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Für die Geschichte der Karolingischen Miniaturmalerei gibt es wesentlich mehr Vorarbeiten als für die frühere Zeit der Merowingischen Buchmalerei. Der Beitrag in der Publikation der Trierer "Adahandschrift" (um 800, Hs. 22) von H. Janitschek schuf die Grundlagen für die Gruppierung des Materials, auf denen die weitere Forschung aufgebaut hat. [1] Von einer wirklichen Kenntnis dieser Periode waren Forscher aber lange weit entfernt.

Vorwort

Zunächst wurden einseitig die Prachthandschriften in den Kreis der wissenschaftlichen Betrachtung gezogen, woraus sich ein schiefes Gesamtbild der künstlerischen Bewegung ergab, und weiter gelangte man kaum über eine deskriptive Klassifizierung nach äußeren Merkmalen hinaus. Infolgedessen wurden blieben die Anfänge der ganzen kulturellen und künstlerischen Bewegung lange weitestgehend unaufgeklärt. Erst spät versuchten Forscher, anhand der Entwicklung einer Schule den Übergang von der merowingischen zur karolingischen Kunst zu zeigen, die vielmehr durchaus als etwas ganz Selbständiges, Neues erschien.

Sie schien durch eine Einflußwelle der insularen Kunst vorbereitet worden zu sein, die von der Mitte des 8. Jhs. an etwa auf den Kontinent übergriff. Von welchen Zentren diese Bewegung ausging und welche Bedeutung ihr zukam, blieb für künftige Forscher noch zu untersuchen. Besonders im nördlichen Frankreich und im Westen des heutigen Deutschlands war der Einfluß in der Ornamentik deutlich zu erkennen; aber sie reichte offenbar bis tief ins östliche Frankreich hinein.

Das Resultat war vielfach eine ganz eigentümliche Mischung von merowingischer Kunst mit insularen Motiven, die man fast als für den Ausgang des Jahrhunderts charakteristisch ansehen kann. Das für überraschende und ganz plötzliche Einsetzen des neuen Stils konnte aber durch diese Erscheinung nicht erklärt werden. Er brachte eine vollkommene Umwälzung des Handschriftenschmuckes im System, in der Ikonographie, in der Auffassung vom Wesen und den Mitteln der Malerei, in der Technik, in der Ornamentik mit sich. Es war, als ob sich plötzlich verborgene Quellen öffneten, aus denen ein ungeahnter Reichtum an Formen und Darstellungsmitteln den Malern zuströmten.

Karolingische Renaissance

Als diese Quelle sah man lange einzig und allein die Antike an. Das erwachende Verständnis für ihre Denkmäler, in erster Linie die Handschriften, habe zum Versuch der Nachahmung gereizt und diese schließlich zu den künstlerischen Formen geführt, die für die "Karolingische Renaissance" charakteristisch sind. Plötzlich herrschten Stiltendenzen vor, die man als Annäherung an die Antike bezeichnen kann, wenn man diese als Gesamtheit der künstlerischen Kultur der alten Mittelmeervölker nimmt und in Gegensatz zur frühen, Vorkarolingischen Malerei des westlichen Europa stellt.

Aber über diese allgemeine Behauptung hinaus war alles ungewiß und unerforscht und sollte es bleiben, so lange man so wenig von der Kunst der ersten Jahrhunderte des frühen Mittelalters wusste. Das bestätigten auch die vereinzelten Hypothesen, die zur Erklärung für die karolingische Renaissancebewegung aufgestellt wurden. Als Erster wollte Hubert Janitschek (1846–1893), ein deutscher Kunsthistoriker, gewisse ornamentale Motive aus Syrien herleiten.

Das österreichische Kunsthistoriker Josef Strzygowski (1862-1941) sah in einzelnen Stellen seiner Schriften, darüber weit hinausgehend, die christliche Kunst des Orients als den eigentlichen Mutterboden auch der karolingischen Kunst an, und wies vor allem auch ikonographische Parallelen in syrischen und frühkarolingischen Handschriften nach. [2]

Ursprungsfrage

Die Ursprungsfrage aber konnte für diesen Stil nicht im Ganzen beantwortet werden, sondern mußte für jede der großen karolingischen Schulen von neuem gestellt werden. Auch wenn bei manchen von ihnen eine direkte Einwirkung orientalischer Kunst in den Anfängen nachgewiesen werden wurde - in erster Linie wurde die sog. Adagruppe daraufhin untersucht -, so führte weitere Forschung doch zu dem Resultat, daß bei den westfränkischen Schulen von einer gewissen Entwicklungsphase an ein Aufnehmen von zeitlich zurückliegenden, zumeist spätantiken Mustern stattfand.

