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Das Wort Kanzler stammt von cancelli, den Schranken, die den Raum der Beamten von dem des Publikums trennte. Cancellarii hießen in der römischen Kaiserzeit die untergeordneten Beamten, die vor den cancelli standen und den Verkehr mit dem Publikum vermittelten. Im Frühmittelalter bezeichnete man als Kanzlei die Behörde, die für die Ausfertigung der Urkunden zu sorgen hatte.

Beschreibung

Wie die Germanen das Urkundenwesen von den Römern übernahmen, so auch manche Einrichtung und Bezeichnung des Kanzleiwesens. Die Beamtennamen des Mittelalters: referendarii, scriniarii, notarii, cancellarii sind schon in römischer Zeit bekannt. Seit dem 5. Jh. begegnen die referendarii als hohe Staatsbeamte, die beim Kaiser über Petitionen aller Art Vortrag zu erstatten und die Befehle an die ausführenden Behörden zu leiten hatten.

Als Expeditionsbehörden selbst fungierten vier eigene scrinia. Weit verbreitet war der Ausdruck notarius als Bezeichnung für die Privatschreiber, welche die notae zu schreiben verstanden, aber auch für eine bestimmt organisierte Gruppe der kaiserlichen Beamten, die dem primicerius notariorum unterstanden. Vielfache Anwendung besaß auch die Bezeichnung cancellarius für einen untergeordneten Beamten, besonders im Gericht.

Frühmittelalter

An die römischen Verhältnisse knüpfen im Frühmittelalter die der Germanen an. Die Gerichtsschreiber der Ribuarier seit dem 7. Jh., der Alamannen seit dem 8. Jhd., welche cancellarii hießen, stehen mit den verbreiteten römischen Provinzialschreibern in Verbindung. Aber bei den Germanen konnte trotz wiederholter Anregungen der Karolinger das provinziale öffentliche Schreiberamt nicht recht gedeihen. Die Anordnungen Karls des Großen, daß in jeder Grafschaft öffentliche Schreiber (cancellarii) anzustellen seien, wurde kaum allgemein befolgt. Nur im Westen des Frankenreiches leiteten mitunter die cancellarii der älteren Zeit zum Kanzleiwesen der Fürstenhöfe hinüber. Das alte öffentliche Schreibertum verflüchtigte sich im 9. und 10. Jh.

Anders in Italien. Hier erhielten sich von der römischen Zeit her die provinzialen und lokalen Schreiber, die Tabellionen in der Romagna, die päpstlichen Scriniare im Römischen, die Notare in anderen Gebieten. Sie genügten dem Bedürfnis nach urkundlichen Aufzeichnungen im geschäftlichen Leben. Manche von ihnen wußten sich seit dem 9. Jh. eine kaiserliche oder königliche Autorisation zu verschaffen, es treten notarii regales, notarii sacri palatii und dergleichen auf, es bildet sich ein öffentliches Notariat.

Später entstand unter dem Einflüsse römischer Rechtsgedanken die Ansicht, daß die Ausübung des öffentlichen Notariats von der Gewährung des Amts durch eine der beiden universellen Mächte: Kaiser oder Papst, abhängig sei, es erscheint der publicus imperiali auctoritate notarius oder der publicus apostolica auctoritate notarius als öffentlich berechtigte Beurkundungsperson. Dieses Notariat wurde am Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts auch auf deutschen Boden verpflanzt.

In welchem Maß in den auf römischem Boden begründeten germanischen Reichen wirkliche Kanzleien an den Höfen der Monarchen existierten, ist nicht sicher zu erkennen. Am Hofe Theoderichs scheint das umständliche Kanzleiwesen der Kaiserzeit bestanden zu haben. Am Hofe der Langobarden und der Merowinger finden sich Referendare vor, weltliche Hofbeamte, die auf verschiedenen Gebieten, auf finanziellen und militärischen, wirkten. Mehrere waren nebeneinander tätig, einer aber vermutlich mit der Hut über das königliche Siegel betraut.

Untergeordnete Beamte (Notare) schrieben die Königsurkunden, rekognoszierten auch seit 697/98 mitunter an Stelle eines Referendars. Aber kaum waren die Kanzleiverhältnisse bestimmter organisiert, kaum ist eine geschlossene Behörde, ein wirklich ständig tätiges Bureau anzunehmen.

Karolingerzeit

Die Karolinger hatten schon als Hausmeier eigene Kanzleibeamte. Als Pippin 751 zur Königswürde gelangte, fand zwar kein Personenwechsel statt, doch kam es unter ihm zu einer festeren Ordnung. Von 760 an ist ein Vorstand zu beobachten, der, geistlichen Standes, ohne feststehenden Amtstitel - die Bezeichnungen archinotarius, summus notarius, archicancellarius und dergl. begegnen wechselweise - als Leiter des Beurkundungsgeschäfts fungierte.

