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Das Christentum bot den Germanen musikalisch zunächst weit weniger, als es von ihnen empfangen hat. Neu war den Germanen beim Kirchlichen Gesang insbesondere nicht etwa das melodische Singen und Musizieren (concentus), sondern der Halbgesang der Rezitation (accentus). Die älteste Kirche beschränkte sich fast ausschließlich auf die Pflege der Psalmodie, d.h. einer Rezitationsform, wo die Psalmen u. a. Bibellektionen nach den Akzenten vorgetragen wurden.

Beschreibung

Im Psalmensingen leistete man in der ersten Hälfte des Mittelalters Unglaubliches und sang, nach dem Vorbild der Akoimetai (der Schlaflosen) in den griechischen Klöstern, nicht selten die ganze Nacht hindurch. Man richtete zu diesem Zweck sogar eigene Manecanterien ein (Frühsingeschulen, wie z. B. der Merowinger-König Dagobert I. 628-637 in St. Denis nach dem Muster des Klosters Agaunum in Kanton Wallis, nach Fredegar-Chronik; in Lyon unter Erbischof Leidrade; im 11.Jh. in Meißen).

Kyrie eleison

In der Kirche sang das Volk nur die Zurufe "Amen", "Kyrie eleison" u. ä. Durch das tausendfache Hören der simplen kirchlichen Tonfälle wurde das Volk so an sie gewöhnt, daß sie zum musikalischen Volksbesitztum wurden und sich noch heute vielfach in Volksliedern, Chorälen usw. widerspiegeln. So wurde besonders das Kyrie eleison geradezu zum Schlachtgesang der christianisierten Germanen an Stelle der heidnischen wihliet und Heldenlieder, Hunderte von Malen ununterbrochen wiederholt.

So heißt es im Ludwigslied: Joh alle saman sungun: kyrieleison, überliefert von Thietmar zum Kampf König Ottos gegen die Liutizen 993, Heinrichs II. gegen Heinrich von Bayern 1003 u. ö. Sogar bei Heiden wurde das Kyrieleis ein clamor militaris ('Lasst uns beten'). Daraus wurden die sog. Leisen, deren berühmteste die im 10. Jh. in Deutschland allbekannte: "Christe keinado kyrie eleison, die halicgan alle helfent unse" war. Eine ähnliche Rolle spielte das Alleluja bei den Angelsachsen (Beda), das "Gloria in excelsis Deo", das Schutz und Trutzlied des Klerus "Te deum laudamus", die Litaneien, die alle in den Volksgesang eindrangen.

Musikinstrumente

Musikinstrumente ließ die römische Kirche später überhaupt nicht offiziell zum Gottesdienst zu, nur der Gesang bildete die Musica des Mittelalters. Als bloße Stütze des kirchlichen Gesanges diente die Orgel.

Christianisierung der Musik

Die Kleriker bemühten sich, nach ihren fruchtlosen Bemühungen um Ausrottung der alten germanischen Melodien, die alten Volkslieder christlich umzugestalten, den alten Melodien neue christliche Texte unterzulegen, oder sie sonstwie der Kirche nutzbar zu machen (vgl. Otfrid von Weißenburg). So wandelten sich alte germanische Lieder vielfach zu lateinischen Hymnen um, z.B. Conditor alme siderum ('Schöpfer der Gestirne'; s. Gesang: Überlieferungen). Den Hymnen blieb deshalb auch die Gleichberechtigung in der römischen Kirche versagt, während sie umgekehrt die Protestantische Kirche bei der Schaffung ihrer Choräle begünstigte.

Die Bemühungen der Kirche um Ausrottung oder Umwandlung der heidnischen Musik wurden von den staatlichen Autoritäten fast überall unterstützt. Seit der Taufe des ersten Frankenkönigs Chlodwig 496 gelangte die Musik der kontinentalen Germanen nur sehr zögernd und unvollkommen unter den Einfluß des Christentums, das außer der Psalmodie nur wenig zu bieten hatte. Zunächst herrschte bei den Germanen die Instrumentalmusik weiter in der Kirche, wie sie auch später besonders im Kloster St. Gallen vielfach geübt wurde. Noch Chlodwig bat sich laut Cassiodor von Theoderich dem Großen in Ravenna den besten Kithara-Spieler aus.

