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Eine Kapelle (mittellat. Capella, franz. Chapelle) war ursprünglich ein kleines, zur Aufbewahrung einer Reliquie etc. bestimmtes kirchliches Gebäude. Später wurde im Gegensatz zur Pfarrkirche jede kleinere Kirche, die entweder für sich abgesondert stand, z.B. auf Kirchhöfen, außerhalb der Städte, an Landstraßen etc., oder in Privatgebäuden angebracht und zur Vollziehung gewisser gottesdienstlicher Handlungen bestimmt war, als Kapelle bezeichnet. (Siehe auch: Kaplan). [1]

Kurzbeschreibung

Eine Kapelle ist ein Gebäude oder der Teil eines Gebäudes (einer Kirche, eines Schlosses, Landgutes usw.), in dem zu bestimmter Zeit oder ausnahmsweise öffentlicher, jedoch kein pfarrlicher Gottesdienst abgehalten wird, bzw. der lediglich der Privatandacht gewidmet ist. Die Unterschiede von Haus-, Feldweg-, Land-Kapellen etc. erklären sich selbstständig. Die französischen Könige ließen den Gottesdienst in ihren Hauskapellen durch Musik verherrlichen; so ging der Name "Kapelle" ebenso auf die Gesamtheit der Musiker eines Hofes über. Der Musikmeister wurde zum Kapellmeister.

Name

Kreuzkapelle

Kreuzkapelle von Bad Camberg

Laut dem Lexikografen Charles du Fresne, sieur du Cange (* 1610; † 1688) leitet sich der Name "Kapelle" von lat. capa bzw. cappella = 'den Kopf mitbedeckender Mantel bzw. Kappe' als Kleidungsstück des St. Martin von Tours ab (s.u.: Capella Sancti Martini). Eine andere Herleitung bezieht den Namen auf capsa, capsella = 'Kapsel, Käpselchen, worin Reliquien von Heiligen aufbewahrt wurden'.

Capella Sancti Martini

Im fränkischen Reich, in der 2. Hälfte des 6. Jhds., genoß die Capella S. Martini, d.h. das Obergewand des St. Martin von Tours, besondere Verehrung. Dieser Kultus bildete sich im Anschluß an die Legende aus, daß Martin noch als römischer Kriegsmann zu Amiens den als frierenden Bettler auftretenden Christus mit der Hälfte seines Mantels beschenkt habe. Die capella sancti Martini wurde zum fränkischen Nationalheiligtum, das die merowingischen Könige, später die Karolingischen Hausmaier und Monarchen im Frieden und im Krieg mit sich führten. Zusammen mit den anderen Reliquien wurde es in den Oratorien der jeweiligen Pfalzen aufbewahrt.

Hofkapelle

Die Hofkapelle mit dem Erzkapellan an der Spitze bildete im 9. Jh. eine Institution von weitreichender Bedeutung. Sie war gewissermaßen der Mittelpunkt des kirchlichen und des geistigen Lebens im ganzen Reich. Der Erzkapellan als der wichtigste Ratgeber des Monarchen hatte Einfluß auf Besetzung der höchsten kirchlichen Provinzialstellen, die Kapellane selbst eine gewisse Anwartschaft auf einträgliche und einflußreiche Stellen.

Diakone, Subdiakone, Presbyter begegnen unter den Kapellanen, einigemal wird eines Archidiakons gedacht, Walahfrid Strabo vergleicht die capellani minores mit den königlichen Vassen, den besonderen Gehilfen auf dem Gebiete des Krieges und der weltlichen Verwaltung. Eine Institution großen Stils, zugleich aber eine Institution, die dem geschlossenen hierarchischen System der Kirche widersprach, eine Behörde, die über die normalen Ordnungen der Kirche hinweg das kirchliche Leben beeinflußte. Die Bischöfe wandten sich daher gegen die Hofkapelle und suchten 829 deren Abschaffung zu erlangen. Aber vergebens. Die Hofkapelle blieb, sie verlor nur den Gegensatz zum Episkopalsystem.

Kanzlei

Im 9. Jh. wurde eine innige Verbindung mit der Kanzlei hergestellt. Beziehungen gab es allerdings von jeher. Waren doch die karolingischen Kanzleibeamten Geistliche. Vielleicht standen sie alle als solche unter dem Erzkapellan, jedenfalls waren manche von ihnen Kapellane. Dazu die überragende Stellung des Erzkaplans, der gleich anderen hohen Hofbeamten Einfluß auf die materielle Behandlung höfischer Akte besaß, der als Übermittler des Beurkundungsbefehls, auch des Fertigungsbefehls in der Kanzlei fungierte. Unter Ludwig dem Deutschen wurde ihm die Kanzleileitung übertragen (s. Kanzlei).

