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Kleidung des Frühmittelalters

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Für einen Überblick über die Kleidung des Frühmittelalters kann man diese ganze Periode von 568 n.Chr. bis ca. 10./11. Jh. zunächst einheitlich behandeln und einen allgemeinen Umriss der Tracht in dieser Periode geben, ohne den genaueren Unterschied zwischen älteren und jüngeren Moden.

Beschreibung

Natürlich kamen nicht alle Kleidungsstücke des Frühmittelalters gleichzeitig vor und einige sind lediglich Variationen älterer Kleidungsstücke, die einen neuen Schnitt oder eine neue Farbe und ein neues Muster und damit einen neuen Namen bekamen. [1]

Für die Kleidung der Wikinger- und Sagazeit (800-1200 n. Chr.) in Nordeuropa liegt vergleichsweise wenig archäologisches Material vor; dafür bietet die altnorwegische und vor allem die altisländische Literatur ganz besonders reichhaltigen Stoff über dieses Thema.

Da diese Literatur allerdings erst im 12. und 13. Jhd. niedergeschrieben wurde, ist die Gefahr vorhanden, dass ihre Aufschlüsse über die Tracht nicht immer ganz sicher oder zuverlässig sind, indem gleichzeitige Kleidermoden oder solche der unmittelbar vorhergehenden Zeit älteren Zeitabschnitten beigelegt sein können, obwohl man sieht, dass die Verfasser sich durchaus bemühten, zwischen älteren und jüngeren Moden in der Tracht zu unterscheiden.

Will man sich daher für jedes Jahrhundert dieser Zeit ein genaues Bild der Kleidung in Nordeuropa verschaffen, so muss man diese Literatur mit großer Vorsicht benutzen. In einer kurzen Übersicht kann man diese Vielfältigkeit kaum unterbringen, hier muss die ganze Periode von ca. 800-1200 n. Chr. einheitlich behandelt.

Kleiderstoffe u. - Farben

Die Kleiderstoffe dieser Periode waren sehr zahlreich und mannigfaltig. Man benutzte außer vielen Fellstoffen, Wollzeug und Leinenstoffen auch Baumwollstoffe, Seide, Samt, kostbares Pelzwerk usw. (s. Kleiderstoffe). Außerdem waren die Kleiderstoffe weit feiner und prachtvoller als zuvor, mit eingedruckten, eingewebten oder eingenähten Ornamenten, Figuren und Bildern, zuweilen in Silber und Gold.

Auch die Farbe der Kleider war nun weit mannigfaltiger geworden, indem die natürlichen Farben mehrere Variationen angenommen hatten und die Anwendung künstlicher Farben ständig gebräuchlicher wurde, ebenso wie man später mehrere neue und stärkere Farben einführte (s. Kleiderstoffe u. Kleiderfarbe).

Männerkleidung

Kleidung Ottonischer Winter.jpg

Frühmittelalterliche Kleidung mit Mantel der Ottonenzeit.

In der männlichen Tracht ist es in vielen Fällen nicht zu entscheiden, ob eine getrennte Bekleidung des Ober- und Unterschenkels vorliegt. Allmählich verschwindet die alte Unterschenkelbewickelung, und es bildet sich der gewirkte kürzere oder längere Strumpf aus. Die Männerkleidung (karlklæði) in Nordeuropa bestand in der Wikinger- und Sagazeit aus folgenden Kleidungsstücken:

  • Die übliche Kopfbedeckung war ein Woll- oder Filzhut. Als besonders feine Hüte betrachtete man irische und russische Hüte, eine Art goldgewirkter Turban, sowie dänische Schalen- u. Kegelhüte.
  • Das Hemd des Mannes bestand aus Wolle oder Leinen, vereinzelt auch aus goldbestickter Seide. Die Halsöffnung der Männerhemden durfte nicht zu groß sein, dass die Brustwarzen zum Vorschein kamen, denn dann galt es als Frauenhemd. Diese Hemdöffnung wurde auch "Scheidungsöffnung" genannt, weil es für die Ehefrau ein rechtsgültiger Scheidungsgrund war, wenn der Mann ein solches Hemd trug.
  • Die Beinkleider bestanden üblicherweise aus Leinen, konnten aber auch ganz fehlen. Eine gemeinsame Bezeichnung für Hemd und Unterbeinkleider zusammen war "Leinenkleider", die man normalerweise nächtens trug. Sehr selten trug der Mann ein weißes, teils längeres, teils kürzeres Unterkleid. (Siehe: Hose: Frühmittelalter)
  • Als Überkleider trug der Mann für gewöhnlich einen Rock, der ebenso wie das Hemd durch eine Halsöffnung über den Kopf gezogen wurde, mit einer kleinen Spaltöffnung, die durch eine Nadel oder Spange zusammengehalten wurde. Dieser Überrock war in der Regel mit Ärmeln versehen, teils länger, teils kürzer, je nach der wechselnden Mode, teils lose, teils festgenäht. Das Leibchen des Rocks war meistens recht weit und wurde durch einen Gürtel am Leib gehalten.