Auf diesem Wege erklärte sich, wie der dekorative Flächenstil der vorkarolingischen Zeit überwunden wurde, und einem malerischen Stil wich, der wie der spätantike die körperliche und farbige Erscheinung der Dinge in entwickelter Deckfarbentechnik darzustellen suchte. Ob für die Übermittlung des malerischen Stiles an eine fortlaufende Tradition oder eine der karolingischen vorausgehende „Renaissance" in der byzantinischen oder etwa in der römischen Kunst des 8. Jhs. gedacht werden konnte blieb eine noch unentschiedene Frage.

Zweifellos ging die ganze Kunstbewegung von einer Schule aus, die mit dem karolingischen Hofe in engster Verbindung stand; das Beispiel der in ihr entstehenden Prachthandschriften wirkte in anderen künstlerischen Zentren, steigerte und bildete überraschend schnell die Ansprüche und das Können und führte mit der Zeit allerorten zu dem neuen Stil, der in dem einen Kreis mehr, in dem anderen weniger von den gewohnten, vorkarolingischen Formelementen und Motiven beibehielt und dazu noch durch die Verschiedenheit der wirkenden Einflüsse oder Vorlagen nach den einzelnen Kultursphären stark differenziert erschien.

Unterscheidende Merkmale für die einzelnen Gruppen gaben in erster Linie die ornamentalen Motive an die Hand, die nur selten von einer zur anderen übermittelt wurden, sondern vielmehr einer im ganzen wenig von außen beeinflußten Entwicklung innerhalb der Schule unterlagen. Die Darstellung von Figuren dagegen war in den Ausgangspunkten und der Weiterbildung einheitlicher; Einflüsse einer Gruppe auf die andere war auf diesem Gebiet eine häufige Erscheinung.

Anfänge: Adagruppe

Unter dem Namen der Gruppe der Ada-Handschrift faßt man seit Hubert Janitschek (1846–1893) ([1]) eine Reihe von Prachtausfertigungen der Evangelien zusammen, von denen ein Exemplar von einer Ada, angeblich einer Schwester Karls des Großen, der Abtei St. Maximin in Trier geschenkt wurde und von dort in die städtische Bibliothek kam (Nr. 22).

Andere Exemplare befinden sich in Abbeville, London, Rom usw. Die ganz besondere Art der Gruppe und der außerordentliche Reichtum der Ausstattung lassen über ihre Bedeutung keinen Zweifel. Aber es scheint bisher unmöglich, genügende Anhaltspunkte für eine sichere Lokalisierung zu gewinnen; Metz, Lorsch, Trier und andere Städte Westdeutschlands wurden vorgeschlagen, aber Beweise fehlen.

Rudolf Beer vertrat die These, daß die Handschriften der sog. Ada-Gruppe Erzeugnisse der in den Quellen erwähnten Schola Palatina waren. [3] Wie über die Schule selbst, so gehen jedoch auch über die Herkunft ihres Stiles die Ansichten weit auseinander. Der deutsche Kunsthistoriker Georg Swarzenski (1876–1957) vermutete, daß die insulare Kunst [4], Arthur Haseloff (1872–1955) dagegen, daß ein nicht näher zu bestimmender provinzieller Zweig der byzantinischen Kunst als Quelle ihres besonderen Stiles anzusehen sei. [5]

Godescalc- u. Soisson-Evangelistar

Schon in der ältesten erhaltenen Handschrift, dem von Godescalc in den Jahren 781-783 für Karl den Großen und seine Gemahlin Hildegard geschriebenen Evangelistar (Godescalc-Evangelistar; Paris, Bibl. nat. nouv. acq. lat. 1203), tritt mit einem Schlag eine Fülle neuer ornamentaler Motive auf, während die bis dahin gewöhnten Schmuckformen fast ganz verdrängt erscheinen. Ein Teil von ihnen ist mit Motiven der insularen Malerei, besonders der südenglischen Kunst verwandt, an die auch die schlichteren Evangelistenbilder erinnern könnten, wenn nicht vielleicht ein Zurückgehen auf ähnliche oder gemeinsame Vorbilder die Analogien erklärt.

