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Die Korndämonen, Feldgeister oder auch Getreidedämonen und Getreidenumen gehören zu den mythischen Wesen, deren Existenz ältere Quellen nicht bezeugen, und die wir nur aus dem Volksglauben der Gegenwart kennen. Das Wort "Dämon" steht dabei nicht zwangsläufig für ein bösartiges Wesen, das von der christlichen Kirche verteufelt wurde, sondern allgemein für eine im Volksglauben als übernatürlich geltende Wesenheit oder Erscheinung. Daher auch die treffendere Bezeichnung "Numen" als personifizierte übernatürliche bzw. göttliche Macht.

Beschreibung

Allein die Verbreitung des Glaubens an Korndämonen bei allen germanischen Stämmen, bei allen indogermanischen Völkern, ja überall auf der Erde, wo sich Ackerbau nachweisen läßt, spricht dafür, daß sie in einer frühen, prähistorischen Zeit auch bei den Germanen in irgendeiner Form existiert haben müssen. Denn an eine Wanderung ist bei der Rolle, die sie allerorten im Ritus spielen, nicht zu denken.

In allen Getreidefeldern, ja selbst auf Wiesen, lebt dem Volksglauben nach ein Vegetationsdämon, der oft nach der Art des Getreides benannt ist. So kennt man Weizen-, Roggen-, Hafer-, Gerste-, Flachs-, ja auch Gras- und Kartoffeldämonen. Im Allgemeinen ist es das Numen, das sich in dem Getreidefeld aufhält und das Wachstum des Getreides fördert oder hemmt. Hier und da begegnet er auch als Herr des Getreides und verlangt als solcher seinen Anteil an der Feldfrucht. Beim Schnitt des Feldes flieht er von einer Garbe in die andere, bis er in der letzten gefangen genommen wird.

Gestalt

Die Gestalt, in der man sich dieses Wesen vorstellt, ist ungemein vielfältig und dementsprechend auch die Namen dafür. Mal erscheint es als Tier, mal in rein menschlicher Gestalt, mal als Mensch, der sich in die verschiedensten Arten der Tiere verwandeln kann. Als tiergestaltigs Getreidewesen kennt man:

  • Bär (Erbsenbär, Gratenbär, Haferbär, Kornbär, Roggenbär)
  • Fuchs
  • Geiß (Habergeiß, Klapperbock, Kornbock)
  • Hahn
  • Hasen
  • Hund (Dreschhund, Kiddelhund, Kornmops, Roggenhund, Schottebätz, Stadlpudl, Weizen mops, Weszbeller)
  • Kalb (Muhkälbchen)
  • Kater (Bullkater, Kornkater)
  • Pferd (Herbstpferd)
  • Schwein (Kornschwein, Roggenschwein, schwed. Gloso, dän. Grafso)
  • Stier (Kornstier, Haberstier, Hörnbull, Aprilochs)
  • Wolf (Kornwolf, Roggenwolf)

In anthropomorphischer Gestalt zeigt sich der Getreidedämon z.B. als:

  • Mann (Wilder Mann, Hafermann, der Alte, norw. Skurekajl),
  • Kind (Kornkind, Hörkind, Erntekind)
  • Jungfrau (Kornmaid, Hafer-, Weizenbraut)
  • Alte Frau (die Alte, Großmutter, die alte Hure, Flachs mutter, Kornmuhme, Kornmutter, Sichelfrau, Roggenmutter, Ærtekselling, Ærtemor, Havrekaelling, Hvetefru, Sädesfru).

Die alte Frau ist die häufigste Erscheinung, in der sie anderen weiblichen Vegetationsdämonen gleicht: sie hat feurige Finger, lange herabhängende Brüste, ist mal schwarz, mal schneeweiß, reitet oft durch die Felder. Vor ihr besonders warnt man die Kinder, daß sie nicht in die Felder gehen, da der Getreidedämon sie frißt.

Riten

Der Glaube an Getreidedämonen brachte vielfache Riten hervor. Da dieser beim Schnitt in die letzte Garbe flüchtet, so geht sein Name auf diese über und durch die Garbe auf den Schnitter, der sie schneidet, oder die Binderin, die sie bindet. Diese behalten während des ganzen Jahres den Namen des Getreidewesens, und daher versucht jedes dem Schnitt oder dem Binden der letzten Garbe zu entgehen. Nach dem Schnitt der letzten Garbe sind die Riten verschieden.

