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Die Herleitung der Runen von einer kursiven Schrift ergibt sich mit großer Deutlichkeit bei einer genaueren Untersuchung der einzelnen Runen.

Allgemeines

Die klassische Schrift tritt zunächst einmal in drei Hauptformen auf:

  • 1. die kursive, die Schrift des praktischen Lebens, der gewöhnlichen Schrift entsprechend;
  • 2. die unziale, die in literarischen Handschriften verwendete sorgfältigere Form, die der Kapitalschrift näher stand, und, was den Gebrauch anlangt, etwa dem heutigen Druck entspricht;
  • 3. die monumentale (Kapitalschrift), die man für Inschriften brauchte, und die ungefähr formell mit den heutigen 'großen' Antigua-Buchstaben übereinstimmt.

Unvergleichlich am meisten verwendet und bekannt war Nr. 1. Der Gebildete schrieb und las sie ohne Mühe. Nr. 2 las der Gebildete ebenso wie Nr. 3, aber in dem Maße, in dem diese Schriftarten von der Schrift abwichen, die er in der Schule gelernt hatte, gab er deren Zeichen nur mit Mühe wieder - wie wir die heutige Druckschrift. Sogar die berufsmäßigen Schreiber ließen hin und wieder kursive Formen in literarische Werke und auf Inschriften eindringen. In einer Umgebung, in der die beiden sorgfältigeren Schriftarten unbekannt oder nur hier und da bekannt waren, musste die klassische Kursive bei der Umformung zu einer epigraphischen Schrift eine in wesentlichen Zügen von der klassischen Lapidarschrift abweichende Form erhalten. Die Runen sind ja eine ausgeprägt epigraphische Schrift.

Ihre Herkunft von einer kursiven Schrift verrät sich bereits in einigen allgemeinen Zügen:

  • 1. Die Runen haben vertikale Stäbe in größerer Anzahl als die klassischen epigraphischen Alphabete, z. B. ᚫ für gr. und lat. A, ᛚ für gr. Λ, ᚢ für gr. lat. Λ Ο: ganz natürlich, da in der Kursivschrift auch ursprünglich vertikale Stäbe eine nach vorn gebeugte Stellung bekommen.
  • 2. Die Runen haben die Vertikalstäbe in größerer Ausdehnung zur Normalhöhe gezogen als die klassischen epigraphischen Alphabete, z. B. ᚹ für Υ. Das Streben nach durchgehenden und vertikalen Stäben zeichnet im übrigen die ganze Entwicklungsgeschichte der Runenschrift aus. Dass der Kursivstil den Runen zugrunde liegt.

Übersicht

Runenherleitung RdgA Bd4. S.10. Abb.01

Herleitung der Vokalzeichen

Hinweis: Die folgenden arabischen Ziffern in "<>" beziehen sich auf die entsprechenden Gruppen in Abb. 1.

  • Die a-Rune <1> kann aus dem griech. <2> oder lat. <3> a abgeleitet werden.
  • Die e-Rune <4> stammt vom griech. kursiven η <5>. Das lat. e <6> ist wesentlich verschieden.
  • Die é-Rune <7> ist identisch mit einer gewöhnlichen Kursivform des griech. ε <8> während der römischen Kaiserzeit.
  • Die i-Rune <9> kann vom griech. ι oder lat. i <10> hergeleitet werden.
  • Die o-Rune <11> ist von alters her mit dem griech. ω der monumentalen Form <12> zusammengestellt worden. Offenbar stimmt sie zu keiner bekannten Form des lat. o. Sie weicht der Form nach vom griech. kursiven ω <13> ab, stimmt aber vollständig mit einer Kursivform des griech. ο <14> überein, die in den ersten Jahrhunderten der Zeitrechnung üblich ist. Sie leitet sich also wahrscheinlich vom letztgenannten Zeichen her.
  • Die u-Rune <15>, die im gotischen Alphabet an der Stelle des Omikrons steht, gibt wahrscheinlich eine gewöhnliche Kursivform des lat. o <16> wieder. Lat. ō stand der Aussprache nach dem ū nahe, und ihre Zeichen wurden oft vermischt. Lat. ō wurde in germanischen Lehnwörtern durch u ersetzt, z. B. Rōma > got. Rūma.

Herleitung der Halbvokalzeichen

  • Die w-Rune <1> wird im got. Alphabet durch das Zeichen <2> ersetzt, das dem griech. υ <3> entspricht. In Fremdwörtern gibt das Griech. den w-Laut durch wieder, z. B. Ουαλης = Valens, Οoυινιoς = Ovinius. So wurde möglicherweise in der ältesten Zeit mit Runen ow für w geschrieben, z. B. das owih des Bukarest-Ringes = Wulf. weih. Sodann wurde die Schrift vereinfacht, da die w-Rune nur in diesem Zusammenhang vorkam.
  • Die älteste Form der j-Rune <4> ist identisch mit einer Ligatur des griech. ει <5>, die oft als Zeichen für i in griech. und in Fremdwörtern gebraucht wird. Herleitung aus lat. g ist formell möglich, aber des Lautwerts wegen wahrscheinlich unmöglich, da g vor vorderen Vokalen bis etwa 500 n. Chr. explosiv war.