Daneben aber macht sich in der Ornamentik starker Einfluß antiker Formauffassung geltend (Bild: Trierer Ada-Handschrift, Initial Q), der in den späteren Handschriften auch auf die Figurendarstellung übergreift und zu einer plastischen Darstellung führt, die sich z.B. indem wahrscheinlich vor 827 entstandenen Evangeliar von Soissons (Paris, lat. 8850) mit einer fast klassischen Reinheit der Formensprache verbindet (Bild: Ada-Evangeliar, Evangelist Lukas).

Die ornamentalen und figürlichen Typen dieser Gruppe leben in lokalen Schulen des ostfränkischen Reiches weiter, auch wenn sie sich immer mehr von den ursprünglichen Vorbildern entfernen und sich durch eigene Interpretation verändert haben (s. Die ostfränkischen Schulen: Fulda; Ottonische Malerei: Reichenau). Sie wirken auch noch auf die ottonische Kunst des 10. Jhs. ein. Gelegentliche Einflüsse von der Adagruppe werden aber auch sonst in den großen westfränkischen Renaissanceschulen des 9. Jhs. fühlbar, wenn sich auch keine von ihnen als eine direkte Fortsetzung jener ersten erweisen läßt, sie alle vielmehr in mancher Beziehung scheinbar fast entgegengesetzten Tendenzen folgen. [1]

Die westfränkischen Schulen

Die westfränkischen Schulen scheinen sämtlich um einige Jahrzehnte jünger zu sein als die Anfänge der Palastschule, d.h. sie fallen erst in die Regierungszeit Ludwigs des Frommen oder frühestens an das Ende der Regierung Karls des Großen; bei allen wiederholt sich die Erscheinung, daß ihr Stil so gut wie ausgebildet schon in den ältesten bekannten Produkten entgegentritt.

Frankosächsische Gruppe

Eine Sonderstellung gegenüber den übrigen Schulen, die trotz aller Verschiedenheit im einzelnen einen retrospektiven Charakter haben, nimmt die sog. franko-sächsische Schule ein, deren Zentrum im nördlichen Frankreich, vielleicht in der Abtei St. Vaast in Arras, zu suchen ist, aber von dort aus um sich greift und mit ihren ornamentalen Formen den ganzen Norden Frankreichs und Belgien bis ins 10. Jh. beherrscht. Im Figurenstil ist sie zwar wenig einheitlich und durchaus von Einflüssen der anderen Schulen abhängig, doch um so eigenartiger in der Ornamentik, deren charakteristische Motive der insularen Kunst entstammen, aber umgebildet und selbständig kombiniert werden (Bild: Evangeliar Franz II., Paris BnF MSS lat. 257).

Von einigen sehr reichen Handschriften, wie dem Evangelistar von St. Vaast in Arras und einem Evangeliar in Boulogne (Bild: Grandval-Bibel, Genesis, fol. 5b), die eine Sonderstellung einnehmen, abgesehen, ist der Reichtum der verwendeten Motive allerdings nicht groß; die Zierseiten werden mit schlichten Rahmen umzogen, den Hauptschmuck der Initialen bilden Endungen in Köpfen von Vögeln, Schlangen und hundeartigen Tieren.

In manchen Handschriften, die wohl an der Peripherie des von der Schule beherrschten lokalen Kreises entstanden sind (z. B. in dem in Corbie geschriebenen Sakramentar des Hrodrad, a. 853, Paris BnF MSS lat. 12050), findet auch in der Ornamentik eine Mischung mit fremden Einflüssen statt; aber Ausbreitung und Abwandlung des Stiles in den verschiedenen lokalen Ateliers sind bisher nicht untersucht worden, trotzdem der Gruppe außerordentliche Bedeutung zukommt.