Der älteste Brauch scheint zu sein, daß das Getreidewesen getötet wird, damit es im nächsten Jahre zu neuer Jugend erwacht. In diesem Fall vertritt ein Hahn oder eine Katze den Dämon. Dieses Tier wurde in die letzte Garbe gebunden, dann auf dem Feld umhergejagt und von den Schnittern getötet.

Öfter denkt man sich auch im Gutsherren oder der Herrin oder einem Fremden, der beim Schnitt an dem Felde vorübergeht, das Getreidenumen: diese Person wird daher von den Schnittern gebunden und muß sich durch eine Gabe lösen. In den Niederlanden steckt man ihn sogar bis zum Unterleib in eine Grube. Von dem getöteten Hahn werden die Federn mit heimgenommen und im nächsten Frühjahr mit den Körnern der letzten Garbe auf die Felder geworfen.

Feierliche Winterstätte

Ein weiterer Ritus ist, daß mit der letzten Garbe das Getreidenumen in die menschlichen Wohnstätten geführt und hier während des Winters aufbewahrt wird. Zu diesem Zweck wurde eine Puppe in menschlicher Gestalt aus der letzten Garbe hergestellt, in die nicht selten ihr Schnitter oder ihre Binderin eingebunden war. Diese wurde, oft bekränzt, in feierlichem Zug zum Gehöft gebracht und hier dem Gutsherrn feierlich überreicht, der daraufhin den Schnittern ein Mahl gab, an dem die Puppe selbst teilnahm.

Danach wurde sie von den Schnittern und Binderinnen umtanzt. Dann wurde sie zur Scheune gebracht, wo sie während des Winters aufbewahrt wurde, damit ihre Körner bei der neuen Aussaat das Saatkorn befruchten sollten. So kam der alte Vegetationsdämon in verjüngter Gestalt auf das Saatfeld. Nicht selten war mit diesem Ritus ein alter Regenzauber verbunden: wenn die letzte Garbe zur Scheune geführt wurde, begoß man sie mit Wasser, damit die Saat im folgenden Jahre hinreichend Regen habe.

Feldfrüchte-Opfer

Eine jüngere Form des Ritus scheint es zu sein, wenn man ein Ährenbüschel auf dem Feld stehen läßt. Bei diesem Ritus faßte man den Getreidedämon als "Herren der Feldfrüchte" auf, dem dieses Büschel als Opfer galt, damit die Ernte des nächsten Jahres ergiebig sei. Der Dämon wird dann von den Schnittern als armer Mann oder arme Frau beklagt. Aber auch hier verehrt man im Ährenbüschel die Kornmutter, indem man diese küßt und vor ihr niederkniet. Zu dieser Verehrung des Getreidenumens gesellt sich alter Analogiezauber.

Um das Saatfeld für das nächste Jahr fruchtbar zu machen, fand auf ihm das Brautlager der Schnitter und Schnitterinnen statt. Diese legen sich Gesicht gegen Gesicht gekehrt paarweise aufeinander und werden so auf dem Felde umhergerollt. [1] Hierbei handelt es sich um den letzten Rest eines alten Zaubers zur Erweckung der Fruchtbarkeit (s. Fruchtbarkeitsritus), den Saxo Grammaticus (I 278) bei Erwähnung des Freysfestes in Uppsala berührt und den in seiner unverhüllten Form eine mecklenburgische Sitte nach der Kartoffelernte bezeugt.

Quellen

  • Die Korndämonen (Internet Archive). Beitrag zur germanischen Sittenkunde. Wilhelm Mannhardt. Berlin : F. Dümmler (Harrwitz und Gossman), 1868.
  • Mythologische Forschungen (Internet Archive). Aus dem Nachlasse hrsg. von Hermann Patzig (= Quellen und Forschungen zur Sprach- und Culturgeschichte der germanischen Völker. H. 51). Wilhelm Mannhardt. Strassburg, K. J. Trübner; London, Trübner & comp., 1884. S. 47, 340
  • Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, 4 Bände (1. Aufl.). Johannes Hoops. K. J. Trübner, Straßburg 1911-1919. Bd. III, S. 91 f.

Einzelnachweise

  1. Wald- und Feldkulte (Internet Archive). Johann Wilhelm E . Mannhardt. 2 Bände. Berlin 1875-77. Bd. II, S. 481 ff.

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