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Während der isländischen Sagazeit (793 - 1066) war das Baumaterial bei fast allen ausgegrabenen Schiffen meist Eichenholz, doch fanden sich gelegentlich auch Kiefernholz, und für einzelne Teile Linde, Bergahorn, Birke, Buche, Esche, Espe in Verwendung. Die Grundlage, auf der sich der übrige Bau des Langschiffes erhebt, bildet der Kiel (Fig. 23 u. 24a), unter dem bisweilen zum Schutz beim Anlandziehen ein Loskiel angebracht ist.

Beschreibung

Der Kiel bestand stets aus Eichenholz. Vorn und hinten wurde er durch den aufragenden Vordersteven und Hintersteven abgeschlossen. Bei kleineren Schiffen bestanden die Steven aus einem oder zwei Stücken, bei größeren, wie beim Gokstadschiff, waren sie aus drei Stücken zusammengesetzt: dem untersten, an den Kiel anstoßenden Teil undirhlutr, dem bis über die Wasserlinie reichenden Mittelstück barð und dem senkrecht aufragenden Oberstück stál, das entweder in eine gebogene Spitze auslief oder ein abnehmbares Topstück, einen Kopf oder sonstigen Stevenschmuck trug.

Das barð (Mittelstück) war bei manchen Kriegsschiffen, den sog. járnbarðar, mit einem eisernen Stachel, dem Schegg, und einer unten an dieses anschließenden Eisenschiene beschlagen. Auf dem Kiel standen die Spanten; bei den aus einem Stück gearbeiteten Spanten (wie beim Gokstadschiff) heißt das ganze Spant, sonst das untere, auf dem Kiel aufliegende Stück anord. rǫng, pl. rengr.

Die alten Bezeichnungen der oberen Stücke (Auflanger) mehrteiliger Spanten sind nicht bekannt. Ein schwerer, über Kiel und Spanten ruhender Balken, der Binnenkiel oder das Kolschwien, anord. kerling, diente sowohl zur Verstärkung des Kiels wie zur festeren Verbindung des Kiels mit den Spanten, die durch Einschnitte an der Unterkante des kerling hindurchgingen. Oben waren die Spanten durch Quer- oder Deckbalken, abgeschlossen, auf denen wieder Knie, anord. kné, aufgenagelt waren, deren aufragende Schenkel den obersten Plankengängen zur Stütze dienten.

Die Deckbalken waren von unten her durch Streben unterstützt, die vom entsprechenden Spant emporragten. Der längste und stärkste Balken in der Mitte des Schiffes hieß anord. hǫfuðbiti, wenn, wie bei kleineren Schiffen ohne Mastfischung, der Mast durch ihn hindurchging, siglubiti, die beiden Balken bei den Lens- oder Schöpfräumen vorn und hinten austrbiti.

Beplankung und Reling

Die Planken (anord. borð, ae. þel) sind fast immer klinkerweise zusammengefügt. Der Plankenverband findet bei dieser Bauart in der Weise statt, dass die Plankenkanten (anord. skǫr, wonach auch die ganze Klinkerbauart skǫr genannt wurde) übereinandergelegt und mit eisernen Nietnägeln (anord. hnoðsaumr) untereinander verbunden wurden. Mit den Spanten und Knien wurden die Planken später nicht mehr, wie beim Gokstadschiff, mit Weidenruten oder ähnlichem verbunden, sondern mit Holznägeln (anord. trésaumr), mit Kiel und Steven durch eiserne Spieker (anord. reksaumr).

In Nordeuropa kannte man neben dem Klinker- auch den Kraweelbau, der vom ästhetischen Standpunkt aus gerühmt wurde, aber doch wohl nur ausnahmsweise zur Anwendung kam, z. B. beim "Ormrinn langi" (Ormurin langi, das Langschiff von König Olav Tryggvason von Norwegen). Von den im Norden gefundenen Schiffsresten zeigt nur der Fund von Storhaugen (s. Storhaug-Schiff) einen Wechsel von Klinker- und Kraweelbau.