Denn ihre dekorativen Formen, vielfach umgebildet, mit lokalen und von außen eindringenden Motiven verschmolzen, gewinnen schließlich Herrschaft über ein Gebiet, das von Corbie und Amiens im Westen, Soissons und Trier im Süden, über Köln hinaus bis in das sächsische Gebiet reichte. Groß ist auch die Zahl der für den Export gearbeiteten Handschriften, die in weitabliegende Gebiete die Stilformen der franko-sächsischen Schule tragen. Noch im 11. Jh. entsteht im Kloster Bobbio eine ganze Gruppe von Handschriften, deren Ornamentik durch das Vorbild eines dort liegenden Sakramentars der Schule ganz bestimmt ist.

Die gleiche Lebenskraft beweisen ihre Formen in ihrem eigentlichen Heimatland; in den belgisch-nordfranzösischen Handschriften des 10. und 11. Jhs. leben sie fort, greifen auf die Inseln hinüber und bilden eines der Elemente, aus denen sich der angelsächsische Stil des 11. Jhs. entwickelt. Da der frankosächsische Stil an keine einzelne Zentralschule gebunden war, und seine Formen in der Hauptsache aus indigenen oder doch wesensverwandten, nämlich gleichzeitigen insularen Motiven entwickelt, könnte man ihn, wenn auch Einflüsse der übrigen Schulen auf ihn eingewirkt haben, im Gegensatz zu jenen 'volkstümlich' nennen.

Auch im übrigen Frankenreich gab es zu dieser Zeit neben den eigentlichen Renaissanceschulen, in denen die meist allein bekannten Prachthandschriften entstanden sind, und gleichsam den breiten Untergrund für sie bildeten, verwandte volkstümliche Strömungen, in denen sich Formen und Typen der Vergangenheit besonders im zentralen und östlichen Frankreich erhielten. Sie wurden von der Kunstgeschichte lange Zeit kaum berücksichtigt.

Doch nahm im westfränkischen Reich die Entwicklung den Verlauf, daß dieser volkstümliche Stil, der technisch an vorkarolingischen Gewohnheiten festhielt, indem er Objekte und Ornamente in kolorierter Umrißzeichnung darstellte, die Renaissanceschulen überlebte, wenn er auch von ihnen zahlreiche Darstellungsformen und Ornamentmotive übernahm. Denn nach dem Absterben jener, das schon am Ende des 9. und im Beginn des 10. Jhs. erfolgte, beherrschte der frankosächsische Stil die künstlerische Produktion bis ins 11. Jh., soweit die wenigen, reicher ausgestatteten Handschriften dieser Zeit ein Urteil gestatten. Er wurde erst verdrängt durch indirekt vermittelte, starke byzantinische Einflüsse, die mit dem 11. Jh. einsetzen.

Tours

Der Ausgleich zwischen beiden parallelen Strömungen ist in Mittelfrankreich von besonderer Bedeutung; denn die ornamentalen Formen der hier mächtigsten Schule, die im Kloster St. Martin in Tours ihren Sitz hatte, finden auf diesem Wege Eingang in die spätere Produktion und bilden die Grundlage für die Ornamentik des ganzen südlichen Frankreich in der Folgezeit. Aus der Zeit Alkuins, der in seinen letzten Lebensjahren († 804) Abt des Klosters war, nachdem er sich vom Hofe zurückgezogen hatte, sind keine Handschriften bekannt.

Die dieser Schule eigentümliche Schriftform, die karolingische Halbunziale, wurde erst unter seinem Nachfolger Fridegisus ausgebildet; die großen, reichen touronischen Handschriften, wie die sog. Alkuin-Bibeln in Zürich, Bamberg, London (Bild: Grandval-Bibel, Genesis, fol. 5b) und Paris und die prachtvollen Evangeliare entstanden aber erst nach 830, und es ist nicht möglich, zu sagen, in welchem Verhältnis ihre Ausstattung zu alkuinischen Vorbildern steht, deren Text sie zu kopieren scheinen.