Herleitung der Konsonantenzeichen

Spiranten

  • Die g-Rune <1> ist identisch mit griech. χ <2>, das bereits zu Beginn der Zeitrechnung eine stimmlose Frikativa war wie der germ. (got.) g-Laut auslautend und vor stimmloser Endung. Den Lautwert einer stimmhaften Frikativa erhielt der Laut auf Grund des Wechsels von stimmloser und stimmhafter Frikativa in Paradigmen wie dags dagis daga dag.
  • Die d-Rune <3> scheint auf griech. kursiv ϑ (Theta) <4> zurückzugehen, das im Beginn der Zeitrechnung zu stimmloser Frikativa wurde. Die d-Rune wurde so das Zeichen für die stimmhafte Frikativa auf gleiche Weise wie die g-Rune.
  • Die b-Rune <5> geht vom griech. β oder lat. b <6> aus.
  • Die h-Rune kann nur vom Lateinischen ausgehen, da ein Zeichen für diesen Laut der griech. Kursive fehlte.
  • Die þ-Rune (th) <7> ist formell identisch mit der Kursivform des Zeichens für þ im Got. <8>. Die Unzialform für þ im Got. ist griech. φ (Phi) <9>, nicht ϕ <11>. Nun fallen die got. und griech. resp. Kursiv- und Unzialformen zusammen. Die þ-Rune ist somit formell identisch mit der griech. Kursivform des φ <10>. Da die Entsprechung des ϑ (Theta), die d-Rune, nicht mehr stimmlose Frikativa war, musste eine Stilisierung des griech. kursiven φ als þ-Zeichen dienen, trotz des - obwohl nicht allzu sehr - abweichenden Lautwertes.
  • Die f-Rune <12> ist eine deutliche Stilisierung der kursiven Form des lat. f <13>.
  • Die s-Rune <14> geht vermutlich weder auf griech. noch lat. s zurück, sondern auf griech. ς <15>. Dies wurde am Anfang unserer Zeitrechnung als stimmhaftes s ausgesprochen. Sein Name war ςητα (Seta), das von einem Germanen, dem stimmhaftes s im Anlaut fehlte, als síta ausgesprochen wurde. Eine weniger literäre Person vermischt leicht die griech. Formen von ς und ξ <16>, und das erklärt, warum in der Runenschrift der ältesten Zeit oft ein mehrstrichiges s auftritt. Im got. Alphabet wurde die Rune s zu S stilisiert, was möglicherweise erst in Italien geschah, da got. kursive Formen, die auf griech. σ zurückgehen, im Abendland noch vorhanden sind.
  • Die R-Rune <17> bedeutet ursprünglich wahrscheinlich x (d. h. hs), ein Lautwert, der in der Angelsächsischen Runenreihe belegt ist. Formell fällt er mit griech. ψ <11> zusammen. Ist x der ursprüngliche Lautwert, so hat die Rune, die im Got. ilhs geheißen zu haben scheint, durch Substitution des nord. entsprechenden Namens *alʒiR - 'Elch' den bereits in den ältesten Moorfunden vorliegenden Lautwert R (z) erhalten. Griech. ψ, das die Lautverbindung ps wiedergab, stand allerdings im Got. viel häufiger für die Kombination hs.

Verschlusslaute

  • Die k-Rune <1> ist identisch mit lat. c <2>, kann aber auch vom griech. x <3> herstammen, indem man aus Ligaturen abstrahierte.
  • Die t-Rune <4> hat bereits in der griech. Kursivschrift ihre charakteristische Form <5>, kann natürlich aber auch vom lat. t <6> ausgehen.
  • Die p-Rune hat sehr wechselnde Formen, wahrscheinlich deswegen, weil sie verhältnismäßig selten auftritt und bald durch die b-Rune ersetzt wurde. Die ursprüngliche Form findet sich wahrscheinlich auf dem Runenstein von Kylfver <7> und in angelsächsischen Aufzeichnungen der Runenreihe. Auf der Spange von Charnay ist die Form deutlich anders <8>. Die Rune kann aus dem griech. kursiven π <9> oder dem lat. kursiven p <10> hergeleitet werden. Am ehesten stammt sie jedoch von dem ersteren. In beiden Fällen müssen wir annehmen, dass die Rune symmetrisch durch Stilisierung ausgebildet wurde, ähnlich wie es mit der ng-Rune der Fall ist.