Die senkrechten Fugen (anord. lykkjur, skarar) zwischen den einzelnen Planken durften in den verschiedenen Plankengängen nicht übereinander liegen, weil dadurch der Gesamtverband geschwächt wurde. Mit einer Kalfaterung von Tierhaaren oder Wolle, die gewöhnlich fadenförmig zusammengedreht war (anord. síþraðr), wurden die Fugen abgedichtet und dann mit Pech ausgegossen. Einzelne Plankengänge (anord. sýja, später auch umfar) führten im Altnordischen besondere Namen:

  • der erste Plankengang am Kiel hieß 'Kielgang', kjǫlsyja,
  • der zweite Gang 'Sandgang', aurborð,
  • der 'Kimmgang', wo die Wandung in die senkrechte Richtung überging, hrefni,
  • der stärkste Plankengang, wo die Spanten enden, meginhúfr,
  • der Gang, indem sich die Remenlöcher befanden, róðrarhúfr.

Da, wo die obersten Plankengänge an die Steven anschlossen, waren als Verbindungsstücke beiderseits schön geschnitzte oder sogar vergoldete Planken, die brandar, angebracht (beim Osebergschiff bilden diese die Fortsetzung des meginhúfr). Die oberste Plankenreihe, die Reling, hieß rim oder skjaldrim. Sie war innen durch eine angenagelte dicke Bohle, den borðstokkr.

Bei Ruderbooten war dies der 'Dollbord' (anord. hástokkr) verstärkt, an deren Unterseite eine Leiste mit viereckigen Einschnitten an der Oberkante angebracht war. Durch diese Einschnitte zog man die zur Befestigung der Bordschilde dienenden Bänder; daher der Name skjaldrim für die Reling, der eigentlich nur der erwähnten Leiste zukam. Der gegen die Steven vorn und hinten ansteigende Teil der Reling hieß anord. sǫx (eig. 'Schere').

Deck, Laderaum und Lensvorrichtung

Auf den Deckbalken lagen in einer Spundung bei kleineren Schiffen (wie beim Gokstadschiff) lose Deckplanken (Fig. 24 u), die von Balken zu Balken reichten. Nur die großen Schiffe hatten ein festes Deck (anord. þilfar). An den Enden des Decks befand sich häufig (wie beim Osebergschiff) ein erhöhtes Halbdeck, vorn anord. (stafn)-lok, ae. *pliht, hinten anord. lypting genannt.

Der Raum darunter war zum Hauptdeck hin durch ein Querschott abgeschlossen. Bei Kriegsschiffen erstreckte sich das Deck über die ganze Länge des Schiffes, so dass man in der Mitte zwischen den links und rechts befindlichen Rojersitzen, zu denen fest angenagelte Bänke oder auch die Seekisten der Mannschaft (s. Schiffsführung) dienten, hindurchgehen konnte.

Bei den Handelsschiffen war der mittschiffs liegende Laderaum oben offen und gegen die gedeckten Räume durch Querschotten abgeschlossen. Die Ladung (anord. bulki, þungi, bunki, davon mnd. bonnik - 'Laderaum') wurde mit Tierhäuten zugedeckt und verschnürt; das Öffnen dieser Bedeckung heiß rjófa oder brjóta bulka, vgl. mnd. den bonnik breken). Zwei innenbords längs der Reling verlaufende Decksgänge (ahd. bolcho) ermöglichten bei dieser Bauart der Handelsschiffe den Verkehr zwischen Bug und Heck. Unten im Laderaum lag auch der Steinballast.

Das Kiel- oder Bilgewasser sammelte sich in der Bilge (anord. kjǫlr - 'Kielraum') und besonders in den beiden Lensräumen und wurde von dort durch Ausschöpfen mit einer Schöpfkelle oder -balje entfernt. Auf größeren Schiffen hatte man, um diese Arbeit zu erleichtern, verschiedene Einrichtungen: man entleerte die Schöpfkelle in eine quer über das Deck laufende, auf beiden Seiten außenbords mündende Rinne, oder man befestigte zwei Kübel an den Enden eines über eine Rolle laufenden Taus, wie bei einem Ziehbrunnen, und benutzte sie abwechselnd, wobei ein Mann unten das Füllen, ein anderer an Deck das Ausschütten besorgte.