Ihr figuraler und dekorativer Stil, der ganze in ihnen auftretende Formenschatz ist auch sehr verschieden von dem der Adagruppe, zu der man nähere Beziehungen erwarten könnte. Seine Eigenheiten müssen wohl so erklärt werden, daß er ein Resultat der Nachahmung von fremden Vorbildern ist, die durch die umsichtige Sammeltätigkeit der Schule nach Tours gekommen sein werden. Aus den übernommenen Formen wird ein sehr ausgeprägtes, eigenartiges System für die bildliche Darstellung und den dekorativen Schmuck geschaffen, in das gegen die Mitte des Jahrhunderts einzelne Motive der östlichen Schulen eindringen, das andererseits aber auch auf diese eingewirkt hat.

Reims

Der Austausch von Formen und Stilelementen fand lebhaft unter jenen drei großen Renaissanceschulen des östlichen Frankreich statt, von denen zwei in Reims und Metz ihre Zentren gehabt haben, während die dritte bisher nicht mit Sicherheit lokalisiert werden konnte; so mag ihr der Name der „Schule von Corbie" vorläufig belassen bleiben, obwohl sie vermutlich mehr östlich beheimatet ist. Gemeinsam ist ihnen, daß ihr Stil offenbar am Vorbild spätantiker Handschriften gebildet ist, deren Impressionismus in diesen Produkten eine höchst merkwürdige Auferstehung erlebt. Diese künstlerische Richtung scheint aber nicht eigener Initiative zu entspringen, sondern das Produkt direkter byzantinischer Einflüsse auf das älteste und mächtigste Skriptorium dieses Kreises, auf die Schule von Reims, zu sein, wofür die Evangelistenbilder des Purpurevangeliars der Wiener Schatzkammer sprechen.

Mit dieser Handschrift gehört nach der Initialornamentik zusammen der berühmte Psalter der Universitätsbibliothek in Utrecht (Bild: Utrechter Psalter, Psalm 43), dessen lebensprühende Federzeichnungen nicht, wie man früher annahm, originale Schöpfungen und Dokumente einer staunenswerten, auf Beobachtung des wirklichen Lebens beruhenden Darstellungskraft sind, sondern auf frühbyzantinische Vorbilder zurückgehen.

Für die zeitliche Ansetzung und Lokalisierung dieser Gruppe ist von größter Bedeutung ein dem Psalter nahe verwandtes Evangeliar in Epernay, das nach dem Widmungsgedicht im Kloster Hautvillers bei Reims für den Erzbischof Ebo von Reims (816-834) geschrieben wurde (Bild: Ebo-Evangeliar, f. 60 v). Die Schule entfaltete bis zu ihrem Erlöschen im Laufe des 10. Jhs. eine außerordentlich rege Tätigkeit. Die Handschriften zeigen, wie das Verständnis für den impressionistischen Stil allmählich verloren ging und eine Umsetzung der Formen eintrat. [6] [7]

Metz

Inzwischen aber griff die in Reims eingeschlagene Stilrichtung auf die benachbarten Schulen über und brachte besonders in Metz Produkte von einer solchen Reife und einem solchen Verständnis für ihre stilistischen Absichten hervor, daß von einer einfachen Nachahmung von Reimser Vorbildern kaum die Rede sein kann. Die älteren Handschriften dieser Schule, z. B. ein Purpurevangeliar der Pariser Nationalbibliothek (Paris, MS lat. 9383), verwenden als dekorative Schmuckform hauptsächlich eine fast naturalistisch wirkende Blattform.

Im sog. Evangeliar Ludwigs des Frommen bzw. Drogo-Evangeliar (Paris, MS lat. 9388) wird es mit den Evangelistensymbolen ganz eigenartig zur Initialbildung verschmolzen (Bild: Drogo-Evangeliar - Johannesadler, Initial „I") [8], und das wahrscheinlich unter dem Erzbischof Drogo (826-855) geschriebene Drogo-Sakramentar (Paris, MS lat. 9428) [9] hat eine Fülle von Initialen, die im gleichen Laubwerk an den Utrechter Psalter erinnernde biblische und Martyrienszenen einschließen. Die Weiterentwicklung dieser Schule im 9. Jh. ist eigentlich völlig unbekannt und diese Lücke wenig empfunden, weil früher der Sitz der Adagruppe in Metz gesucht wurde.

