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Die Liturgische und rituale Dichtung des christlichen Mittelalters reiht sich ohne scharfe Grenze an die Zaubersprüche und -lieder der vorchristlichen Zeit. Sie gliedert sich in vorallem drei Kategorien:

  • a) Rituale bzw. liturgische Dichtung religiöser Art.
  • b) Rituale Rechtsverse, die zwischen dem Religiösen und Profanen vermittelten.
  • c) Rituale Dichtung bei profanen Anlässen.

Liturgische Dichtung religiöser Art

Dass beim Losorakel die Interpretation der Zeichen in gestabten Versen erfolgte, ist eine wahrscheinliche Annahme.

„Alsbald hebt... [der Befrager]... zu den Göttern flehend und gegen den Himmel aufblickend, dreimal ein Stäbchen auf, und deutet die aufgehobenen nach dem vorher eingedrückten Zeichen.“

Tacitus: Germania, c. 10 [1]

Die Eiriks saga raudha (c. 4) kennt ritualen Gesang, der gelernt sein wollte, als Hilfsmittel beim Wahrsagen unter dem Namen varðlok(k)ur (n. pl. f., 'Herbeilockung der Schutzgeister, Landwichte'?). Nach der romanhaften Örvar-Odds saga (c. 2) führt die Völva sogar einen Chor von 30 Kindern mit sich, der raddlið - 'Sangchor' heißt und 'kveðandi mikil' von sich gibt. Die Völvastrophen in isländischen Sagas sind stilisiert. Möglicherweise enthalten die Kehrreime der Völuspa (fiǫlð veit ek froeða, | framm sé ek lengra u.a.) auch Anklänge an ritualen Wortlaut.

Über rituelle Verse bei Opferhandlungen gibt es besonders wenige Quellen. Gregor der Große berichtet in seinen Dialogorum libri IV, dass die Langobarden mit einem carmen nefandum (abscheulichen Lied) herumlaufend einem Gott einen Ziegenkopf darbrachten (a. 579, Greg. Dial. [2]): also ein kultischer 'Leich' (Tanz). Unbestimmter schreibt Adam von Bremen (IV 27) von "mehreren unanständigen Klagegesängen" (lat. neniae multiplices et inhonestae), die beim Upsala-Opfer gleichzeitig einem mit rituellem Trunk erfolgten.

Die späte isländische Wölsungen-Novelle scheint in den Strophen, die beim Umreichen eines geweihten Phallus gesprochen werden (mit formelhaftem Bau, auch einem Kehrreim: 'es empfange Mörnir I diese Opfergabe!'), sakrale Verse nachzubilden. Die isolierte Strophe Havardar saga (c. 144) klingt wie eine feierliche Anrede des Priesters an den Opferer.

Christlich-Heidnische Vermischung

Ins Hymnische führt der altenglische Flursegen (Æcerbot) aus dem 10. Jh., der zwar als Ganzes christlich ist, jedoch einige heidnische Gebetsformeln festhält: "Eorðan ic bidde and upheofon; Érce, Érce, Érce, éorðán módòr!; hál wes þu, folde, fíra módor!" (s. Erce); d.h.: " [...] Erce, Erce, Erce, der Erden Mutter! [...] Folde, der Menschen Mutter!" [3]

Auch hier findet sich in Nordeuropa nichts so unmittelbar aus dem Leben, aber in heroischer Erhöhung zwei hymnische Strophen im Sigrdrifumal (3. 4): "Heill dagr! heilir dags synir! ... Heilir æsir! heilar ásyniur! heil siá en fiǫlnýta fold!" Die vokativische Anrede eines Gottes findet sich wohl nur in drei Skaldenstrophen (Snorra Edda, S. 82: du brachst die Knochen der Riesin... !; Egils saga, c. 56). Ritual klingen auch etliche Zeilen in späten Gedichten wie der Oddrúnargrátr (v. 9) oder dem Hyndluliodh (v. 2).

Man ahnt einige Vokabeln der heidnischen Gebetssprache:

  • heill - 'salvus, benedictus',
  • hialpa, duga - 'gnädig sein',
  • hollr - 'gnädig', das Gegenteil gramr, reiðr.