Und seit 870 galt hauptsächlich der Grundsatz, daß das Erzamt in Verbindung stehe mit dem ersten Bistum des Reiches. Wie dadurch der Erzkapellan die ständige Wirkung auf die Kanzlei einbüßen mußte, so auch auf die Kapelle. Der Mainzer, der schon vorher häufig den Titel Erzkanzler statt Erzkapellan geführt hatte, begnügte sich seit 1044 definitiv mit dem Erzkanzlertitel. Ob einer der Kapellane, ob vielleicht der Kamtler als Stellvertreter des abwesenden Erzbeamten wirklicher Chef der Kapelle geworden war, wissen wir nicht.

Geschichtliches

8. Jahrhundert

Weil die Capella Sancti Martini als wichtigstes Heiligtum des Hofes galt, wurde die Bezeichnung capella so für alle am Hof befindlichen Reliquienschätze und ebenso für die bei gottesdienstlichen Handlungen am Hof verwendeten Heiligtümer gebraucht. Dadurch wurde das Wort capella auch auf den Ort der regelmäßigen Aufbewahrung bezogen: die Oratorien der Pfalzen wurden "Kapellen" genannt. Bereits in der 2. Hälfte des 8. Jhds. tauchten in diesem Sinn als Kapellen bezeichnete Gebäude und Einrichtungen nicht nur in königlichen Pfalzen auf, sondern ebenso an Orten, die zu den Pfalzen des Königs in keiner Beziehung mehr standen und höchstens einst direkt oder indirekt zum Fiskus gehört hatten.

9. Jahrhundert

Aachener Dom 2007-08-18 by losgor

Die Aachener Pfalzkapelle.

Seit dem Anfang des 9. Jhds. ist selbst von dieser, mitunter nur vagen Beziehung zum Königsgut wenig zu bemerken und die Verwendung des Wortes Kapelle als Bezeichnung eines Gotteshauses allgemein. Allerdings schon damals in der charakteristischen Beschränkung, die bis zum heutigen Tage zu beobachten ist. Die Oratorien der Pfalzen waren ja nicht große Tauf- und Pfarrkirchen, sondern eher kleinere Gebäude, die den kirchlichen Bedürfnissen des Monarchen und seiner nächsten Umgebung zu genügen hatten.

Und obschon manche dieser Pfalzkapellen, so vor allem die Aachener Pfalzkapelle, später eine große Ausdehnung erlangten und mit ihren zahlreichen Klerikern zu einem gewaltigen Kollegiatstift wurden, so knüpfte die ausgedehnte Anwendung des Begriffes capella auf Gotteshäuser doch an die einstigen kleinen und internen Oratorien an.

Im Jahre 829 wurden die "aediculae, quas usus inolitus capellas apellat" den "basilicae deo dicatae ad missarum celebratarum audiendum" gegenübergestellt. Das Wort "Kapelle" blieb im Sinne der kleinen Gotteshäuser erhalten, besonders jenen die zu Herrschaftshöfen gehörten, oder als Bezeichnung für einzelne Sonderteile einer großen Kirche. Für die Gebäude der regelmäßigen Gottesdienste in den Pfarrgemeinden wurde es dagegen nie gebraucht. Erst viel später wurde der Ausdrucks auf musikalische Einrichtungen übertragen, die ursprünglich mit den Kapellen als Gotteshäusern zusammenhingen.

10. Jahrhundert und später

Die Kapelle spielt noch in der deutschen Kaiserzeit eine gewichtige Rolle. Ihr gehörten Leute an, die zu den verschiedenartigsten und zu recht weltlichen Geschäften verwendet wurden, als Königsboten in Italien, als Gesandte, sogar als Vorbereiter militärischer Aktionen, sie ist der Mittelpunkt des recht weltlichen Gebahrens der Hofgeistlichkeit und daher für Männer strenger Richtung ein Objekt des Angriffs. Sie war für die Mitgliedern häufig Vorschule und Vorstufe für die Erlangung hoher kirchlicher Ämter. Später wurde das Kapellanat immer häufiger verliehen, auch an solche, wie z.B. an Mönche von Monte Cassino, deren Anwesenheit am Hofe überhaupt nicht zu erwarten war. Damit hat sich die Einheit und Geschlossenheit der Organisation mehr und mehr verflüchtigt. Die Kanzlei auf der einen Seite, die verschiedenen besonderen kirchlichen und weltlichen höfischen Institutionen auf der anderen Seite haben in späterer Zeit die Kleriker des Hofes in anderer Weise organisiert.

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Quellen

Einzelnachweise

  1. Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 10. Leipzig 1907, S. 585.

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