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Crystal keditbookmarks Dieser Artikel wurde am 04. Januar 2017 als Spotlight vorgestellt.

Als Scotismus bezeichnet man die philosophischen Lehren des Franziskaners Johannes Duns Scotus, der zur Blütezeit der Scholastik im 13. und 14. Jh. u. a. die Lehren des Aristoteles, des Augustinus von Hippo und der Franziskaner auf feinsinnige Art miteinander verband.

Beschreibung

Glauben und Wissen

Standen für Thomas von Aquin und seine Anhänger Theologie und Philosophie, Glauben und Wissen im Verhältnis gegenseitiger Ergänzung, so wurde bei Duns Scotus ihr Gegensatz stärker betont. Auch wenn er als Scholastiker, der zuerst das Dogma von der unbefleckten Empfängnis verteidigte, wenig mit dem Philosophen der reinen Vernunft gemein hatte, so drängte doch auch er in einer für seine Zeit bemerkenswerten Schärfe auf eine Art reinlicher Scheidung zwischen Wissen und Glauben.

Mathematisch gebildet, stellte er strengere Anforderungen als seine Vorgänger an einen Beweis. Nicht bloß kirchliche Einzeldogmen, sondern auch Dinge, wie die zeitliche Schöpfung der Welt und die Unsterblichkeit der Seele, waren für ihn durch die Vernunft nicht beweisbar. Warum sollte nicht auch das Unkörperliche vergehen können? Aber diese Fixierung des Gebietes strenger Wissenschaft diente Scotus nicht etwa dazu, nun die Herrschaft der Theologie zu bekämpfen, sondern im Gegenteil, sie zu stärken.

Der Glaube schloss zwar nicht den Zweifel überhaupt aus, wohl aber dessen Sieg. In Glaubenssachen hatte die "Dialektik" nicht mitzureden. Die Philosophi und Catholici wurden häufig einander gegenübergestellt. Ja es kam bereits der erst bei Wilhelm von Ockham (1285–1349) und seiner Schule zu größerer Bedeutung gelangte Satz vor: es könne etwas zwar für den Philosophen wahr, aber für den Theologen falsch sein. Von den ersteren hielt Scotus den Aristoteles, den er besser kannte und verstand als seine Vorgänger, zwar für den größten, aber dennoch nicht für unfehlbar, wie andere es getan hatten.

Die Lehre vom Willen

Das Hauptproblem des Scotismus, das in der Gestalt des Konflikts zwischen Willensfreiheit und Naturnotwendigkeit noch in späteren Zeiten die Geister beschäftigte, war die Frage nach dem Vorrang des Verstandes oder des Willens. Duns beantwortet sie, im Gegensatz zu Thomas von Aquin, mit voller Entschiedenheit dahin: "Der Wille hat den Vorrang vor dem Verstande. Der Wille ist die Grundkraft der Seele."

Das "erste Denken", das, ähnlich wie bei Thomas von Aquin, durch das Zusammenwirken von Seele und äußeren Gegenständen, d.h. durch Abbilder der letzteren zustande kommt, ist "verworren und unbestimmt". Es wird erst dadurch zu einem bestimmten, dass der Wille seine Aufmerksamkeit auf diese verworrenen Vorstellungen richtet, sie schärfer gestaltet und ihre Intensität verstärkt, während sie im entgegengesetzten Falle schwächer werden, um schließlich zu verschwinden.

Das Vorstellen ist nur Gelegenheitsursache und Diener des Wollens; die Entscheidung fällt dem letzteren anheim. In der Psychologie des Willens gab Duns Scotus schon manche feine Beobachtungen und scharfsinnige Unterscheidungen, z.B. die des Wollens vom Wünschen (Begehren) und Nichtwollen. Nach der auch in der Neuzeit noch von englischen Denkern bevorzugten Weise ging er gern von der Erfahrung aus und betonte den engen Zusammenhang mit den Trieben, über die sich jedoch der freie Wille zu erheben imstande war.