Die bloß inhaltliche Wiedergabe des Warägergebetes bei Ibn Fadhlan verrät keine formelhafte Prägung. Von Weihinschriften kommen nur das "wígi þonar!" auf der Nordendorfer Spange in Betracht und drei dänische Grabsteine mit "Thor weihe diese Runen (dieses Grabmal)!" Aus den antiken Autoren kann man auf religiös hymnische Dichtung ziehen:

  • Tacitus (Germ. 3): "Daß auch Herkules bei ihnen gewesen, erwähnt man, und ihn als den ersten aller tapferen Männer besingen, die in die Treffen gehen." [1] Er schreibt also von einem hymnischen 'Leich' (Tanz); kurze lyrische Gebilde, mit den großen epischen Thorsgedichten der Edda nicht zu vergleichen.
  • Den cantus trux der Germanen in der Schlachtordnung erwähnt Tacitus noch, allerings ohne Andeutung des Inhalts (Ann. 4, 47. [4] Hist. 2, 22; 4, 18.
  • Dazu berichtet Ammianus Marcellinus (31,7, 10) im 4. Jh. von den Westgoten vor der Schlacht (a. 378), dass sie ihre Götter in wilden Schreien lobpreisen, wo vielleicht auch göttliche Ahnen gemeint sind. Dazu gehören u.a. die Ausdrücke aengl. gúð-, hilde-, wíg-, fyrd-, fúsléoð, mhd. wícliet, ae. beadu-, heaðulác .

Der Gesang der Germanen bei nächtlichen Festen muß nicht religiös gewesen sein, auch bei den kirchlich befehdeten Chorgesängen über die heidnischen Riten (lat. ritu paganorum) braucht man nicht notwendigerweise an heidnisch Sakrales zu denken.

Rituale Rechtsverse

Zwischen dem Religiösen und Profanen vermittelt der Ritus des Rechtslebens. Der Hauptbestandteil der Volksrechte war von jeher in Prosa verfaßt. Aber zu scharfer Ausprägung technischer Begriffe konnte die Rechtssprache metrische Form und stilistische Steigerung wählen, und einzelne feierliche Momente des Gerichtsganges konnten zu einer mehr zusammenhängenden Versrede gehoben werden. Hauptvertreter sind die Friedensformulare, oder auch das Tryggðamál der westnordischen Denkmäler (Eddica Minora, Nr. XXV).

Sprache und Versbau erinnern an die Zaubersprüche; die Metrik ist einfach, besonders auch in der beliebigen Abfolge gepaarter und unpaariger (nur in sich stabender) Verse. Man kann hier an Sprechvortrag des Einzelnen denken. Ein kleineres altenglisches Gegenstück ist die Excommunicatio (VII 6-23) aus dem 10./11. Jhd., bemerkenswert als Hauptbeispiel stabloser Zeilen. [5]

Rituale Dichtung bei profanen Anlässen

In der ritualen Dichtung bei profanen Anlässen liegt ein Hauptgebiet des chorischen Gesanges, auch des mit Leibesbewegung verbundenen, des Tanzes, der sich eventuell dem mimischen Spiel nähert. Leider ist kein Vers dieser Gattung bewahrt, dagegen aber manche mehr oder weniger technische Überschriften. Hochzeitslieder und -tänze werden von Apollinaris Sidonius (carm. 5,' 218) im 5. Jh. bei den Franken erwähnt. Dazu kommen die Ausdrücke: ae. brýdlác, mhd. brútleich (vb. brútleichen - 'sich vermählen'); hd. híleich, mnl. húweleic; ae. brýdléoð, mhd. brútliet; ae. brýdsang, ahd. brútesang. Im westerlauwerschen Friesland war die Heimholung der Braut "mit hoernes hluud... ende mit winnasangh" vgl. ahd. wunnisangón - 'jubilare'.

Totenlieder

Etwas mehr wissen wir von Totenliedern. Einerseits gab es chorische Preislieder auf den Gestorbenen. Die Zeugnisse beginnen bei Jordanes (c. 41), der beschreibt, dass die Goten ihren in der Schlacht a. 451 gefallenen König Theodorich durch Gesänge ehrten. Prokopios von Caesarea beschrieb im 6. Jh. in seinem Bellum Gothicum (BG, II 2) dagegen unartikulierte Klagerufe. Die beiden Hauptquellen sind Jordanes (c. 49), die Totenklage um Attila, und aus dem Beowulfepos (v. 3138 ff) die Totenklage um Beowulf. Während es sich bei Attila um ein Begräbnis handelt, dreht sich das Beowulfepos um Leichenbrand.

