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Odin, nhd. auch Wotan bzw. südgermanisch Wodan genannt, ist der höchste Gott der Nordischen Mythologie. Der gemeingermanische Göttername ist Wôðanaz. Er wird auch Allvater oder Göttervater genannt und gehört dem Göttergeschlecht der Asen an, welche in Asgard wohnen.

Beschreibung

Etymologie

Dem altgermanischen Wódan begegnet man bei fast allen germanischen Stämmen: in Oberdeutschland als Wuotan, bei den Sachsen als Wódan, bei den Angelsachsen als Vóden, bei den Nordgermanen als Oðinn. Der Name ist eine Weiterbildung von einem N. *Wód, das sich im späteren Wuotisher und im niederdeutschen Wode erhalten hat und die "rasende Schar" bedeutet. Der Name Wódan bedeutet also "Herr des Wód" bzw. "Führer der rasenden Schar". Neben dieses Wód stellt sich das Gejaid der Alpenländer.

Ehe der Name Wodan in germanischen Quellen auftaucht, findet sich dieselbe Gottheit in den römischen Quellen unter dem Namen Mercurius. Der vierte Wochentag (Mittwoch), der dies Mercurii wird auch mit Wódanesdag, Óðinsdagr wiedergegeben. So schreibt schon Paulus Diaconus über: "Wotan, den die Römer Merkur nennen" [1]. Angelsächsische und nordische Quellen bezeugen die Deckung der Namen. [2]

Verehrung

Odin.jpg

Schnitzerei von Odin. Historisches Museum. Oslo, Norwegen.

Auf südgermanischem Gebiet, mit Sicherheit in den Rheinlanden, wurde Wodan in den ersten Jahrhunderten n. Chr. verehrt, denn unter dem römischen Namen (Merkur) wurden laut Tacitus ihm als dem am meisten verehrten Gott Menschenopfer dargebracht (Germ. K. 9): "Von Göttern verehren sie am meisten Mercurius, dem sie an bestimmten Tagen auch Menschenopfer zu bringen für frommes Recht halten." [3]

Auch die Hermunduren weihten ihm die Feinde nach ihrem Sieg über die Chatten (Annal. XIII K. 57). In der Gardereiterkaserne zu Rom weihten ihm Bataver Votivtafeln und zu beiden Seiten des Rheins errichteten Germanen in römischem Dienst nach römischem Vorbild Gedenksteine [4].

Seit der Völkerwanderungszeit taucht der germanische Name des Wôðanaz auf. Die Vandalen verehrten ihn auf ihrem Zug durch Südgallien durch Ziegenopfer, aus ihrer Heimat in Norddeutschland brachten die Langobarden die Sage mit, dass er ihnen den Sieg über die Vandalen verliehen und ihnen den Namen gegeben habe (Paulus Diaconus I 8). Im Ausgang des 6. Jhds. verehrten ihn die Alemannen durch Opfer (Jonas von Bobbio, Vita Columbani 53). Ein Alemanne mag es auch gewesen sein, der ihm die in Nordendorf gefundene Spange weihte (s. Nordendorfer Spange). [5]

Verbreitungsgebiet

Das Gebiet seiner Verehrung lag vorallem in Nord- u. Westdeutschland. Hier erhielt sich der Wódanesdag für den dies Mercurii (Mittwoch) und von hier aus nahmen ihn die Angeln und Sachsen mit nach Britannien, wo er als Gott des Zaubers und der Verschlagenheit, als der Stammvater königlicher Geschlechter und in verschiedenen Ortsnamen erscheint. Unter Karl dem Großen mußten ihn die Sachsen abschwören. Aber als höhere Gottheit, die im Mittelpunkt des Kultes steht, verbreitete sich die Verehrung Odins von Mittel- nach Nordeuropa, fand besonders an den Königshöfen Anklang, und wurde durch die Könige der Lieblingsgott der Skalden. Doch keine isländische Saga kennt Odin als Kultgott, wie er überhaupt außer von Skalden auf Island nie erwähnt wird.