Frauenkleidung

6th-8th century Byzantine Dress.jpg

Bynzantinische Kleidung des 6.-8. Jh.

In der Frauentracht des Frühmittelalters bürgerte sich der lange Kopfschleier, die Stirnbinde oder das Kopftuch, das spätere Gebende, langsam immer mehr ein. Zudem trat der vordere Schluß des Mantels an die Stelle des früheren Schulterverschlusses.

  • Die Kopfbedeckung der verheirateten Frau nannte man u.a. "Faltung" oder "Raule". Sie bestand gewöhnlich aus einem langen vierzipfligen Kopftuch aus weißen Leinen, das das Haar und einen Teil des Gesichtes bedeckte, während das eine Ende in einen langen, vom Hinterkopf herabhängenden Zipfel auslief, der zuweilen unten mit Fransen oder Quasten versehen war.
    • Im Gegensatz zur verheirateten Frau pflegte das junge Mädchen mit unbedecktem Kopf und lose hängenden, offenen Haar zu gehen, das von einem Stirnband zurückgehalten wurde.
  • Die Unterkleider der Frau bestanden aus einem Hemd, teils einem einfachen Leibhemd, das nur den Leib selbst von den Armhöhlen bis zur Hüfte deckte und ohne Ärmel war, aber oben durch breite Schulterbänder gehalten wurde, oder aus einem längeren und feineren Hemd mit Ärmeln, das bedeutend weiter ausgeschnitten und etwas länger als das Männerhemd, aber im übrigen von gleichem Stoff und Schnitt war. Nicht selten wird erwähnt, dass die Frau ein besonderes Nachthemd hatte.
  • Auch die Frau trug Unterbeinkleider, die sich nur darin von denen des Mannes unterschieden, dass sie kürzer und ohne Hinterstück waren.
Evangeliar, Darmstadt, 770-850, trachtenkunstwer01hefn Taf.010.jpg

Karolingerzeit: Bei dieser Frau im Stil einer Kaiserin hängt der Mantel nach römischer Sitte lose um die linke Schulter und läßt den rechten Arm frei.

  • Von den Oberkleidern der Frau war der Rock das gewöhnlichste. Er unterschied sich vor allem darin vom Überrock des Mannes, dass das Unterteil weiter und länger war, häufig fußlang. Bei jungen Mädchen reichte er zuweilen nur bis zu den Knöcheln. Teilweise waren Leibchen und Unterteil eins, aber ebenso häufig war das Leibchen getrennt, und konnte dann aus einem anderem Stoff als das Unterteil sein, z.B. das Leibchen aus Fries, das Unterteil aus Namtuch (vgl. Kleiderstoff).
    • Die Ärmel waren teils Halbärmel, teils reichten sie bis zu den Handgelenken oder noch weiter. Um den Leib trug die Frau einen Gürtel, an dem gern eine lose Tasche hing, ein Messer, das gold- oder silberbeschlagen sein konnte, eine Schere und bei verheirateten Frauen ein Schlüsselbund.
    • Als weibliche Überkleider werden auch des Schleppkleid und die Bluse genannt, ohne dass man jedoch sehen kann, ob sie von den entsprechenden, von den Männern getragenen Kleidungsstücken verschieden gewesen sind oder nicht.
  • Die Fußbekleidung der Frau wich nicht wesentlich von der des Mannes ab, außer dass sie an Stelle von Hosen Socken trug, die ein wenig über die Schenkel reichten und mit einem Strumpfband festgehalten wurden. [2] Auch Sandalen sind neben der christlichen Fußbekleidung noch in der Karolingerzeit vereinzelt bezeugt.