Beidemale umreiten erlesene Krieger (im Epos 12 an der Zahl) die aufgebahrte Leiche (Jord.) bzw. den Grabhügel (Bw.), indem sie seinen Grabgesang zur Ehrerbietung vortragen.

„Dann umritten den Hügel die rüstigen Helden. Der Edlinge zwölf, die nach altem Brauch in Liedern sangen die Leichenklage und den König priesen. Die kühnen Taten rühmten sie laut und sein ritterlich Wesen. In Wort und Spruch sein Wirken ehrend in geziemender Weise. Das ziert den Mann, den geliebten Herrn durch Lob zu erhöh'n, wenn des Todes Hand aus des Leibes Hülle erlöst die Seele.“

Beowulfepos: v. 3169 ff. [6]

Jordanes Wiedergabe des cantus läßt auf etwa 12 Langzeilen raten, was dem Umfang des gesamten Liedes entsprochen haben dürfte. Attilas Herkunft und Machtstellung, die Summa seiner Taten, und schließlich sein leidloser Tod auf dem Gipfel des Glücks: dies wird, unter preisenden Epitheta und Ausrufen, hingestellt, ohne die Spur einer epischen Fabel. Eine Stegreifdichtung ist durch den Zusammenhang ausgeschlossen; ob die Reiter sich im Gesang ablösten oder alle vereint sangen, wird nicht gesagt; eines Vorsängers geschieht keine Erwähnung.

Es fällt auf, dass die vielen nordischen Berichte von Fürstenbestattungen über diese Chöre schweigen. Der im Süden ein paarmal erwähnte Gesang bei Überführung der Leiche hin zur Grabstätte kann ebenfalls ein hymnischer Chor gewesen sein. Auch die Worte ae. lícléoð, -sang (auch ahd. charasanc, chareleich?) darf man darauf beziehen.

Davon zu unterscheiden sind allerdings die teuflischen Lieder (lat. carmina diabolica), die bei der Leichenwache in den Stunden der Nacht über den Verstorbenen gesungen wurden, und zum Teil mit Tänzen verbunden waren. Dies war eine mehr geheimnisvolle, magische Gattung der Dichtung, die der Bannung oder Besegnung der abgeschiedenen Seele diente. Hierher passen ahd. sisua, sisun, as. ses(s)pilon - 'Klagegesänge, Totenlieder', sisesang - 'Jammern'.

Bardit

Zu den ritualen Dichtungen bei profanen Anlässen gehört auch noch der Barditus, über den Tacitus (Germ. c. 3 u. ö.) schreibt: "Auch jene Lieder haben sie, durch deren Vortrag, bei ihnen Bardit genannt, sie die Herzen entflammen und der bevorstehenden Schlacht Geschick schon im Gesange ahnen." [1]

Den drei Aussagen, dass man ihn 1.) unter den vorgehaltenen Schild ertönen lasse, 2.) dass man dabei vor allem "abgebrochene Murrlaute" anstrebe, und 3.) dass er dennoch zu den Liedern (lat. carmina) gehört, wird man am ehesten gerecht mit der Annahme, dass es kein bloßes "Hurra" war, sondern ein sinnvolles Feldgeschrei, mit einem metrischen Takt, wofür die Ólafs saga helga (1849 c. 92) ein Beispiel bietet: "knýiùm, knýiùm, kónungs` líðar`, hárðlà, hárðlà, bóandà ménn". Eine andere Fassung findet sich im Heimskringla (2, 487), ebenfalls marschrhythmisch; sie wird von dem vorausgehenden 'heróp' unterschieden).

Quellen

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 Tacitus, De origine et situ Germanorum (Germania). Übersetzung "Die Germania des Tacitus". Anton Baumstark: Freiburg 1876. Digitalisat auf Wikisource.
  2. Gregor der Große: Dialogorum libri IV. (deutsche Übersetzung der Dialoge (Bibliothek der Kirchenväter)
  3. Bibliothek der angelsächsischen Poesie (Internet Archive). Christian Wilhelm Michael Grein, Richard Paul Wülker. Kassel : G. H. Wigand, 1883 ff. Bd. I, S. 312
  4. Tacitus, "Ab excessu divi Augusti (Annales)". Digitalisat auf Wikisource (lat).
  5. 'Gesetze der Angelsachsen (Internet Archive). Felix Liebermann. Savigny-Stiftung. M. Niemeyer, 1906. Bd. I, 438
  6. Beowulf: Originaltext mit deutscher Übersetzung und Anmerkungen (Heorot.dk)

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