Auf der skandinavischen Halbinsel oder in Dänemark verschmolz der aus Sachsland eingewanderte Kultgott mit dem geisterhaften Óðin als Führer des Totenheeres. Noch Adam von Bremen kennt den Kriegsgott, der in Uppsala verehrt wurde, unter der sächsischen Namensform Wodanus, dänische Urkunden unter Wodhen. Spätere Überlieferungen kennen Óðin noch als Saxa gcð (Flb. III 246), und die Einwanderungssagen der Asen in Snorra Edda (I 24 f.) und der Heimskringla (I 16 f.) gründen sich auf die Einwanderung seines Kultes. Auch die Sagen von Mitothin und Ollerus (Saxo I 43 ff.), nach denen er diese Usurpatoren seines Thrones Vertrieb, mögen für die Verdrängung eines älteren Kultes in Skandinavien sprechen.

In Norddeutschland verehrten ihn in den frühesten Zeiten der Völkerwanderung Langobarden und Sachsen, jene vor allem als Kriegs- und Siegesgott; hier stieß sein Kult mit dem Nerthuskult zusammen und verschmolz mit ihm, wie der nordische Mythus vom Wanenkrieg zeigt. Hier mag er auch zum Stammvater des Völsungengeschlechts geworden sein, wie er ja auch der Stammvater fast aller angelsächsischen Könige ist. [6]

Im skandinavischen Norden hielt er dann an den Königshöfen seinen Einzug, drängte den volkstümlichen Thor- oder Freykult zurück und vielleicht noch manchen alten Lokalkult eines Gottes, der dann in den Quellen zurücktritt, wie Ulls, und wuchs hier durch die Skalden selbst zum Götterkönig, zum Alfǫðr, zu dem die anderen Götter in Abhängigkeitsverhältnis traten, der mit ihnen und den Einherjern in Walhall herrschte wie ein Fürst mit seinem hirð in seiner Königshalle. Die Züge des geisterhaften Wesens, wie es im Volke lebte, verschmolzen mit dem eingewanderten Kultgott und wurden nun ebenfalls gehoben, durch die Dichter veredelt.

Mythologische Herkunft

Führer des Totenheeres

Wodans Wilde Jagd nordischgermani00novegoog.jpg

Wotans Wilde Jagd (C.E. Doepler, 1882)

Ursprünglich ist Odin der Führer des Totenheeres (vgl. Wotans Wilde Jagd). Als er dann als Seelenführer in den Mittelpunkt der Verehrung trat und sich sein Machtgebiet dadurch erweiterte, wuchs mit ihm zugleich die Bedeutung des Begriffs „Asen". Wie der Träger des Namens zum höheren Wesen wurde, dem bei allen wichtigeren Gelegenheiten Opfer und Gebet galten, so bekam auch das Wort "Ase" die Bedeutung Gottheit bzw. Gott. [7]

Ein lebendiges Bild von Odin in seiner mehr geisterhaften Gestalt als Totenführer gewähren erst die nordischen Quellen. Doch muß er auch hier bereits sehr alt sein, wie die weitverbreitete Sage vom Odinsjæger bezeugt (Dania VIII 139 ff.), und früh mag er von den Germanen zu den benachbarten Lappen gewandert sein, deren Gott Rota das meiste von ihm angenommen hat... Weiterlesen.

Snorra-Edda (Jüngere Edda)

Die Snorra-Edda (Gylfaginning 6) erzählt, wie die Kuh Audhumbla aus den salzbereiften Steinen den Riesen Buri leckte; dieser bekam einen Sohn, Bör, der sich mit der Riesentochter Bestla vermählte und mit ihr Odin, Vili und zeugte. Die drei Brüder erschlugen den Urriesen Ymir und schufen aus seinem Leichnam die Welt. Die drei erschufen ebenso das erste Menschenpaar, Ask und Embla.

Charakter

Odin nordischgermani00novegoog S.7.jpg

Odin, der Göttervater (by C.E. Doepler, 1882)

Odin gilt als überaus weise. Er bezog sein Wissen u.a. aus einem Trunk von Mimirs Brunnen, wofür er ein Auge hergab; daher wird er auch der Einäugige genannt. Den köstlichen Skaldenmet wusste er sich durch seine List von Gunnlöd zu verschaffen. Er ist daher auch Dichterkönig und führt den Beinamen Liodasmieder (Liedermacher, Verseschmieder). Dass Odin ein weiser, zauberkundiger Gott ist, belegt auch das zum Hávamál (138-145) gehörende Runenlied, in dem er von der Entdeckung dieser Schriftzeichen erzählt:

„Ich weiß, daß ich hing am windigen Baum
Neun lange Nächte,
Vom Speer verwundet, dem Odin geweiht,
Mir selber ich selbst.“