Zelte

Im Hafen, besonders zur Nachtruhe, wurden auf Deck Zelte (anord. tjǫld) aufgeschlagen, gewöhnlich eines vorn auf der Back (stafntjald) und eines auf der Schanze (lyptingar tjald); das letztere diente dem Schiffsführer, auf Königsschiffen dem König zur Herberge.

Über die Einrichtung des Schiffszeltes herrscht keine völlige Klarheit. Wahrscheinlich trug eine horizontale, längsschiffs oder querschiffs auf Stützen ruhende Firststange, die vorn und hinten durch giebelartig sich kreuzende Windbretter (anord. klofi, eig. 'Zange'?) abgeschlossen war, die einzelnen, mit Bändern aneinander genestelten Zeltbahnen (tjald). Die auf den Schiffen von Gokstad und Oseberg gefundenen drachenkopfgeschmückten Windbretter gehörten wahrscheinlich zu Landzelten.

Einteilung des Schiffes und Benennung

In der Außenansicht bezeichnete man verschiedene Schiffsteile mit besonderen, meist dem Tierkörper entlehnten Namen, so den mittleren, mehr horizontal verlaufenden Teil des Schiffskörpers mit anord. húfr (eig. 'Wölbung'), die gekrümmten, abschließenden Teile vorn und achtern mit halsar. Der Bug im besonderen hieß anord. hlýr (eig. 'Ohrengegend') oder kinnungr (von kinn - 'Wange'), poetisch bógr. Das Heck, oder richtiger die dem Bug entsprechenden gerundeten Bordwände am Achtersteven, die Billen, wahrscheinlich anord. lær ('Schenkel').

Binnenbords unterschied man zunächst zwischen der rechten und der linken Seite des Schiffes, Steuerbord und Backbord, sodann aber fand eine Einteilung des Schiffes in Querräume (anord. rúm) statt. Unter rúm verstand man sowohl die einzelnen Rojerräume (zwischen je zwei Spanten), nach deren Zahl man die Kriegsschiffe einteilte (s. Schiffsarten), als auch die größeren Haupträume auf Deck, die besonders bei der Aufstellung der Mannschaft in der Seeschlacht Bedeutung hatten. Es waren dies, von hinten nach vorn gezählt, folgende:

  • 1. die Schanze, d. h. das kurze Halbdeck achtern, anord. lypting, zugleich Sitz des Steuermanns und in der Schlacht der Standort des Anführers und seiner nächsten Umgebung.
  • 2. Der Raum von da bis zum achteren Lensbalken (anord. austrbiti), der fyrrirúm. Hier hatte die Waffenkiste und die Schar der Vornehmsten ihren Platz im Kampf.
  • 3. Der mittlere Teil des Schiffes vor und hinter dem Mast, wahrscheinlich nach den dort befindlichen vielen *krappar (neuisl. krappi), den Klampen oder Kavielnägeln zum Belegen des laufenden Tauwerks, anord. krapparúm genannt, im Kampf war dies der Aufenthaltsort der Rojer und der gemeinen Mannschaft.
  • 4.-5. Der krapparúm war vorn und hinten begrenzt durch die beiden austrrúm, die schmalen Lensräume, wo das Ausschöpfen des Bilgewassers stattfand.
  • 6. Vor dem vorderen Lensraum folgte der Scherenraum anord. sǫx, nach dem gleichnamigen Teil der Reling so genannt, auf Drachenschiffen auch als rausn bezeichnet, in dem die Kerntruppen aufgestellt waren.
  • 7. Die Back, das kurze Halbdeck vorn, stafn, war Standort der stafnbuar, vor allem des Bannerträgers und des Marschalls sowie des Ausgucksmanns. Der ganze hintere Teil des Schiffes, vom achteren austrúm an rückwärts, wird auch als skulr bezeichnet.