Unterscheidungen

St. Helena, Cod. Sal., 770-850, trachtenkunstwer01hefn Taf.009.jpg

St. Helena aus einem Cod. Sal. um 770-850

Byzantinische Adlige sprachen noch im 10. Jhd. von den "armen in Felle gekleideten Sachsen". Einerseits ist eine gewisse nationale Mode der germanischen Völker doch unverkennbar im Gegensatz zur römischen und byzantinischen Tracht.

Andererseits steht im Frühmittelalter römische frühchristliche Tracht dem germanischen Kleidungsstil inzwischen mitunter so nahe, dass sie durchaus häufiger miteinander vermechselt werden kann. Allgemein lag in den christlichen Ländern zur Karolingerzeit (751-911) der Unterschied der Stände mehr in der Kostbarkeit der Stoffe und im Schmuck, als im Schnitt der Kleidung.

Doch sind auch Stammesunterschiede noch immer im Einzelnen bezeugt, z. B. im kurzen Überrock der Franken und dem langen der Sachsen. Außerdem war die Kniehose als Beinbekleidung gerade bei den westlichen Germanenstämmen, besonders den Franken, sehr beliebt, während in Nordeuropa und auch im Osten an der Donau die Langhose vorherrschte.

Angelsachsen

Einen Einblick in die Kleidung der Angelsachsen bieten Manuskriptillustrationen aus dem 9.-10. Jhd, wie z.B. eine Handschrift des Britischen Museums (Cotton library) [3].

Franken

Ein verhältnismäßig vollständiges Bild der fränkischen Tracht ist in der Beschreibung von Karl dem Großen durch den Gelehrten Einhard (* um 770; † 840) überliefert. Ähnlich erscheinen die Trachten in deutschen Handschriften dieser Periode, wie dem "Wessobrunner Gebet" (anno 814) [4], dem Evangelienbuch in München, sowie im "Psalterium aureum" von St. Gallen [5] aus dem 9. Jh. u. a. Die Figuren im Wessobrunner Gebet und dem Psalterium aureum tragen, wie in vielen anderen Werken dieser Periode, durchaus noch die römische Tracht, mit Ausnahme der Bewaffnung aus Schwert, Lanze und Schild sowie wie der Fußbekleidung. [6]

Im 10. Jhd. finden sich dann vermehrte Farbenteilungen, d. h. beide Hälften eines Kleidungsstückes werden verschieden gefärbt. Außerdem kommen Rangabzeichen auf in Form von andersfarbigen Stoffstücken, die auf den Mantel aufgenäht werden. Übrigens war der in höheren Kreisen allmählich eingerissene Luxus der Tracht keineswegs allgemein üblich.

Römer

Die römischen Trachten zur Zeit der Karolinger im 8. und 9. Jh. lassen sich u.a. anhand von Pergamentmalereien in Evangelienbüchern nachvollziehen. Auch wenn die Darstellungen dem alten und neuen Testament entnommen sind, zeigen sie doch die Trachten der Zeit, in der die Malereien entstanden. Darin sieht man u.a. bei der einfachen Römertracht neben der christlichen Fußbekleidung auch noch die Beibehaltung der antiken Sandalen, wie sie sich bei der Mönchskleidung bis in die Neuzeit erhalten haben.

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Quellen

Einzelnachweise

  1. Nordische Altertumskunde (Internet Archive). Sophus Müller. Übersetzung. V. Jiriczek. 2 Bände. K.J. Trübner Verlag, Straßburg 1897-98.
  2. Altnordisches Leben (Internet Archive). Karl Weinhold. 1856. S. 158 ff.
  3. Cotton library: Claudius (B IV: Cotton Genesis). Sammlung Robert Bruce Cotton (Hs. Cott. Claud.); 11. Jhd., British Library.
  4. Die Bayerische Staatsbibliothek: Wessobrunner Gebet. Clm 22053, Pergament, 99 Blätter, Bistum Augsburg, vor oder um 814
  5. St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 22 – Goldener Psalter (Psalterium aureum) von St. Gallen - Psalterium Gallicanum mit Kollekten u. Orationen
  6. Trachten, Kunstwerke und Geräthschaften vom frühen Mittelalter bis Ende des achtzehnten Jahrhunderts (Internet Archive). Band 1-10 : nach gleichzeitigen Originalen. Jakob Heinrich von Hefner-Alteneck. Frankfurt am Main : H. Keller, 1879. S. 9, Tafel 11.

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