Corbie

Es ist nicht ohne Bedeutung und Indiz für eine enge Beziehungen der einen Gruppe zur anderen daß aus dem Schatz der Kathedrale von Metz einige der reichsten Handschriften der Schule stammen, die auf Grund einer angeblichen Verwandtschaft mit dem in der Frankosächsischen Gruppe erwähnten Sakramentar, das 853 von Hrodrad in Corbie geschriebenen wurde, auch „Schule von Corbie" genannt wird. Es kommt hinzu, daß einige Elemente der Ornamentik der Metzer und Corbier Schule gemeinsam sind.

In den „Corbier" Handschriften allerdings ist in den für sie besonders charakteristischen, fast überreichen Rahmungen von diesem Zusammenhang wenig mehr zu finden. Ihre außerordentliche Bedeutung besteht darin, daß sie in den figürlichen Darstellungen die Resultate der anderen Gruppen zu einem eigenen neuen Stil verschmilzt.

Die Bilder des Sakramentarfragments aus Metz (Paris, lat. 41) (Bild: Sakramentar aus Metz) und des nach dem Utrechter Psalter figurenreichsten Denkmals der karolingischen Kunst, der Bibel von St. Paolo fuori le mure in Rom, flossen in Ikonographie und Stil zusammen aus dem, was in den Schulen von Tours und Reims an Formen und Darstellungsmitteln angesammelt worden war. Dazu parallel bildete sich eine Ornamentik aus, die an Reichtum und Fülle alles bis dahin Geleistete weit übertrifft. Auch ein Einfluss auf die Ausbildung des alemannisch-ottonischen Stiles ist nicht unwahrscheinlich.

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Die ostfränkischen Schulen

Über die Geschichte der Buchmalerei des 9. Jhs. im Ostfrankenreich ist vergleichsweise wenig bekannt. Eine der ersten Zusammenstellung des Materials für dieses Gebiet behandelt die Miniaturmalerei von der Ottonenzeit bis zur Gotik. [10] Es ist keine Frage, daß in der mit dem 9. Jh. hier entstehenden Kunst das insulare Element eine bedeutende Rolle spielt, das im Laufe des 8. Jhs. durch die irische und angelsächsische Mission nach Deutschland gebracht wird.

Die Handschriften der Missionare, die von den Inseln herüberkamen, waren die ersten Zeugnisse künstlerischer Tätigkeit überhaupt, mit denen die christianisierte Bevölkerung bekannt wurde. Bei diesen Lehrern lernte man mit der Schrift auch das insulare System der Buchgestaltung. Das beweisen einerseits die insularen Handschriften, die seit dem Mittelalter an verschiedenen Orten Deutschlands aufbewahrt wurden:

  • Das Cadmug-Evangeliar (Cod. Bonif. 3.) in Fulda
  • Der Codex 212 (Collectio canonum) vom Ende des 6. Jh. der Dombibliothek Köln [11]
  • Die St. Gallener Handschriften,
  • Das Evangeliar aus Maihingen aus der 1. Hälfte 8. Jh., geschrieben in Echternach.
  • Das Cuthbert-Evangeliar des Stonyhurst College in Lancashire (eh. Salzburg in Wien).

Diese Handschriften beweisen auch den ausgedehnten Gebrauch der angelsächsischen Minuskel in Mitteldeutschland, z.B. in Würzburg, Fulda und Regensburg bis in die zweite Hälfte des 9. Jhs. Die ornamentalen Formen der späteren angelsächsischen Malerei beherrschen den, nur selten reicher ausgebildeten Initialschmuck der älteren Handschriften [12].

Von weit geringerer Bedeutung ist dieser Einfluß in den Handschriften, die am Ende des 8. und dem Beginn des 9. Jhs. in den Klöstern der Schweiz und der Gegend des oberen Rheins entstanden sind. Es scheint, daß sich hier nicht nur die lokalen Ornamentmotive der Merowingerzeit weit länger erhalten haben als im eigentlichen Frankenreich, sondern noch ein gewisses Zusammenfließen verschiedener Strömungen stattfand. Das Nebeneinander der verschiedenen Elemente zeigte z. B. die 1870 in Straßburg verbrannte Kanonessammlung, die für den Bischof Rachion im Jahre 787 geschrieben wurde.