Hávamál: 138

Das Runenlied berichtet, wie Odin sich selbst in den Weltenbaum Yggdrasil hängte und große Qualen erlitt, um Weisheit zu erlangen. Als er schließlich zu Boden fiel, entdeckte er die Runen. Die Kenntnis dieser magischen Zeichen gab er an die Menschen weiter; das Selbstopfer diente ihm also als Ritual zur Erlangung der Runen. Der Weltenbaum Yggdrasil erhielt seinen Namen erst hierdurch - er bedeutet soviel wie Odins Pferd, wobei der Galgen als das Pferd des Gehenkten angesehen wird. [8] Im 2. Merseburger Zauberspruch begegnet Odin als Herr des Zaubers.

Erscheinung

Odins Äußeres ist typisch, wenn man seine Herkunft als geisterhafter Führer des Totenheeres der Wilden Jagd bedenkt. König Olaf Tryggvason erschien er als alter Mann, ein-äugig, wie überall die Menschen fordernden Geisterwesen, mit Schlapphut auf dem Kopf (Fornmanna-Sögur II 138). Andernorts wird er außergewöhnlich groß geschildert, mit langem, grauem Bart, wonach er Siðskeggr oder Hárbarðr (s. Harbarghsliodh) hieß, eingehüllt in einen langen, blaugefleckten Mantel. Wie Tote die Verwandlungsgabe haben und bald in Menschen-, bald in Tiergestalt erscheinen können, so kann auch Odin alle möglichen Gestalten annehmen und hat auch, wie die Toten im Wuetesheere (Wütenden Heer), die Gabe der Weissagung (Heimskringla I 18; s. auch Seelenglauben). Daher heißt er Sváfnir, Ófnir ('Schlange') oder Arnhǫfði ('Adlerhaupt').

Artefakte

Odin besitzt den goldenen Zwergen-Ring Draupnir und den Speer Gungnir. Dieser Speer ist nach der Sage eine Arbeit der Zwerge, wie alle trefflichen Waffen (SnE. I 340). Wenn Odin ihn wirft, entbrennt der Kampf; durch Gungnir kam auch der erste Krieg in die Welt, als Odin ihn ins Heer der Wanen warf (Völuspa. 24). Weiterhin hat er den abgetrennten Kopf des Riesen Mimir, der die Zukunft vorhersagen kann. Odin trägt ebenso einen Wunschmantel, der ihn an die Orte bringt, an denen er sich aufhalten will und mit dem er sich unsichtbar machen kann.

Begleiter

Odins Ravens by Bruce.jpg

Odins Raben.

Sein Wissen verdankt Odin u.a. zwei Raben, Hugin und Munin („Gedanke“ und „Erinnerung“), die auf seinen Schultern sitzen und ihm alles erzählen, was auf der Welt geschieht, weshalb er auch der Rabengott heißt. Jeden Morgen reitet er auf seinem achtbeinigen Ross Sleipnir über den Morgenhimmel und erkundet die Welt. Seine Wölfe Geri und Freki („Gierig“ und „Gefräßig“) helfen ihm bei der Jagd.

Neben seiner angestammten Frau, der Frija-Frigg, begegnen mehrere Nebenfrauen; andere Götter, selbst Thor, werden seine Söhne, und mit allen hält er gemeinsame Thingversammlungen und Beratungen ab. Odins Gattinnen und Geliebte sind: Jörd (Mutter des Thor), Rinda (Mutter des Wali), Frigga die Asenkönigin (Mutter des Balder, Bragi, Hermodr und Tyr), Grydur (Mutter des Vidar), neun reine Riesenjungfrauen von unendlicher Schönheit, die alle neun am Meeresstrand schlafend, zugleich Mütter des Heimdall wurden; Skadi, früher Njörds Gattin, Gritha (Mutter Skiolds). Ferner erfreuten ihn mit ihrer Gunst die Riesentochter Gunlöda und Laga, die Göttin der Gewässer.