Anstrich, Ausschmückung und Namen

Bayeux tapestry RdgA Bd4, Tafel 16, Abb.21

Teppich von Bayeux: Wikingerschiff mit Schilden

Die Schiffswand wurde geteert, und zwar jedesmal bei Beginn der Winterlage von neuem. Die Naturfarbe des Holzes schimmerte dabei durch. Manche Schiffe, besonders die Drachenschiffe, waren auch oberhalb der Wasserlinie gemalt, z.B. weiß oder rot oder in mehreren Farben, so dass, wie bei den Schiffen auf dem Teppich von Bayeux, jeder Plankengang eine andere Farbe erhielt.

Zur Ausschmückung des Schiffes dienten auch die Schilde, die außenbords (bisweilen vielleicht auch innenbords) aufgehängt waren, entweder längs der ganzen Reling (wie beim Gokstadschiff), oder nur an den brandar, ferner die geschnitzten und häufig vergoldeten brandar selbst, sowie ähnlich verzierte Schmuckbretter, die an der Innenseite der Steven, da, wo die Enden der Reling in die Steven eingefugt waren, angenagelt wurden, und schließlich die Topstücke, die man auf den stál des Vor- und Achterstevens aufsetzte.

Diese bestanden entweder aus einfachen Ringelstücken oder Schnecken, wie man sie auf manchen gotländischen Bildsteinen und alten Münzen sieht (daher der angelsächsische Beiname hringedstefna von Schiffen im Beowulf-Epos) oder in Figuren, besonders Tierköpfen (anord. hǫfuð, danach die so geschmückten Schiffe anord. hǫfðaskip, hǫfuðskip).

Stevenköpfe

Am häufigsten waren Drachenköpfe als Stevenköpfe, wonach eine ganze Gattung von Kriegsschiffen den Namen dreki erhielt. Aber auch andere, Stier-, Bisonköpfe usw. kamen vor, oder menschliche Figuren (wie auf der 'Mora' von Wilhelm dem Eroberer, vgl. Teppich von Bayeux sowie Cnutonis regis gesta I 4) und Götzenbilder (z.B. des Thor). Die Sitte, Schiffe mit Tierköpfen zum schmücken, ist uralt, sie begegnet schon bei den Hällristningar-Schiffen und im Mittelmeer bei den Phöniziern. Zweifellos kam den Stevenköpfen ursprünglich ein fetischartiger Charakter zu, man maß ihnen Zauberkraft bei, wie noch deutlich aus dem im isländischen Landnámabók (c. 268) erwähnten Verbot hervorgeht, die Schiffe "mit maulaufsperrenden Köpfen oder klaffenden Drachenschnauzen" das Land ansegeln zu lassen, damit nicht die Landgeister erschreckt würden.

Schiffsnamen

Damit hängt außerdem der Brauch zusammen, den Schiffen Namen zu geben, da auch der Name Zauberwirkung ausübt. Diese Zusammenhänge zwischen Stevenschmuck, Namen und Zauberglauben zeigt besonders einleuchtend die Stelle Ólafs saga Tryggvasonar (Saga von Olaf Tryggvason, c. 80 in der Heimskringla), wonach Olaf das eroberte Drachenschiff Rauds, das einen Drachenkopf, hinten ein Ringelstück und einen Schwanz als Schmuck trug, Ormr ('Wurm') nannte, denn wenn das Segel gehisst war, glich es den Flügeln des Drachen.

Die Schiffe, die den Kopf eines bestimmten Tieres trugen, wurden in der Regel danach benannt, doch begründete man die Benennung auch häufig mit den sonstigen Eigenschaften des Schiffes (wie bei dem Schiff Trani im Flateyarbok I, 325), und es ist nicht sicher, ob es stets einen entsprechenden Stevenkopf trug. Überhaupt führten nur die größeren Schiffe Namen, und erst in christlicher Zeit wurde anscheinend die Sitte allgemein üblich.

Wenn man aber später die Schiffe nicht nur nach Gottheiten, Fabel- und wirklichen Tieren benannte, sondern auch nach dem ehemaligen Besitzer oder dem Schenker, so erscheint die ursprüngliche Bedeutung der Namengebung bereits verblaßt. An den Steven waren schließlich die, oft gleichfalls vergoldeten, Flüger oder Wetterwimpel (anord. veðrviti, davon altfrz. wirewite, neufrz. girouette) angebracht.

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Quellen

Einzelnachweise

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