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Der Obstbau bzw. die Kultivierung von wildwachsenden Obstpflanzen reicht in seinen Anfängen in Europa bis in die Steinzeit zurück. So gehörte z.B. der Apfelbaum in Mittel- und Nordeuropa zu einem der ersten Obstbäume, die gezielt kultiviert wurden, was Ausgrabungen in den zahlreichen neolithischen und bronzezeitlichen Pfahlbauten der Schweiz und Oberitaliens sowie in zerstreuten vorgeschichtlichen Stationen Österreich - Ungarns, Deutschlands und Skandinaviens bezeugen.

Allgemeines

Nachdem die Menschen einmal angefangen hatten, Halmfrüchte und andere Pflanzen zu Nährzwecken anzubauen (s. Ackerbau'), lag es nahe, auch die wichtigsten der wildwachsenden Obstarten und Beerenfrüchte durch Kultivierung zu veredeln. In der Tat wurde eine ganze Anzahl von Obstfrüchten im Lauf der Zeiten in Kultur genommen worden; aber in der vorgeschichtlichen Epoche kam man noch nicht über die ersten Anfänge des Obstbaus hinaus.

Der Grund liegt einmal darin, dass die Obstarten nicht dieselbe gewichtige Bedeutung als allgemeines Nahrungsmittel wie Getreiden oder Gemüsen hatten, und darin, dass die Kultur der Obstbäume sehr langwierig ist und erst nach einer Reihe von Jahren den Ertrag der Arbeit bringt, wogegen sich ein ziemlich entwickelter Getreidebau in Mittel- und Nordeuropa bis weit in die Steinzeit zurück verfolgen läßt. Während verschiedene Arten von Gemüsen zur neolithischen oder mindestens zur Bronzezeit in ganz Mitteleuropa angebaut wurden, sind von Obstbaumzucht in diesen frühen Zeiten also nur die ersten Ansätze bemerkbar.

Kulturarten

Zu den ältesten belegten Obstkulturen gehören Äpfel und Birnen. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass auch mit anderen Obstarten bereits in vorgeschichtlicher Zeit einfache Kultivierungsversuche gemacht worden sind (vgl. z. B. 'Wassernuss'); im Allgemeinen aber wurden die Obst- und Beerenfrüchte, deren Reste Forscher in prähistorischen Ansiedlungen finden, eher von wildwachsenden Bäumen und Sträuchern gesammelt. Der Apfelbaum blieb dabei in den nordeuropäischen Ländern bis in die Neuzeit fast überall der Hauptobstbaum.

Äpfel

Apfelfunde RdgA Bd1, Abb.019

Neolithische Apfelfunde

Der erste Obstbaum, der in vorrömischer Zeit nördlich der Alpen kultiviert wurde, ist der Apfelbaum (Pirus malus L.). Sein Anbau reicht in Mittel- und Nordeuropa bis in die Steinzeit zurück. In neolithischen Pfahlbauten Oberitaliens, der Schweiz und Schwedens sind große Mengen durchgeschnittener und gedörrter Äpfel gefunden worden, die augenscheinlich als Wintervorrat aufbewahrt wurden.

Sie treten in verschiedenen Größen auf: neben kleinen fast kugelrunden Früchten von der Gestalt des wilden Holzapfels finden sich größere mit entschieden kultivierten Formen (s. Abbildungen über neolithische Apfelfunde). Zahlreiche Übergangsstufen zwischen beiden zeigen, daß der größere Apfel an Ort und Stelle aus dem Holzapfel durch Kultur hervorgegangen ist. In Verbindung mit den archäologischen Funden zeigen auch die Ergebnisse der Sprachforschung, durch die Verbreitung des Apfelnamens, daß schon die Indogermanen die Apfelzucht kannten... mehr unter Apfelbaum: Geschichte.

Birnen

Auch die Birne (Pirus communis L.) ist, obwohl viel seltener als der Apfel, und obgleich sich von ihr kein alter Name erhalten hat, wahrscheinlich schon in der Urzeit angebaut worden [1]. Doch ist wohl unter dieser prähistorischen Obstkultur keine Veredlung durch Pfropfreiser vorzustellen; die Kultur bestand in der Anpflanzung auf günstigem Boden in der Nähe der Wohnungen. Immerhin ist das Vorhandensein der Obstkultur selbst in dieser einfachen Form ein schlagender Beweis für die Sesshaftigkeit der Menschen schon zur Steinzeit; denn Baumzucht ist nur bei völlig seßhafter Lebensweise denkbar... mehr unter Birne: Geschichte.