Beinamen

  • Gagnrāðr - Der Widerpartner. Beiname Odins im Vafthrudnismâl als gegnerischer Gesprächspartner des Riesen Wafthrudnir
  • Gangleri - Der Wanderer.
  • Geiguðr - Odin Aspekt als Wetterer, Bezeichnung für Sturm
  • Hárbarðr - Odins Name im Harbarghsliodh
  • Sidgrani - Der mit langem Schnauzbart (Alvissmal 06).
  • Váfuðr - Odins Aspekt als Wetterer, Bezeichnung für Wind
  • Vegtamr - Der Weggewohnte (Odins Aspekt als Wanderer).
  • Viðfǫrull - Der Weitfahrer
  • Viðrir - Eigenbezeichnung als Wetterer.
  • Yggr - Der Schreckliche. Beiname Odins, der besonders in der Skaldendichtung häufig auftaucht. Er bezeichnet den Gott als den Furcht und Schrecken erregenden Dämon.

Wohnsitz

Odin wohnt in Asgard, wo er zwei Paläste hat: Walaskialf und Gladsheim mit Walhall. Von dem ersten vermag er die ganze Welt zu überschauen; der zweite ist zu den Versammlungen des Götterrats bestimmt. Darin befindet sich die Halle, in der sich um ihn die Einherjer sammeln, um bei Ragnarök an seiner Seite zu kämpfen. Von seinem Thron Hlidskialf in Walaskjalf aus kann Odin alles sehen, was sich in der Welt ereignet.

Wie die Toten in Bergen weilen, so weilt auch Odin dort; daher heißt er auch "Berggott" (Fjallgautr, -geiguðr), nennt sich Sigurd gegenüber karl af bergi (Reginsmál 18), und zu ihm geht auch König Sveigðir in den Berg (Ynglinga saga 15). Aus demselben Grund ist er auch Herr von Walhall. Die geisterhaften Walküren wurden seine Wunschmädchen, bringen die auf dem Schlachtfeld Gefallenen nach Walhall und kredenzen hier den Einherjern.

Einflußgebiete

Totenführer

Als Totenführer gehören Odin die Toten (Ynglinga saga 8). Daher fordert er die Toten oder holt sie sich selbst, wie König Vikar (Gautreks Saga), König Aun (Yngl. S. K. 29), König Harald in der Bravallaschlacht (Fornaldar sögur I 386) und auch König Geirröð am Schluß des Grimnismals. Um ihn für sich zu gewinnen und langes Leben zu erlangen, weihen Menschen ihm ihre Mitmenschen, vorallem ihre Gegner, wie Dagr den Helgi (Helgakvidha Hundingsbana fyrri IV), König Aun seine Kinder (Yngl. K. 29), Helgi den Thorgrim (Isl. S. I 307), ja sich selbst weiht man dem Gott, wie der Schwedenkönig Eiríkr, der sich von ihm noch 10 Jahre Leben erbat (Fornmanna-Sögur v. 250). Odin gehörten ursprünglich alle Toten, egal ob sie im Kampf gefallen oder an einer Krankheit oder Gift gestorben waren. Besonders die Gehängten holte er sich, weshalb er Hangatyr oder dróttinn hanga heißt.

So ist Odin der Herr über Leben und Tod, und hieraus erklären sich die Menschenopfer, die alle germanischen Stämme dem Gott gebracht haben und wodurch sie den Tribut, den er Verlangte, von sich abzuwenden suchten. Als Totengott wurden auch die Totentiere des Schlachtfeldes seine Begleiter, der Wolf und der Rabe, die dann der Skalde gepaart und benannt und Geri und Freki zu Haustieren, die Raben Hugin (Gedanke) und Munin (Gedächtnis) aber zu Boten des Gottes gemacht hat, die ihm täglich die Kunde von den Ereignissen in der Welt zuführen (Grimnismal. 19/20).

Wetterer und Wanderer

Das Auftreten des Wuotesheeres (des Wütenden Heeres) ist stets mit heftigem Gebrause und Windstoß verbunden (s. Njalssaga Kap. 125). So steht auch Wodan und Óðinn in engstem Zusammenhang mit Wind und Wetter. Seine Namen Váfuðr und Geiguðr sind zugleich Bezeichnungen für Wind und Sturm, und unter Viðrir bezeichneter sich selbst als den Wetterer. Daher sein stetes Wandern, das aus seinen Namen Viðfǫrull ('Weitfahrer'), Vegtamr ('Weggewohnt'), Gangleri ('Wanderer') spricht. Manche Wanderfahrt hat die Dichtung an diesen Zug seines Wesens geknüpft. Im Hárbardsljóð deutet er diese Fahrten an, und in den jüngeren Sagas von Olaf Tryggvason und Olaf dem Heiligen läßt ihn der Sagadichter diesen Königen von seinen weiten Reisen berichten. Gemeinsam mit Hönir und Loki wandert er über Berge und Einöden und erlebt dabei das Abenteuer mit dem Riesen Thjazi oder ein andermal mit Hreidmar und seinen Söhnen Otr, Fafnir und Regin (Snorra Edda. I 352).