Kloster St. Gallen

Auf dieser Grundlage entstand durch Auswahl, Ausbildung und kalligraphische Stilisierung bestimmter Motive im Kloster St. Gallen unter dem Einfluß der großen karolingischen Schulen in der ersten Hälfte des 9. Jhs. ein fest ausgeprägter Stil, der im Wesen seiner Entstehung vielleicht mit der franko-sächsischen Schule verglichen werden darf. Doch machte er statt der insularen Formen vielmehr vorkarolingische kontinentale Motive zu den wichtigsten Elementen seiner Ornamentik.

Wie in jener nordfranzösischen Gruppe überwiegt durchaus das Interesse für den ornamentalen Schmuck, den man anfangs mit den gewohnten Mitteln der Umrißzeichnung und Kolorierung in wenigen Farben, dann in Golddeckung ausführt; die vereinzelten Figurenbilder haben geringe Bedeutung und keinen einheitlichen Schulcharakter. Im letzten Drittel des 9. Jhs. entstanden die berühmten Prachthandschriften der Schule:

In diesen Handschriften wurden die alten Motive zu großem Reichtum entwickelt, gleichzeitig ist auch ein starkes Einströmen von Dekorationselementen der französischen Schulen zu beobachten. Doch werden diese so stark verarbeitet, daß das flächigdekorative System nicht durchbrochen wird. Die ganze Kraft der Schule zeigt sich darin, daß selbst in den figürlichen Bildern bei starker Anlehnung in Komposition wie Einzelmotiv an die fremden Vorbilder technisch an der vorkarolingischen Zeichnung festgehalten wird, so daß sich auch hier als Resultat ein ganz neuer eigener Stil ergibt. Bis ins 11. Jh. lebte diese Ornamentik im Kloster St. Gallen fort, und noch um die Mitte des 10. Jhs. entstand hier ein reicher Zyklus von Szenen, wie z.B. die Federzeichnungen der Makkabäer-Handschrift in Leiden (Periz. 17). [15]

Übriges Deutschland

Die künstlerische Tätigkeit des übrigen Deutschland wurde lange so gut wie nicht untersucht, so daß wichtige Literaturdenkmäler, wie die Evangelienharmonie (Liber Evangeliorum) des Otfrid von Weißenburg (Cod. Pal. lat. 52) [16], nicht mit Sicherheit lokalisiert werden konnten. Andererseits war die Bedeutung von Orten wie Salzburg, Lorsch, Würzburg, Trier oder Köln, die gewiß Schreibschulen besessen haben, für die Geschichte der Malerei dieser Zeit lange unbekannt.

Daß gelegentlich starke Einflüsse von französischen Schulen einwirken, beweisen für Süddeutschland die nach Reimser Mustern kopierten Evangeliare des Anno von Freising († 875) (BSB Clm. 17011 u. Clm, 6215 [17], Bischof 854-875), für Norddeutschland der Zyklus von Illustrationen zu Rhabanus Maurus' Liber de laudibus sanctae crucis (Lob des heiligen Kreuzes) um 810 [18], der stilistisch stark an touronische Miniaturen erinnert.

Fulda

Für die Schule des Kloster Fulda, aus der die Illustrationen des Rhabanus Maurus im Liber de laudibus sanctae crucis (Lob des heiligen Kreuzes) hervorgegangen sind, nimmt man neben ihrer literarischen Bedeutung auch eine rege Kunsttätigkeit an. Daher werden ihr ebenso die Evangeliare aus Erlangen (Abb. 18: Evangelist Lukas) und Würzburg aus der Mitte des 9. Jhs. zugeschrieben. Danach gehört Fulda mit zu den wichtigen Schulen, die den Stil der karolingischen Schule, in dem die Adahandschriften und ihre verwandten Werke entstanden sind, beibehielten und weiterbildeten.

Als Wirkung einer weitergelebten Tradition wäre dann die Abhängigkeit des sog. Codex Wittechindeus (Codex Theol. Lat. fol. 1) in der Staatsbibliothek zu Berlin von Werken der Adagruppe aufzufassen, sowie das Fuldaer Evangeliar aus dem 9. Jhs., an das sich eine ganze Reihe von sicheren Fuldaer Handschriften, hauptsächlich Sakramentaren, anschließt, die sich anfangs unter alemannischem, dann unter byzantinischem Einfluß allmählich von diesem retrospektiven Stile entfernen; um die Mitte des 11. Jhs. scheint die Tätigkeit dieses Ateliers für geraume Zeit abzubrechen.

