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Das germanische Heerwesen beruhte auf dem Grundsatz der allgemeinen Wehrpflicht aller freien wehrfähigen Männer (s. Wehrverfassung). An dieser Grundlage änderte sich auch im fränkischen Reich wenigstens in der Theorie nichts. In der Praxis traten allerdings erhebliche Änderungen ein, da die allgemeine Wehrpflicht mit der Folge einer allgemeinen Dienstpflicht so wie in der germanischen Zeit nahezu nicht mehr durchführbar war.

Beschreibung

Entscheidend waren in der Entwicklung des Heerwesens in Mitteleuropa im wesentlichen zwei Momente. Das eine lag im System der Heeresverpflegung. Diese war weder in der germanischen noch in der fränkischen Zeit Sache des Staates. Vielmehr war es dem einzelnen überlassen, für seinen Unterhalt zu sorgen. In der fränkischen Zeit, in der das Heer oft beträchtliche Strecken durch das Reich zurückzulegen hatte, in dem das Plündern untersagt war, ergingen Verordnungen, die dem einzelnen zur Pflicht machten, Proviant auf längere Zeit, meist drei Monate, mitzunehmen. Die Erfüllung dieser Forderung setzte aber immerhin ein gewisses Vermögen voraus, das nicht bei jedem vorhanden war. Dazu kam, daß auch die Ausrüstung mit Kleidern und Waffen Sache des einzelnen war.

Frühmittelalter

Schon zu einer Zeit als es sich nur erst um die Ausrüstung zum Fußdienst handelte, überstieg die in der fränkischen, insbesondere karolingischen Zeit erforderliche Ausrüstung die Leistungskraft vieler Kämpfer. Schon da sah man sich genötigt zu einer genossenschaftlichen Ableistung des Heeresdienstes zu greifen. Man vereinigte ärmere Leute zu Gruppen, von denen dann einer auszuziehen hatte, während die anderen diesen einen unterstützen mußten. Vollends aber, als die Franken zum Reiterdienst in größerem Umfang übergingen, steigerten sich die an die Ausrüstung zu stellenden Anforderungen so erheblich, daß dieses System allein nicht abhelfen konnte.

Infolgedessen griff man zu einer Verwertung des schon bestehenden sogenannten Seniorats, des Verhältnisses zwischen einem senior und seinen abhängigen Leuten (homines; s. Gefolgschaft). Indem man den Senioren Grund und Boden, den man sich wiederum durch Anleihen beim Kirchengut verschafft hatte (s. Säkularisation), zur Verfügung stellte, setzte man sie instand, mit diesen Liegenschaften auf dem Wege der Benefizialleihe ihre homines, in erster Linie die Vasallen, aber auch grundherrliche Hintersassen, auszustattten und so mit dem zur Ableistung von Heeresdienst nötigen Vermögen zu versehen.

Zudem wurde innerhalb der Grundherrschaften die nicht dienstfähige Bevölkerung wiederum zu Unterstützungsleistungen an die ausziehenden Vasallen herangezogen und hatte Wagen, Zugvieh und Lebensmittel (hostilicium, carnaticum), oder bei Ablösung in Geld sogenannten Heerbann zu leisten. Allmählich wurden dabei die unmittelbaren Beziehungen zwischen den Vasallen und dem Staat ausgeschaltet, der senior wurde zum verbindenden Zwischenglied, an das sich der König zu halten hatte. Damit war aber aus dem Volksheer, das die Völkerwanderungszeit noch lange überdauerte, am Ende der fränkischen Zeit ein Lehnsheer geworden.

Landfolge

Wenn es sich nicht um Angriffskriege, sondern um die Verteidigung des Landes handelte, waren gewisse Änderungen im Heerwesen erforderlich. Zur Landfolge (lantweri) waren alle verpflichtet, selbst die sonst vom Kriegsdienst befreiten Geistlichen. Solche Landfolge war besonders an den Grenzen nicht selten erforderlich, wo auch unter den Karolingern ständige Grenzwachen (wacta, warda) eingerichtet werden.

Unter Karl dem Großen (747-814) stand das Frankenreich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Wie er sein gewaltiges Reich den Bedürfnissen der Zeit entsprechend nach allen Richtungen hin umbildete, so ordnete er auch dessen Heerwesen durch Regelung des Heerbannes, Organisierung der Massen und deren Bewaffnung, um es nach außen widerstandsfähig zu gestalten. Diese Organisierung bedeutete aber weit mehr als eine gewöhnliche staatliche Sicherheitsmaßregel. Die Prinzipien Karls des Großen in der Heeresbildung führten zu einer vollständigen Umbildung der sozialen Verhältnisse unter den germanischen Stämmen.