Außer diesen Fußwanderungen unternimmt Wodan viele Reisen zu Roß und steht auf diesen den Menschen bei. Seinen Schützling Haddingus führt er auf seinem Roß unter seinem Mantel über Land und Meer (Saxo I 40), dem Schmied von Nesjar, bei dem er sein Roß beschlagen läßt, erzählt er, wie er in wenig Stunden ganze Länder durchreitet (Fornmanna-Sögur. IX 55 f.), dem Hildiglúm erscheint er auf grauem Roß in seiner alt-geisterhaften Gestalt unter heftigem Getöse als Unheilkünder (Njála K. 125). Dies Roß, auf dem er zu reiten pflegt, ist der achtbeinige Sleipnir. Als Windgott mag auch das Schiff Skidbladnir ihm zugeschrieben werden (Yngl. S. K. 7), das ihn durch die Luft trägt; sonst ist es Eigentum Freys.

Das buhlerische Wesen, das in vielen Volkssagen dem Winddämon zugeschrieben wird, findet man auch bei Óðin: im Hárbardsljöd rühmt er sich Thor gegenüber seiner galanten Abenteuer mit Weibern und Mädchen, im Havamal läßt ihn ein Skalde gute Lehren im Verkehr mit dem weiblichen Geschlecht geben und erzählen, wie er durch Liebkosung der Gunnlöd den Dichtermet entführt (v. 102 ff.), wie ihn Billings Tochter gefoppt und er statt des Mädchens eine Hündin im Bette gefunden hat (v. 95 ff.). Auch mit der Rind, mit der er Baldrs Rächer erzeugt hat, hat er manches Abenteuer zu bestehen, ehe er zu seinem Ziele kommt (Saxo I 126 ff.). So haben die Skalden zahlreiche Schwanke an sein Liebesleben geknüpft. Als Windgott gibt er schließlich auch den Schiffern günstigen Fahrwind und wird von ihnen um diesen gebeten (Hyndluliodh. 3; Fs. S. 91).

Kriegs- und Siegesgott

Bei seiner Einwanderung als Kultgott kam Odin vor allem als Kriegs- und Siegesgott nach Nordeuropa, wie ihn die Angelsachsen und Langobarden kennen. Daher verehrten ihn hier die Könige und Helden, und an den Königshöfen und den Thingstätten wurden im Frühling die Siegesopfer (til sigrs Hák. S. góða K. 16. Yngl. S. K. 8) und der Minnetrunk ihm zu Ehren gebracht. Er verleiht den Sieg (Yngl. S. K. 10) und entreißt ihn, wem er will, wie König Harald in der Bravallaschlacht (FaS. I 386). Schon sein Äußeres änderte sich. Im Tempel von Uppsala thront er in Waffenschmuck (armatus; Adam von Bremen IV 26), und auf dem Helmblättchen des Vendelfundes (Vendelhelm) ist er mit Helm, Schild und dem Speer Gungnir dargestellt.

Helden wie Starkadr, oder ganze Geschlechter, wie das der Völsungen, werden von Odin unterstützt. Er spornt sie zum Kampf an, steht ihnen bei mit Rat und Tat und lehrt sie vor allem die keilförmige Schlachtordnung, wie König Harald (FaS. I 361 ff.) oder Haddingus (Saxo I 52), durch die der Sieg gewonnen wird. Zahlreiche Namen haben ihm die Skalden beigelegt, die mit dem Heer- und Kriegswesen in Zusammenhang stehen: Hjalmberi, Herfǫðr, Herteitr, Herjan, Sigfǫðr, Siggautr udgl. Wie ein König herrscht jetzt Odin in Asgard in seiner zur Königshalle gewordenen Walhall auf seinem Göttersitz über die Götter und die Einherjer, die nun nur noch aus dem val, d. h. den auf dem Schlachtfeld Gefallenen bestehen und von denen besonders den Königen bei ihrem Einzug ein feierlicher Empfang zuteil wird.