Danach folgte die Zeit der... → Ottonischen Malerei.

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Quellen

  • Swarzenski. Die karolingische Malerei und Plastik in Reims (Jahrbücher der preuß. Kunstsamml. 1902 p. 81).
  • I. von Schlosser, Schriftquellen zur Geschichte der karolingischen Kunst, 1892 (Quellenschriften für Kunstgeschichte N. F. IV Band.).
  • I. von Schlosser, Beiträge zur Kunstgeschichte aus den Schriftquellen des frühen Mittelalter. (Sitzungsberichte d. phil.hist. Cl. der Akademie. d. Wiss. 1891 Band. 123).
  • Fr. F. Leitschuh, Geschichte der karolingischen Malerei, ihr Bilderkreis und seine Quellen 1894.
  • Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, 4 Bände (1. Aufl.). Johannes Hoops. K. J. Trübner, Straßburg 1911-1919. Bd. III, Art. Malerei, C. Karolingische Malerei; S. 180 ff.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Die Trierer Ada-Handschrift (Google Books). Bearbeitet und herausgegeben von K. Menzel, P. Corssen, H. Janitschek, A. Schnütgen, F. Hettner, K. Lamprecht. Mit achtunddreissig Tafeln. 1889.
  2. Byzantinische Denkmäler: Das Etschmiadzin-Evangeliar (Google Books). Josef Strzygowski. Mechitharisten-Congregation in Wien, 1891. S. 67.
  3. Monumenta Palaeographica Vindobonensia (Google Books). Denkmäler der Schreibkunst aus der Handschriftensammlung des Habsburgisch-Lothringischen Erzhauses. Österreichische Nationalbibliothek. Hrsg. Josef Ritter von Karabacek, Rudolf Beer. K. W. Hiersemann, 1910
  4. Die Regensburger Buchmalerei des X. und XI. Jahrhunderts (Internet Archive): Studien zur Geschichte der deutschen Malerei des frühen Mittelalters. Georg Swarzenski. Leipzig, Karl W. Hiersemann, 1901.
  5. Der Psalter Erzbischof Egberts von Trier (Google Books). Sauerland und Haseloff. Selbstverlag der Gesellschaft fur nützliche Forschungen, 1901. S. 130
  6. J. J. Tikkanen Die Psalter Illustration im Mittelalter. 1895.
  7. A. Goldschmidt. Der Utrechtpsalter (Repertorium für Kunstwissenschaft 1892)
  8. Evangelia quattuor (Europeana Regia), sog. Drogo-Evangeliar; Capitulare evangeliorum. Paris Bibliothèque nationale de France MSS Latin 9388
  9. Drogo-Sakramentar (Europeana Regia), sog. Sacramentarium. Paris Bibliothèque nationale de France MSS Latin 9428
  10. Haseloff in Michel Histoirc de l'art Bd. I 2. Aufl., S. 711-755
  11. Codex 212 bei Codices Electronici Ecclesiae Coloniensis (Digitalisat)
  12. Ferdinant Keller, Bilder und Schriftzüge in den irischen Manuskripten der schweizerischen Bibliotheken (in Mitteilungen der antiquarischen Gesellschaft in Zürich VII. 1853)
  13. St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 23 – Folchart-Psalter (Psalterium Gallicanum mit Cantica)
  14. St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 22 – Goldener Psalter (Psalterium aureum) von St. Gallen (Psalterium Gallicanum mit Cantica)
  15. A. Merton, Die Buchmalerei in St. Gallen (1912)
  16. Evangelienbuch des Otfrid von Weißenburg (Cod. Pal. lat. 52), um 870. Bibliotheca Palatina. Digitalisat der Universitätsbibliothek Heidelberg: HeidICON. Die Heidelberger Bilddatenbank.
  17. Evangeliar (BSB Clm 6215) Freising, um 860. München, Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek
  18. Liber de laudibus sanctae crucis (Lob des heiligen Kreuzes). Rabanus Maurus, um 810. In Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters; BSB

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