Geschichte

Dass die Germanen vor dem römischen Eisenzeit und ihrem Bekanntwerden mit den Römern von Obstkultur nicht viel verstanden, wird von lateinischen Schriftstellern mehrfach berichtet. Der römische Universalgelehrte Marcus Terentius Varro (116-27 v.Chr.) berichtet in seiner "De re rustica" (I 7, 8), als der römische Senator Gnaeus Tremelius Scrofa (zur Zeit Caesars) im transalpinischen Gallien sich mit seinem Heer dem Rhein näherte, sei er in manche Gegenden gekommen, "wo weder Weinstöcke noch die Oliven noch Obstbäume wuchsen" (lat. ubi nec vitis nec olea nec poma nascerentur.) [2]

Römerzeit

Und noch Tacitus (Germ. 5) nennt Deutschland „für Getreide ergiebig, Fruchtbäumen widerstrebend" und sagt von dessen Bewohnern: "Denn sie nutzen die Fruchtbarkeit [...] ihres Bodens nicht, um mühsam Obstpflanzungen anzulegen [...] nur Getreide wird der Erde abverlangt." etc. (Germ. 26). [3]

Die Einführung eines planmäßigen Obstbaus in größerem Maßstab verdanken die Germanen jedenfalls ihrer Berührung mit der römischen Kultur. Überall im Norden, wo die Römer ihre Militärstationen anlegten und Märkte gründeten, scheinen sie auch Versuche mit der Anpflanzung südlicher Obstarten gemacht zu haben, die ihnen zur besseren Lebensführung unentbehrlich waren. Wir wissen von Plinius (Nat. Hist. 15, 102 f.), daß zu seiner Zeit am Rhein, in Belgien, ja selbst in Britannien bereits Kirschen angebaut wurden, 120 Jahre nachdem sie durch Lucullus nach Italien gebracht waren. [4]

Vom demselben Autor (15, 51) erfahren wir, dass die Belgier schon eine besondere, kernlose Art von Äpfeln (mala spadonia) kannten. Literarische Zeugnisse für den Obstbau der nordalpinen Länder sind allerdings im übrigen bis zur Merowingerzeit selten; aber ihr Schweigen wird durch die deutliche Sprache der archäologischen Funde und der Obstnamen ersetzt.

Saalburg bei Homburg

Die Ausgrabungen auf der Saalburg bei Homburg v. d. Höhe förderten das wichtige Ergebnis zutage, daß am Fuße des Taunusgebirges schon in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten - die Saalburg war vom 1. bis zum Ende des 3. Jhds. nach Chr. von den Römern besetzt - Pflaumen, Zwetschen, Kirschpflaumen, Süß- und Sauerkirschen, Pfirsiche und Aprikosen, Walnüsse und verschiedene Sorten von Haselnüssen gezogen wurden. Kerne bzw. Schalen dieser Obstarten und Nüsse wurden von L. Jacobi in ansehnlicher Menge nicht nur in den ausgemauerten, sondern vornehmlich gerade in zahlreichen Schachtbrunnen, den ältesten Brunnenanlagen der Saalburg, gefunden, die nachweislich schon von den Römern selbst im 2. Jh. durch ausgemauerte Brunnen ersetzt und zugeschüttet wurden.

Die Fruchtkerne fanden sich in einer Schlammschicht 5-10 m unter der Oberfläche. [5] Daß sie etwa erst in späteren Jahrhunderten in die Brunnen geworfen sein könnten, ist also unter diesen Umständen vollständig ausgeschlossen. Die Funde zeigen uns, daß im römischen Germanien schon ein reich entwickelter Obstbau bestand.

Etymologie

Dass der römische Obstbau nicht ohne Einfluss auf die benachbarten Germanenstämme blieb, und dass letztere die Kultur der meisten Obstarten, die sie durch die Römer kennen lernten, dauernd bei sich einbürgerten, wird durch die Sprachforschung bewiesen. Die Obstarten führen in den romanischen und germanischen Sprachen fast ausnahmslos Namen, die aus dem Lateinischen entlehnt sind. Und für eine Reihe derselben, wie Pflaume, Pfirsich, Kirsche, Birne, Keste (d. h. 'Kastanie'), läßt sich aufgrund der Lautgestalt mit Sicherheit behaupten, dass sie zu der ältesten Schicht lateinischer Lehnwörter gehören und schon in den ersten Jahrhunderten unsrer Zeitrechnung aufgenommen sind. Auch Quitte, Maulbeere, Mispel u. a. sind lateinischen Ursprungs.