Gott der Skalden und Dichtkunst

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Odin bei Gunnlöd (J. Gehrts, 1888)

Die höchste Entwicklungsstufe der Odinmythen ist vor allem den Skalden zuzuschreiben, die sich an den nordischen Königshöfen aufhielten und zu Ehren der Könige dichteten. So wurde Odin auch der Gott der Skalden, dem sie u. a. die Gabe der Dichtkunst Verdankten, und der Lebens- und Gelehrtenweisheit, die ihnen eigen war (Hyndl. 3). Der sagenhafte Starkadr verdankte ihm die Gabe der Dichtkunst (Saxo I 276), und diese selbst hieß Óðins Gabe oder Trank (Óðins gjǫf, mjǫðr, ǫl).

Als Met oder Bier spendet diese der Gott. Unter dem Einfluß alkoholhaltiger Getränke entstand die Mythe von Odroerir, dem Getränk, das zur Dichtung anregt. Fast alle alten Völker haben die Gärung erzeugende Kraft des Speichels erkannt; so auch die Nordgermanen, bei denen nach der Hálfssaga (K. 1) durch den Speichel Odins das beste Bier bereitet worden sein soll [9]. So entstand auch der Odroerir. Seinen Ursprung erklärt die Sage, die in junger und mehrfach veränderter Fassung allein die Snorra-Edda überliefert (I 216 ff.).

Danach spuckten die Asen und Vanen bei ihrem Friedensschluß in ein Gefäß. Ursprünglich kann dies nur auf die Bereitung des Friedenstrankes gegangen sein. Später ließ man aus dem Speichel ein mythisches Wesen entstehen, den weisen Kvasir (vgl. dial. kvasa - 'auspressen'), den die Zwerge Fjalarr und Galarr töteten und aus dessen mit Honig gemischtem Blut sie den Dichtermet schufen. Von den Zwergen kommt er in die Gewalt des Riesen Suttung, der ihn als Sühne für die Ermordung seines Vaters fordert und in seiner Bergwohnung von seiner Tochter Gunnlöd bewachen läßt. Zu ihr kommt Odin, der sich in Schlangengestalt durch den Berg gebohrt, gewinnt ihre Liebe und erhält dafür den Odroerir, den er nun ins Götterheim und den Menschen bringt (Háv. 104 ff.). Nur die Snorra-Edda machte Odrörir zu einem Gefäß, in dem der Trank aufbewahrt wird, und gesellte ihm die Gefäße Són und Boðn zu.

Gott der Weisheit und des Zaubers

Durch die Skalden wurde Odin auch der Gott aller Weisheit und Gelehrsamkeit, wie sie sie selbst besaßen, der Lebensweisheit, mythologischen und saggeschichtlichen Wissens. Im Havamal läßt ihn ein Dichter gute Lebensregeln erteilen, im Vafthrudnismal besiegt er den Riesen Vafthrudnir, in den Heidreksgatur den König Heidrek in mythologischer Gelehrsamkeit, im Grimnismál belehrt er den jungen Agnar über Valhǫll und das Leben daselbst.

Selbst noch die christlichen Sagaerzähler lassen ihn bei König Olaf Tryggvason als alten Mann oder Nornagestr, bei Olaf dem Heiligen als Gestr oder Tóki auftreten, der genaue Kunde von den sagenhaften Königen hat [10]. Diese Weisheit verdankt er seinem Freunde Mimir oder nach anderer Quelle dem Zwerg Thjóðrerir (Háv. 160). Durch die Skalden wurde er ebenso als Gott des Zaubers in eine höhere Sphäre gehoben.

Zauberkunst

Laut dem Merseburger Zauberspruch und angelsächsischen Zeugnissen war Odin auch auf südgermanischem Gebiet der Gott des Zaubers. Ebenso war diese Auffassung bei den Nordgermanen allgemein üblich und so muss er diesen Wesenszug seines Wesens bei der Verbreitung seines Kultes nach Nordeuropa mitgebracht haben. In zahlreichen Überlieferungen der eddischen Dichtung begegnet Odin als Vater des Zaubers (galdrs faðir), darunter Baldrs draumar, das Havamal, das Rigsthula und die Ynglingarsaga.