Liquidae und Nasale

  • Die r-Rune <1> stammt vom lat. kursiven r <2>.
  • Die l-Rune <3> ist griech. l <4>.
  • Die m-Rune <5> kann vom griech. kurs. μ <6> stammen oder vom lat. kurs. m <7>, am ehesten doch von dem ersteren, da in der griech. Kursive wie bei der Rune die Mittelpartie in der Regel nicht bis zur Tiefe der Seitenschenkel herabreicht.
  • Die n-Rune <8> wird wohl von der griech. Kursive stammen, da wir hier Formen <9> finden, die durch die in der Runenschrift gewöhnliche Stilisierung unmittelbar die Rune ergeben.
  • Die ng-Rune <10> schließlich stammt zweifellos vom griech. γγ <11> und bietet ein interessantes Beispiel von der Symmetrie suchenden Stilisierung, die die Germanen der klassischen Schrift zuteil werden ließen, eine Stilisierung, die allerdings wesentliche Einzelheiten der klassischen Buchstabenzeichen verschwinden läßt, die aber unleugbar mit Geschmack, Stilgefühl und praktischem Blick ausgeführt ist.

Zusammenfassung

Wir haben also gesehen, dass folgende Runen sicher oder wahrscheinlich aus dem griechischen Alphabet stammen: die Runen für e, é, o, w, j, g, þ, s, l, ng, d, t, p, m, n, R (x). Aus dem griech. oder lat. Alphabet stammen: a, i, b. Sicher aus dem lateinischen Alphabet: u, f, h und r; wahrscheinlich auch k. Folgende Runen entstammen sicher oder wahrscheinlich der Kursivschrift: e, é, o, u, w, i, f, þ, t, p, m, n, r, s, l und ng. Folgende können aus der Kursiv- oder Monumentalschrift hergeleitet werden: a, i, b, d, g, h, R und k.

Die Kursivschrift liegt somit wahrscheinlich allen Zeichen der Runenreihe zugrunde. Die Runen verdanken somit aller Wahrscheinlichkeit nach ihre Entstehung volksmäßiger und nicht gelehrter Bildung. Nicht in gelehrter Schule, sondern im praktischen Leben haben die Menschen, die zuerst die klassischen Buchstaben zur Aufzeichnung germanischer (gotischer) Sprache brauchten, die Elemente gelernt. Das geht auch aus der eigentümlichen von der der klassischen Buchstaben stark abweichenden Ordnung hervor, welche die Runen im Futhark einnehmen, wie vielleicht auch aus den originellen Namen, die die Runen erhielten, obwohl diese auch als mit Absicht gewählte gotische Namen erklärt werden können, die zum bequemen Erlernen der Runen dienen sollten.

Der Runen sind 24, ebenso wie die griechischen Lautzeichen. Später - aber vor Wulfilas Zeit - sind für das Gotische überflüssige oder weniger brauchbare Zeichen ersetzt worden durch notwendige oder bequeme Zeichen aus dem lat. Alphabet. Auch diese Reform, die vielleicht kurz nach der Aufnahme des griech. Alphabets vorgenommen worden ist, und die in abschließender Weise die Runenreihe als selbständiges Alphabet festsetzte, geht von den kursiven Typen aus.

Man kann sich auch die Möglichkeit denken, dass der epigraphische Charakter der Runen schon der klassischen Kursive anhaftete, die ihnen zugrunde liegt; d.h. dass griech. und lat. Kursive, eingeritzt auf Holz- und Metallgegenstände usw., die Schrift ist, die die Goten, die zuerst die eigene Sprache mit klassischen Schriftzeichen schrieben, kennen lernten und nachbildeten. In den römischen Standlagern waren Inschriften solcher Art, sog. Sgraffiti, zahlreich; germanische Legionäre mussten sie in müßigen Stunden betrachten und sich für sie interessieren und fanden ungesucht Gelegenheit, sie von den griechischen und römischen Kriegskameraden lesen und reproduzieren zu lernen. Der Umstand, dass man die Runenschrift schon am Ende des 2. Jhs. n. Chr. in so abgelegenen Gegenden wie Dänemark (Vimose) und Norwegen (Övre Stabu) in ihrer eigentümlichen Mischung von griech. und lat. Buchstaben findet und ihre eigentümliche Stilisierung der Schriftzeichen vollständig ausgebildet ist, spricht seinerseits für eine sehr alte, vielleicht schon bei der ersten Anwendung der Schrift für die got. Sprache durchgeführte Vermischung von griech. und lat. Zeichen und dafür, dass diese Zeichen mit Sgraffiti-Technik ausgeführt waren.

Die Runenschrift hat ihre Entstehung also der gewaltigen Kulturarbeit zu verdanken, die dem Auftreten der Goten auf der welthistorischen Rennbahn vorausgegangen sein muss.

Quellen

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