Mit den südlichen Obstarten lernten die Germanen auch die römischen Methoden einer rationellen Veredlung der Obstbäume kennen, wie die übernommenen technischen Ausdrücke zeigen: ahd. pfroffo, *pfropfo swm. - 'Absenker, Setzling'; mhd. pfropfaere - 'Pfropfreis' mit dem Verbum mhd. nhd. pfropfen geht auf lat. propágo m. - 'Ableger, Setzling' zurück; ahd. impitón, impfitón, mhd. impeten, impfeten neben ahd. (selten) impfón, mhd. nhd. impfen, ags. impian - 'impfen, pfropfen' stammt aus lat. *imputáre bzw. *impo(d)áre (vgl. mlat. impotus, imputus - 'Pfropfreis'; ahd. pelzón, mhd. pelzen - 'pfropfen' weist auf vulglat. pellitáre, peltáre. Auch allgemeinere Ausdrücke wie ahd. pflanzón, ags. plantian oder ahd. as. frucht sind lateinischen Ursprungs.

Völkerwanderungszeit

Die Nachfolger der Römer als Lehrer des Obstbaus bei den germanischen Völkern waren vor allem die Mönche. Bereits im ältesten Text der Lex Salica (507-511) zeigen zahlreiche Stellen, dass die Obstbäume nicht bloß im eigentlichen Obstgarten, sondern auch auf dem Hof, in Weinbergen oder sonstwo im freien Feld gezogen wurden. So wurde z.B. der Diebstahl von Obst oder die Beschädigung von Obstbäumen innerhalb eines umzäunten Platzes strenger bestraft als auf freiem Feld. Die Beschädigung eines Apfelbaums wurde im Allgemeinen mit 3 Solidi belegt [6]; stand der Baum aber innerhalb des Hofes oder im Obstgarten oder Weinberg, so betrug die Buße 15 Solidi. Der Einbruch in einen fremden Obstgarten wurde mit 600 Dinarii = 15 Solidi belegt.

Frühmittelalter

Wie weit verbreitet und wie wichtig die Obstbaumzucht bei den Germanen schon im frühen Mittelalter war, zeigen die strengen Gesetzesbestimmungen gegen Schädigung fremder Obstgärten (vgl. Artikel 'Gartenbau'.) So wurden z.B. während der Regierungszeit des bajuwarischen Herzogs Hugbert (ca. 725–736) in der Lex Baiuwariorum gesetzliche Bestimmungen zum Schutz der Obstgärten getroffen. Von Obstbäumen finden wir dort Apfel, Birne und andere erwähnt. Daneben ist auch in zahlreichen anderen bairischen Urkunden seit dem 8. Jh. von Obstgärten die Rede, wobei mehrfach zwischen Obstgarten (ahd. boumgarto oder obezgarto), Gemüsegarten und dem Ackerfeld unterschieden wird.

Im Bauplan für das Kloster St. Gallen von 820-830 finden sich zwar ein Arzneikräutergarten und ein Gemüsegarten, allerdings ist ein eigentlicher Obstgarten ist nicht vorgesehn. Als solcher dient der Friedhof, der neben dem Gemüsegarten liegt; dort finden sich zwischen den Grabstätten die Namen folgender Bäume eingezeichnet:

Alle diese Namen kehren im Capitulare de villis (Kap. 70) von Karl dem Großen vom Anfang des 9. Jhds. wieder. Diese Übereinstimmung, ganz besonders aber die Erwähnung des Feigenbaums, der in deutschen Klostergärten schwerlich gepflanzt sein wird, scheint bei der Aufzählung der Obstbäume stark für eine Anlehnung an das Capitulare oder an andere südfranzösische Garteninventare zu sprechen.

Hochmittelalter

Im weiteren Verlauf des Mittelalters blieben die Klostergärten und die königlichen Meierhöfe die Vorbilder, nach denen sich Gutsherren und Bauern bei der Anlage ihrer Gärten richteten.

Verwandte Themen

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Quellen

Einzelnachweise

  1. Die Prähistorische Pflanzenreste Mitteleuropas, mit besonderer Berücksichtigung der schweizerischen Funde (Google Books). Ernst Neuweiler. Zürich 1905; Sonderabdruck aus Band 50 von Vierteljahrsschrift der naturforsch. Gesellschaft. Zürich, 1905. S. 55
  2. De re rustica (I 7, 8). Marcus Terentius Varro. 37 v. Chr. Volltext, englisch auf Wikisource. Volltext lateinisch-englisch. (XV sec., Biblioteca Medicea Laurenziana, pluteo 51.3)
  3. Tacitus, De origine et situ Germanorum (Germania). Übersetzung "Die Germania des Tacitus". Anton Baumstark: Freiburg 1876. Digitalisat auf Wikisource.
  4. Naturalis Historia. Gaius Plinius Secundus. Um 77 n. Chr. Volltext (lat.) auf Wikisource.
  5. Das Römerkastell Saalburg bei Homburg v. d. H. 2 Bände. Von L. Jacobi. Homburg 1897. S. 152 ff., 161 ff., 548 f.
  6. Lex Salica. Kap. 7 VIII cod. 7