Schon unter Karl dem Großen von hohem Ansehen, stieg der "Kanzleivorstand" mächtig empor, beteiligte sich deshalb seit 819 nicht mehr persönlich am Schreibgeschäft, überließ wohl auch unter Ludwig dem Frommen und Lothar I. zeitweilig einem der Notare, die gewöhnlich unter der Bezeichnung ihrer geistlichen Würde als Diakone und Subdiakone begegnen, die eigentliche Geschäftsführung, ohne daß es indessen zu einer dauernden Dreistufung des Kanzleibeamtentums: Vorstand, Obernotar und Notare, gekommen wäre.

Naturgemäß traten verschiedene hohe Würdenträger und Vertrauenspersonen des Monarchen mit der Beurkundung in Verbindung, dürfen aber deshalb nicht als Mitglieder der Kanzlei gelten. So auch begreiflicherweise besonders häufig der Erzkapellan, der Vorsteher der Kapelle, der als Vorgesetzter der Hofgeistlichkeit ohnehin in gewissen Beziehungen zur Kanzlei stand. Erst unter Ludwig II. dem Deutschen wurde der Abt Grimald von St. Gallen, der in früheren Jahren (833-837) Kanzleivorstand war und dann zum Erzkapellan erhoben wurde, im Jahre 854 zeitweilig, seit 860 dauernd zugleich Chef der Kanzlei: die leitenden Stellungen in Kanzlei und Kapelle blieben seitdem vereinigt.

Und wie schon unter Ludwig dem Frommen die steigende Bedeutung des Kanzleichefs einem der Notare zu einer dominierenden Stellung verholfen hatte, so bewirkte naturgemäß schließlich die Vereinigung von Kanzleileitung und Erzkapellanat, daß ein Zwischenamt zwischen Erzkapellan und Notaren ins Leben trat: 868 nahm der Notar Eberhard, der schon vorher als einziger Rekognoszent der Urkunden fungiert und sich über die gewöhnlichen Notare erhoben hatte, den Titel cancellarius an. Damit ist eine neue und schließlich eine dauernde Grundlage der Kanzleiverfassung in dreifacher Abstufung gewonnen worden: ein Erzkapellan, ein Kanzler, mehrere Notare.

Beginn des Heiligen Römischen Reiches (HRR)

Wurde diese Organisation auch unter den Söhnen Ludwigs des Deutschen erschüttert, so gebrauchte man doch unter den letzten Karolingern und in den ersten Jahrzehnten des Heiligen Römischen Reiches (HRR) die Bezeichnung cancellarius in recht schwankender Bedeutung. Im Ostfrankenreich unter Otto I. kehrte man ab der Mitte des 10. Jahrhunderts, zu der Ordnung zurück, die im letzten Regierungsjahrzehnt Ludwigs des Deutschen fest bestanden hatte.

Hochmittelalter

Als zum Ostfrankenreich unter Otto I. als zweites regnum das italienische hinzukam, wurde eine zweite selbständige Kanzlei am Hofe eingerichtet. Und ähnlich wurde dann nach Ausdehnung der deutschen Herrschaft über das dritte regnum, das burgundische, allerdings erst unter Heinrich III. und nicht als wirklich dauernd eingebürgerte Einrichtung, eine burgundische Zentralbehörde geschaffen. Tendenzen einer Vereinigung der zwei bzw. der drei Kanzleien machten sich früh geltend, schon unter Otto III. und Heinrich II., sind indessen erst in den letzten Regierungsjahren Heinrichs V. dauernd durchgedrungen: ein Kanzler mit einem Stab untergebener Notare, über ihm drei Erzbeamte als nominell oberste Chefs der Kanzlei, mit Beziehung auf Deutschland, Italien und Burgund.

Der deutsche Erzbeamte hat bis 1044 zumeist den Titel archicapellanus geführt, während der italienische und ebenso der burgundische gewöhnlich Erzkanzler hieß. Auf den ersten Erzkapellan, der zugleich die Kanzleileitung übernommen hatte, auf Abt Grimald von St. Gallen folgte im Jahre 870 Erzbischof Liutbert von Mainz. Damit bahnte sich bereits im ostfränkischen und im späteren Heiligen Römischen Reich eine Verbindung des wichtigsten zentralen Amts mit dem Mainzer Erzstuhl an. Nach dem Tod von Ludwig dem Deutschen wurde infolge der Dreiteilung des Ostfrankenreichs das Erzkapellanat des Mainzers auf einen Teil Ostfrankens beschränkt - im Reich Karlmanns fungierte zu derselben Zeit dessen erster geistlicher Fürst, der Erzbischof von Salzburg, in dem Karls aber der Schwabenbischof von Augsburg.

Im Reich von Karl III. wurde während mehrerer Jahre sogar der Grundsatz, daß ein Bischof die oberste Kanzleileitung innehaben solle, aufgegeben und einem Emporkömmling am Hofe die Würde des Erzkanzlers, vielleicht auch die des Erzkapellans gegeben. Unter Arnulf und Ludwig dem Kind war Erzkapellan der Salzburger, der Metropolit jenes Reichsteiles, auf dem der Schwerpunkt der Königs macht dieser letzten Karolinger ruhte. Und er blieb es auch unter Konrad, der nur am Anfang seiner Regierung den Mainzer vorübergehend zum Erzkapellan bestellt hatte.