Psalmodie

Aber schon Chlodwigs Nachfolger pflegten neben der Instrumentalmusik (s. Musikinstrumente) eifrig den Psalmengesang. Mehrere komponierten auch Hymnen, wie z.B. Chilperich I. (561-584), sangen und dirigierten selbst (wie Guntram I. 561-592). Pippin der Kleine ließ sich öfter Sänger und Gesangbücher aus Italien kommen (749, 758) und Erzbischof Chrodegang von Metz († 766) bemühte sich, gegen den Willen des gallikanischen Klerus den reinen römischen Gesang einzuführen. Die Reformen waren jedoch nur auf die Erlernung der Psalmen (Nicetius und die Edikte) und auf deren Vortrag (deutliche Aussprache der Vokale, nicht zu lautes Singen usw.) gerichtet, die Psalmodie war also mehr ein Unterrichtsmittel zur Erlernung der lateinischen Sprache.

Jahrhunderte lang blieben die Bestrebungen ohne Erfolg. Karl der Große pflegte zuerst auch den griechischen Gesang (griechische Sänger waren viele an seinem Hof), dessen tiefer Einfluß noch lange zu spüren ist, wandte sich aber seit seinem Besuch in Rom 787 ganz dem römischen Gesang zu, der sich vom gallikanischen Gesang dadurch abhob, dass er durch gallische, einheimische Volksklagelieder beeinflußt war. Karl befahl den Geistlichen die Einrichtung von Leseschulen für Knaben, wo Psalmen, Noten, Gesänge neben Rechnen und lateinische Grammatik gelehrt wurden (Capitular 789); richtete nach römischen Vorbild Sängerschulen in allen Klöstern ein (Capitular von 803); forderte das Auswendigkönnen des ganzen Psalters von allen Presbytern (804), setzte Kommissare zu Visitationen des Gesanges ein (806) und prüfte selbst in den Schulen.

Karl ließ auch seine Kinder in Musik unterrichten, besonders durch Alkuin; hörte gern Musik und sang selbst, wenn auch nur leise, im Chor mit (Einhard). Er unterdrückte den Ambrosianischen Gesang Mailands, der jedoch noch lange (11. Jh.) besonders in Süddeutschland gepflegt wurde. Die bedeutendsten Sängerschulen waren in Frankreich: Orleans, Soissons, Sens, später Lyon, Toul, Cambria und Paris; in Deutschland: Metz, Kloster St. Gallen, Kloster Reichenau und im Kloster Fulda. Karls Nachfolger Ludwig der Fromme, Karl der Kahle u. a. setzten die Fürsorge für den Kirchengesang fort.

Gesangschulen

In Frankreich war das Seminarium musices die Schule Alkuins (735-804), aus welcher u. a. Hraban Maurus hervorging. Dessen Schule in Fulda (seit 804) wurde Vorbild für ganz Deutschland. Er begünstigte das Nationale (Otfrid von Weißenburg war sein Schüler), so daß die einheimische Tonkunst in christlichem Sinn eine erneute Pflege fand. Das Te Deum und ambrosianische Hymnen wurden ins Deutsche übersetzt (Interlinearversionen des 9.-10. Jhds.).

Sein Schüler Walafrid Strabus (so wünschte er selbst genannt zu werden, † 849) ließ die Schüler seiner Musikschule in Reichenau alle Musikinstrumente erlernen (selbst Trompete und Flöte) und legte großen Wert auf Theorie und Komposition. Er und ein anderer Schüler Hrabans, Werembert, trugen dessen Lehren auch in das Kloster St. Gallen. Dort war eine Sängerschule angeblich schon durch einen römischen Sänger Romanus zur Zeit Karls des Großen eingerichtet, welcher Iso 840-865 und dann der Ire Möngal=Marcellus vorstanden.

Von ihr ging ein großer Aufschwung der Musik in Deutschland unter Führung von Ratpert († 900, künstliche Verwendung des Refrains) Tutilo († 915 Tropen) und Notker Balbulus († 912, Sequenzen (sM.)) aus. Das Lied Ratperts auf St. Gallus, in deutscher Sprache gedichtet, war ausdrücklich zum Absingen durch das Volk in der Kirche bestimmt. Im Kloster St. Gallen wirkten sodann auch Hartmann († 924), Notker Labeo, Verfasser eines Traktates über Musik in deutscher Sprache († 1022), und Hermannus Contractus, später Mönch in Reichenau (t 1066), ein sehr bedeutender Komponist und Theoretiker. Über die Gesangston-Schriften s. Neumen.

Quellen

Einzelnachweise

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