Schon durch die Kriege vor Karl dem Großen wurden zahlreiche Stämme unfrei und gelangten in die Dienstbarkeit der fränkischen Eroberer. Mit der Heeresorganisation dieses Kaisers und bei den langwährenden Kriegen wurde die Heeresfolge für zahllose Freie so drückend, dass diese sich freiwillig in die Dienstbarkeit Mächtigerer, Wohlhabenderer begaben, die sie im Felde nun unterhalten mussten. Sie gaben ihr Besitztum an Land dahin, um es als Lehen wieder zurückzuerhalten. So bildeten sich Lehensherren und Hörige. Aus ersteren, die rasch zu Macht und Reichtum gelangten, bildete sich durch der Erb-Adel, das Rittertum, das auf das Staatsleben allmählich mächtiger einwirkte und dem gesamten Mittelalter seine Physiognomie gab.

Skandinavien

Das Heerwesen in Skandinavien unterschied sich aus geographischen Gründen wesentlich von dem der kontinentalen Stämme. Fast nur von Wassergrenzen umgeben, legten die Nordgermanen den Schwerpunkt auf die Flotte. Deshalb beschäftigen sich auch die Rechtsquellen fast ausschließlich mit dieser. Auf sie bezieht sich daher die auch hier im Prinzip allgemeine Wehrpflicht, der allerdings eine sehr beschränkte Dienstpflicht gegenüberstand (s. Wehrverfassung).

Schiffsbaupflicht

Das Volk war verpflichtet, Schiffe zu bauen (s. Schiffsbaupflicht), diese zu bemannen (s. Wehrverfassung), die Bemannung mit Nahrungsmitteln zu versorgen (s. Kriegsführung) und zu entlohnen und zudem Wachen zu halten. Die Gesamtheit dieser Verpflichtungen bezeichnet das schwedische liþ ok léþunger, das norwegische leiðangr, útgerðir, róðr ok reiða. Doch gab es auch Befreiungen von diesen Verpflichtungen, sowie Umsetzungen in Geldleistungen. Befreit waren vor allem die höheren Geistlichen, zum Teil auch deren Diener. Eine Abgabe zahlte in Dänemark das sog. quærsætæland; in den Städten hieß diese Abgabe skot.

Landheer

Neben der Flotte kam ein größeres Landheer in der Regel nur als Landwehr (ostnord. landvaern, anorw. landvǫrn) in Betracht, wenn es sich darum handelte, gegenüber einem feindlichen Einfall wæriæ land sit hémæ. Doch stand dem König ein Landheer geringeren Umfangs jederzeit zur Verfügung in seinen Gefolgsleuten, den Lehnsleuten und den von diesen zu stellenden Truppen. Dieses war in der Regel beritten (s. Reiterei und Kriegsführung).

Schiffsbezirke

Für die Beschaffung der Flotte und der sonstigen Leistungen waren eingehende Vorschriften aufgestellt. Diesem Zweck diente die Einteilung des Landes in Schiffsbezirke, die in Dänemark das ganze Land erfaßt, in Norwegen und Schweden die Küstengebiete, dort ins Land herein soweit der Lachs aufsteigt, hier insbesondere die Küste von Ostgötaland und Uppland.

Im schwedischen Binnenland scheint die Einteilung in hamnar den gleichen Zweck erfüllt zu haben. Die Schiffsbezirke zerfielen in Schweden in ár oder hár, in Dänemark in hafnae, diese wiederum in thrithings, siaettings und tolfthingshafnae. Diese Bezirke standen in Übereinstimmung mit den sonstigen politischen Bezirken (s. Staatsverfassung), so daß z.B. in Dänemark das haeraeth ein oder mehrere skipaen umfaßte, sich aber nie die Grenzen von skipaen und haeraeth kreuzten.

Diese Einteilung wurde in der Weise verwertet, daß den einzelnen Bezirken bestimmte Leistungen auferlegt wurden, so z.B. die Stellung eines Ruderers, von der die hafnae geradezu ihren Namen hat. Da hierbei darauf gesehen werden mußte, daß einerseits der Bezirk die ihm obliegende Leistung erfüllen konnte, andererseits die Leistungsfähigkeit des Bezirkes voll ausgenutzt wurde, erfolgte die Abgrenzung der Bezirke entweder wie in Norwegen bis in das 13. Jh. nach der Mannzahl oder nach dem Werte des Grund und Bodens oder auch des beweglichen Vermögens.

Die Zahl der wehrpflichtigen Leute wurde in Norwegen auf dem manntalsþing festgestellt, das alle Bauern zu besuchen hatten. Dabei mußte jeder die Zahl der in seinem Hause befindlichen Wehrpflichtigen unter Eid (manntalseiðr) angeben. Einer allenfalls notwendig werdenden Ausgleichung diente das über das ganze Reich sich erstreckende almannatal.

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Quellen

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