Er beherrschte das Zauberlied (ljóð) und war Meister der Zauberhandlung (Seiðr) [11]. Er lehrte Zaubersprüche und so verdankte ihm auch Lodfafnir seine Zauberkünste (Lit.: Háv. 11). Durch Zauber weckte Odin die Völve, die ihm Baldrs Schicksal künden sollte. Er trieb Liebeszauber auf Sámsey [12] und machte durch Zauber die Rinda wahnsinnig, als sie seine Liebeswerbungen zurückwies [13].

Im Harbarghsliodh raubte er Hlébarð durch eine Zauberrute den Verstand (Lit.: Hrbl. 58 ff.). Nach anderen Quellen beruhigte er den Wind (Völsunga), verjagte Regenwolken und heilte Wunden [14], nahm alle möglichen menschlichen Gestalten an [15]. Als Gott des Zaubers galt Óðinn auch als Finder und Lehrmeister der Runen, deren man sich vor allem zum Zauber bediente [16] (s. Runenzauber).

Was Snorri in der Heimskringla von ihm erzählte, galt von Zauberern im Allgemeinen. Danach blendete er im Kampf die Feinde oder machte sie taub und ihre Waffen unschädlich. Er wechselte die Gestalt, und während sein Körper wie tot lag, war er Vogel oder vierfüßiges Tier, Fisch oder Schlange und fuhr in kürzester Zeit durch alle Lande. Er löschte Feuer, beruhigte das Meer und lenkte die Winde nach Belieben. Er weckte die Toten und unterhielt sich mit ihnen. Alle diese Künste verdankte er den Runen und den Zauberliedern (galdrar).

Odin verstand auch die Zauberkunst (Seiðr), der die größte Macht innewohnt, durch die er die Zukunft und ferne Dinge wusste, durch die er den Menschen Tod und Krankheit bringen, ihnen Verstand oder Kraft nehmen und andern geben konnte. Er wusste auch, wo Schätze in der Erde verborgen waren, und durch seine Zaubersprüche (ljóð) öffneten sich die Erde, Berge, Steine und Hügel [17].

Göttervater

Auch zum Herrn über Götter, Menschen und Zeiten wurde Odin durch die Skalden. Das nordische Königtum gab dazu das Vorbild, und aller Wahrscheinlichkeit nach zeigte sich in dieser Erhebung auch der Einfluß der christlichen Gottesauffassung. Von da an begegnete Odin als Allfaðir oder Aldajaðir oder Verafaðir, und die Völuspa berichtet, dass er gemeinsam mit Hönir und Lodur die Menschen schuf und dem toten Holz Atem (ǫnd) gegeben habe (v. 18). Aber nirgends ist wurde Odin in irgendwelche Verbindung mit dem Himmel gebracht oder mit der Sonne, weshalb eine Erhöhung zum Himmels- oder Sonnengott bei Wodan-Odin ausgeschlossen ist.

Quellen

Sonstige

Wikipedia
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Einzelnachweise

  1. Paulus Diaconus (I 9): Wodan.. qui apud Romanos Mercurius dicitur
  2. Kemble, Die Sachsen in England I 277 f.
  3. Tacitus, De origine et situ Germanorum (Germania). Übersetzung "Die Germania des Tacitus". Anton Baumstark: Freiburg 1876. Digitalisat auf Wikisource.
  4. Neue Heidelberger Jahrbücher. V, S. 46 ff. v. Domaszewski, Die Religion des römischen Heeres S. 46 f.
  5. Henning, Deutsche Runendenkmäler. S. 89; dazu Zeitschrift des Vereins für Volkskunde. Ausg. 25, S. 136 ff. Ausg. 26, S. 81 ff.
  6. Deutsche Mythologie (Internet Archive). 3 Bände. Jacob Grimm. 4. Aufl. von E. H. Meyer. Berlin, F. Dümmler, 1875. Bd. III, S. 377 ff.
  7. Hoops. aaO. RdgA, Bd. 1, S. 130.
  8. Welt der Wikinger: Odin in der Mythologie
  9. vgl. Tiander, Der Kulttrank und das älteste Alkohol getränk der Menschheit. Petersb. 1908; Flentzberg, Fatab. 1908.
  10. Fas. I 311 ff; Fms. II 138 ff; V.
  11. Ynglingarsaga. K. 7
  12. Lokasenna 24
  13. Saxo I 128
  14. Saxo I 53
  15. Saxo I, S. 126 ff; S. 390
  16. Háv. 138 ff; Sigdr. 13; Rigsthula 45
  17. Heimskringla, 117 ff.

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