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Als Naturphilosophie (philosophia naturalis) bezeichnet man die Wissenschaft, welche sich als Teil der Metaphysik mit dem Wesen und Werden der materiellen Außenwelt beschäftigt, im Gegensatz zur Geistesphilosophie, deren Objekt die geistige Well ist. In der Antike wurde sie mit der allgemeinen Physik (physica) gleichgesetzt, später nannte man sie zum Teil rationale Kosmologie (cosmologia).

Inzwischen bezeichnet Physik die exakte Naturforschung, und die Kosmologie, als Lehre von der Entstehung und Beschaffenheit der Weltkörper, nur einen Teil der philosophischen Naturforschung.

Beschreibung

Der verbreitetste Name für das Gesamtgebiet der philosophischen Forschung ist in der Neuzeit: "Naturphilosophie". Sie schließt sich eng an die Metaphysik an und wird auch als "Metaphysik der Natur" verstanden - Als die letzte, einheitliche Theorie, die die allgemeinen Ergebnisse der Naturwissenschaft nach allgemeinen, erkenntniskritischen Prinzipien bearbeitet und deutet und das Wesens der Naturobjekte und Naturprozesse verbindende. In England hingegen, wo im allgemeinen die Möglichkeit der Metaphysik geleugnet wurde, verstand man dagegen unter Natural Philosophy nur Physik und Chemie.

Geschichte

Im griechischen Altertum war die Naturphilosophie eins mit der Naturwissenschaft, wie z.B. bei den ionischen Naturphilosophen, bei den Atomistikern, bei den Eleaten, bei Plato, Aristoteles, Theophrast, Strato, bei den Stoikern, Epikurern, bei Lucrez (De Natura Rerum) u. a. Die Scholastik pflegte die Naturphilosophie im Sinne des Aristoteles. Zu neuem Leben erwacht sie von der Zeit der Renaissance an, bei Paracelsus, Cardanus, Telesius (De Natura Rerum, 1586), Patritius, Tommaso Campanella (De sensu rerum et magiae, 1620), Giordano Bruno, Johan Baptista van Helmont. Als quantitative Naturauffassung bei Nikolaus von Kues, Johannes Kepler, Nikolaus Kopernikus, Galileo Galilei, Leonardo da Vinci, René Descartes und Francis Bacon.

Auch diese Begründer der neuern Naturerkenntnis kannten noch keinen Unterschied zwischen Naturphilosophie und Naturwissenschaft, der erst hervortrat, als man anfing, das Geschäft der (empirischen) Feststellung von Tatsachen und das der Erklärung derselben zu trennen. Nach Francis Bacon (1561-1626) z.B. zerfiel die Naturphilosophie in die speculative (Physik, Metaphysik) und operative Naturphilosophie (Mechanik, magia naturalis) (De dignit. III, 3). [1] Im englischen Sprachgebrauch ist noch heute die Naturphilosophie soviel wie theoretische (mathematisch deduktive) Naturlehre.

Aufgaben

Die Naturphilosophie als metaphysische Naturlehre prüft und verwendet die Resultate der Naturforschung und setzt sie zu den Tatsachen des Bewußtseins in Beziehung. Sie kritisiert ferner die Grundbegriffe und Grundsätze, welche die Naturwissenschaft anwendet, und schließt auch das Naturwissen in letzten Hypothesen ab. Eine ihrer Hauptfragen ist, was als metaphysisches Grundprinzip des Weltprozesses anzunehmen sei.

Die Philosophen der Antike waren bezüglich dieses Grundprinzips zum Teil Dualisten, d.h. sie setzten der Materie den Geist entgegen, so Pythagoras, Anaxagoras und Aristoteles und in neuerer Zeit Cartesius. Die meisten Philosophen dagegen nahmen nur ein Prinzip an, waren also Monisten. Das eine Prinzip kann als stoffliche Vielheit (die Atome des Demokritos und Epikuros) oder als stoffliche Einheit (Hylozoisten und Materialisten) oder als geistige Vielheit (die Ideen Platons) oder als geistige Einheit oder endlich als Einheit von Geist und Materie gedacht werden.

