus (um 540-610), ist in seinen Heiligenleben vergleichsweise von dürftigem Inhalt. Selbst das Denkmal, das er seiner königlichen Freundin, der hl. Radegunde (um 520-587) setzte [1], fanden schon die Mitlebenden ergänzungsbedürftig. Die Vita des Bischofs Remigius von Reims (ca. 436-533) geht nur fälschlich unter seinem Namen.

St. Columban und irische Einflüsse

Neues Leben kam in die fränkische Kirche mit der Mission der irischen Schottenmönche, und aus den Pflanzstätten des hl. Columban von Luxeuil (540-615) erhielten auch Historiographie und Hagiographie wertvolle Antriebe. Die Vita Columbani, die Jonas von Bobbio (um 600-659) um 642 vollendete, ist unstreitig das bedeutendste Heiligenleben der Epoche, auch historisch betrachtet, trotz der starken Wundersucht, keine ganz verächtliche Leistung, da sie, abgesehen von den Beziehungen zu den merowingischen Herrschern, in Ziele und Wirksamkeit des columbanischen Mönchtums vortrefflich einführt.

Ehemalige Weltliche und Staatsmänner

In diesen Bahnen bewegten sich auch viele jener Männer, die in einer Vita gewürdigt wurden, ebenso wie ihre Hagiographen. Das schließt natürlich nicht aus, daß diese Personen früher oft mit beiden Füßen im Leben gestanden und selbst an der Staatsverwaltung Anteil gehabt hatten. Sie erregten besonders das Interesse der Historiker, wie z.B. der Ahnherr des karolingischen Hauses Bischof Arnulf von Metz (um 582-640), von dessen Kriegstaten und Friedenswaltung unter Chlothar II. (584-630) und Dagobert I. (um 608-639) die Geschichtswissenschaftler gern mehr als Andeutungen erführen [2].

Ebenso Bischof Eligius von Noyon (um 589-660), früher königlicher Schatzmeister und kunstreicher Goldschmied [3], von dessen ältester Vita allerdings nur noch Spuren vorhanden sind. Ihr Verfasser war der mit ihm innig befreundete Bischof Audoin von Rouen (um 609-684), vorher Referendar Dagobert I.. Er selbst fand keinen ganz zureichenden Biographen [4] und wurde noch als Anhänger des Hausmeiers Ebroin († 681) in die leidenschaftlichen Kämpfe der Aristokratie in den siebziger Jahren verflochten.

Von diesen erhält man das anschaulichste Bild in der Passion des Bischofs Leodegar von Autun (um 616-679), der kurze Zeit der Hauptratgeber des Königs Childerich II. (um 655-675) war, aber seinen weltlichen Ehrgeiz als Feind Ebroins mit einem entsetzlichen Ende (679) büßte. Seine Passion beschrieb schlicht und eindrucksvoll kaum 10 Jahre später in der "Vita sancti Leodegarii" Ursinus, ein Mönch aus St. Maixent (St. Symphorian in Autun). Es ist eine Schrift, die zu den besten Proben merowingischer Erzählungskunst gehört. [5]

Die wilden Kämpfe jener Tage machten noch andere hochgestellte Männer zu Märtyrern, so den 675 ermordeten Bischof Praejectus von Clermont [6], oder den Abt Germanus von Granfelden (um 612-675), einer columbanischen Stiftung, der etwa in derselben Zeit bei einem Aufstand ums Leben kam. Seine Vita verfaßte der Priester Bobolenus; sie dient als Lokalquelle für die Verhältnisse in der Nordwestschweiz und im Elsaß [7]. Auch eine Königin, Bathilde(um 630-680), die aus einer Sklavin zur Gemahlin Chlodwigs II. emporstieg, verdiente sich durch ihre Klostergründungen noch vor Ende des Jahrhunderts eine Biographie (Vita Sanctae Balthildis). [8]

Zusammenfassung

Neben den wenigen hier genannten Schriften, die historiographisch bedeutsamer waren als andere und frühzeitig niedergeschrieben wurden, gibt es eine große Zahl weiterer merowingischer Heiligenleben. Die Viten von St. Gallus (um 550-650; Vita vetustissima Sancti Galli) und St. Amand von Maastricht (um 575-676) z.B. wurden erst später abgefaßt, weshalb sie in ihrer ältesten Form bereits in die Karolingerzeit gehören.

Insgesamt läßt die doch recht ausgedehnte hagiographische Schriftstellerei die literarische Tätigkeit im Merowingerreich (5. Jh.-751), im Vergleich mit den anderen germanischen Reichen der Zeit, doch nicht als so armselig erscheinen. Zugleich wurde dadurch allmählich eine gewisse Technik der Lebensbeschreibung vorgebildet, wenn auch zunächst nur im hagiographischen Stil, die in der karolingischen Epoche jedoch ebenso der weltlichen Biographie zugute kam.

Werke

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Quellen

Einzelnachweise

  1. MGH. SS. rer. Merov. II 358 ff.
  2. MGH. SS. rer. Merov. II 426 ff.
  3. MGH. SS. rer. Merov. IV 634 ff.
  4. MGH. SS. rer. Merov. V 537 ff.
  5. MGH. SS. rer. Merov. V 249 ff.
  6. MGH. SS rer. Merov. V 212 ff
  7. MGH. SS rer. Merov. V 25 ff.
  8. MGH. SS rer. Merov. II 475 ff.
  9. MGH. SS. rer. Merov. II 358 ff.

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