Aber wie Heinrich I. neue Wege der Politik beschritt, so erkannte er von Anfang an den Vornehmsten der Bischöfe seines Reichs an, und bestimmte den Mainzer, als Erzkapellan. Allerdings erhoben im 10. Jh. nochmals Andere Ansprüche: so wurde der Trierer, der im selbständigen Königreich Lothringen 895-900, der auch in der französischen Zeit des Herzogtums (911-925) als Erzkanzler fungiert hatte, unter Otto I. als oberster Kanzleichef für Lothringen neben dem Mainzer anerkannt.

So wurde der Salzburger, der unter den drei Regierungen Arnulfs, Ludwigs und Konrads Erzkapellan des Gesamtreiches gewesen war, von 945-953 in Königsurkunden, die sich auf Baiern beziehen, als Erzbeamter angeführt; sogar der Kölner, einst Erzkapellan im selbständigen Königreich Lothringen 895-900, erschien unter Otto I. einigemal als Erzbeamter. Eine Zerpflückung der Einheit, eine große Gefahr für die Geschlossenheit des Kanzleiwesens drohte. Otto beseitigte diese Gefahr. Als 953 sein Bruder Bruno Erzbischof von Köln und als 954 sein natürlicher Sohn Wilhelm auf den Erzstuhl von Mainz erhoben wurde, verstummten die Ansprüche von Trier und Salzburg, und nach dem Tode Brunos 965 wurde Mainz der einzige Erzkapellan. Seitdem verblieb das Erzamt dem Mainzer Stuhl, bis ans Ende des alten Ostfrankenreichs.

Ottonenzeit

Das italienische Erzkanzleramt befand sich unter den Ottonen in der Hand verschiedener italienischer Bischöfe. Heinrich II., der anfangs die italienischen Geschäfte in der deutschen Kanzlei erledigen ließ, verlieh es nach Errichtung einer besonderen italienischen Kanzlei dem deutschen Bischof von Bamberg, Konrad II. aber dem Kölner Erzstuhl, dem es mit Ausnahme kurzer, auf besondere Umstände zurückzuführender Unterbrechungen bis 1806 verblieb. Das burgundische Erzkapellanat gehörte im 11. Jh. dem Bistum Besangon, im 12. und 13. dem Erzbistum Vienne und gelangte erst nach dem Interregnum an Trier. Den ständigen Einfluß auf die Kanzleigeschäfte hatten die Erzkanzler längst verloren. Als tatsächliche Chefs fungierten die Kanzler. Ihre Wirksamkeit reichte schon im 10. Jh. über das Beurkundungswesen weit hinaus, sie sind später die wichtigsten Beamten des Kaisers, ja geradezu Träger der kaiserlichen Politik geworden.

Fazit

Von einer Kanzlei der geistlichen und weltlichen Großen Deutschlands im ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung kann also nicht gesprochen werden. Einzelne Schreiber besorgten gewisse Geschäfte, einer der Hof- und Hausgeistlichen, ein Kapellan; aber von einem organisierten Schreibbürokratie ist im Frühmittelalter nichts zu bemerken. Die Grafschaftsschreiber, die Karl der Große überall eingesetzt zu sehen wünschte, verschwanden nach Auflösung des Karolingischen Weltreichs; den Germanen fehlte noch das Verständnis für den Wert des Urkunden wesens.

Und als das intensivere Verkehrs- und Gemeinschaftsleben der deutschen Kaiserzeit aus eigener Entwicklung heraus das begehrte, was die Karolinger den germanischen Stämmen vergebens zu geben gesucht hatten, als die cartae divisae, die Kerbzettel, die sogen, chirographa für beweiskräftige Fixierung von Verträgen weitere Verbreitung und als etwas später die besiegelten Privaturkunden ihre große Bedeutung zu gewinnen begannen, da waren es anfangs vornehmlich die Empfänger, welche die Urkunden von beliebigen Schreibern verfassen und schreiben ließen. Erst das Spätmittelalter, besonders die Periode seit dem 13. Jh., führte zur Organisation wirklicher Kanzleien an geistlichen und weltlichen Fürstenhöfen und in den deutschen Städten.

Quellen

  • Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Band 3. Von Johannes Hoops, 1918—1919. S. 8.
  • Handbuch der Urkundenlehre. Band I. 2. Auflage. H. Bresslau, 1912.
  • Urkundenlehre. (Erben, Kaiser- und Königsurkunden des Mittelalter) Band I. Schmitz-Kallenberg, Redlich, 1907. Band III: Redlich, Die Privaturkunden des Mittelalters. 1911).
  • Erzkanzler und Reichskanzleien. G. Seeliger, 1889.
  • Rechtsgeschichte der römischen und germanischen Urkunde. H. Brunner, 1880.
  • "Lehre von den Nichtköniglichen Urkunden", H. Steinacker in Meisters "Grundriss der Geschichtswissenschaft". Band I.

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