Zur Begründung einer Weltanschauung ist die Naturphilosophie unentbehrlich. Selbst ihre Gegner betreiben Naturphilosophie, sobald sie anfangen, ihre exakten Kenntnisse in Zusammenhang zu setzen. Die Prozesse des organischen Lebens, die Existenz chemischer und physischer Kräfte, der Kristallisationsprozeß, die räumliche und zeitliche Existenz der Naturdinge zwingt zur Lösung von Problemen, die über die exakte Forschung hinausreichen. Der Einzelforscher kann für sich die Behandlung dieser Probleme abweisen; aber die Wissenschaft im ganzen stellt diese Probleme auf und muß auch an ihrer Lösung arbeiten.

Außerdem bleiben Fragen übrig, wie die nach der Endlichkeit oder Unendlichkeit der Welt, nach dem Ursprung und der Bedeutung des geistigen Lebens in der Natur etc. Fragen, die sich aufgrund der Erfahrung nicht lösen lassen. So wird es zur Aufgabe der Naturphilosophie, die Resultate der naturwissenschaftlichen Disziplinen zusammenzufassen, die Begriffe über das Wesen der Stoffe und Kräfte so zu gestalten und ggf. weiterzubilden, daß sie nicht nur der Erfahrung, sondern auch der allgemeinen Logik genügen, und schließlich auch dafür zu sorgen, daß die Naturauffassung sich mit der geistigen Welt zu einer umfassenden Weltanschauung verknüpfen läßt.

Platonisierende Naturphilosophen

Eine platonisierende Richtung der Naturphilosophie wurde als Ausläufer der Frühscholastik im 12. Jh. besonders in der Schule von Chartres gepflegt. Die folgte dem Vorbild des Gerbert von Aurillac und verband mit dem Studium der Antike dasjenige der Natur. In Chartres lebten und lehrten als magistri scholae in der ersten Hälfte des 12. Jhs. die beiden gelehrten Brüder Bernhard und Thierry (Dietrich).

Im benachbarten Tours schrieb des letzteren Freund Bernardus Silvestris (1085-1160/1178), in Anlehnung an den platonischen Timäus (die damals fast einzige bekannte von Platos Schriften), seinen vielgelesenen und uns erhaltenen Megakosmus und Mikrokosmus, eine halb in Prosa, halb in Versen abgefaßte, mit mythischen Allegorien verbrämte tiefsinnige Naturphilosophie, in der von kirchlicher Dogmatik so gut wie nichts zu spüren ist.

Die ähnliche Weisheit des englischen Gelehrten Adelard von Bath (um 1070-1160), der schon der Psychologie der Tiere seine Aufmerksamkeit zuwendet, suchte dem Verdachte der Ketzerei und der Verfolgung dadurch zu entgehen, daß sie einem Araber in den Mund gelegt wird. Auch Wilhelm von Conches (um 1080/1090-1154) wollte in seiner philosophia mundi bloß Akademiker, d.h. platonischer Philosoph sein, womit er jedoch eine Art Atomismus, ja den Versuch einer materialistischen Gehirnphysiologie verbunden zu haben scheint, während er in Glaubenssachen der Autorität der Kirchenväter folgen zu wollen erklärte.

Waren Bernardus Silvestris und Wilhelm von Conches außerdem auch als gute Grammatiker berühmt, so zeichnete sich der Bischof Gilbert von Poitiers († 1154) durch die logische oder, wie man damals sagte, dialektische Virtuosität aus, mit der er die kirchliche Dogmatik auf dem Wege der natürlichen Vernunft zu begründen versuchte. Zu Gilberts Schülern zählte u. a. der bekannte deutsche Geschichtsschreiber, Bischof Otto von Freising († 1158), der seine Chronik als "Geschichte von den zwei Staaten" (Augustins), des ewig-himmlischen und des zeitlich-weltlichen, bezeichnet.

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Quellen

Literatur

Einzelnachweise

  1. Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 1. Berlin 1904, S. 718-721.

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