Die Selbständigkeit des letzteren war für ihn so groß, dass selbst die göttliche Gnade ihm nur beizustehen, ihn nicht zu nötigen vermochte. Auch durch das Gefühl der Lust und Unlust wurde der Wille - was an Kant erinnert - nicht bestimmt, sondern nur in seiner Betätigung begleitet. Ja für Duns Scotus stand er außerhalb des Kausalzusammenhanges, des mechanischen Zwanges der Vorstellungen. Denn, wäre der Wille von diesen abhängig, so wäre es mit der Freiheit und Verantwortlichkeit des Menschen zu Ende.

Ethik

In der Ethik des englischen Scholastikers wurde auch das Gute grundsätzlich vom Willen bestimmt, der Verstand hatte nur bei der Anwendung im praktischen Leben mitzusprechen. Das Gute stand für die Scotisten höher als das Wahre, deshalb sie Augustinus von Hippo (354–430) höher stellten als Anselm von Canterbury und Aristoteles. Die Theologie war vor allem eine praktische Wissenschaft. Das Gute war gut, weil Gott es gebot; während nach Thomas von Aquin Gott das Gute gebot, weil es gut war. Das höchste Ziel und die höchste Vollkommenheit des Menschen lag den Scotisten daher nicht, wie für die Thomisten, im mystischen Schauen, sondern in dem ganz auf Gott gerichteten Willen, d. h. der Liebe.

Gotteslehre

Auch Gottes Dasein war für die Scotisten nicht aus bloßen Begriffen zu beweisen, sondern nur aus seinen Werken. Es musste eine alles überragende letzte Ursache geben, die zugleich letzter Zweck war; das war Gott. Auch auf ihn wurde die Lehre vom Primat des Willens übertragen. Wie durch das liberum arbitrium des Einzelnen jedesmal eine neue Tatsache entstand, so war Gottes Wille die Urtatsache. Wäre nicht der Wille sein Wesen, so wäre seine Allmacht nicht, wie sie ist, unbeschränkt.

So war die Welt durch die freie Willkür Gottes geschaffen; er hätte sie auch völlig anders schaffen können. Ebenso stand es für die Scotisten mit der Erlösung; Gott hätte sie auch auf andere Weise als durch Christus vollziehen oder hätte statt Mensch z.B. Stein werden können! (An solche Eventualfälle knüpfte die spätere Scholastik, ähnlich den Sophisten des Altertums, jene Ausgeburten haarspaltender Phantasie, durch die sie sich berüchtigt gemacht hat.)

Metaphysik

Gott war für die Scotisten das schlechthin einfache, oberste Wesen, die Materie dagegen das niederste. Als erste Materie (materia primo-prima, von der die Spitzfindigkeit Duns Scotus' eine materia secundo-prima und tertio-prima unterschied) bedeutete sie nur die ursprünglich in allen Dingen liegende Fähigkeit, zu höheren Formen, Gattungen und Arten geordnet zu werden. Jede geschaffene Substanz, auch die geistige, hatte Materie. Das principium individuationis war die Form.

Das Individuellere war in den Augen der Scotisten das Vollkommnere. Zur Washeit (quidditas) trat die Diesheit (haecceitas [1]) hinzu, im Menschen Sokrates zur animalitas zunächst die humanitas, zu dieser die Socratitas. Das Individuum besaß eine selbständige Realität und war eine weiter nicht ableitbare Tatsache. Duns' Stellung in der Universalienfrage blieb die vermittelnde des Anselm von Canterbury und Thomas von Aquin: Das Allgemeine war ante res als Form im göttlichen Geiste, in rebus als deren "Washeit" oder Wesen und post res im Verstand als der von ihnen abstrahierte Begriff.

Trotz seines frühen Todes hinterließ Duns Scotus zahlreiche Schüler und Anhänger, besonders in seinem Orden. Lange tobte der scholastische Streit zwischen den scotistischen Franziskanern und den meist thomistischen Dominikanern. Und wenn seine Lehre auch innerhalb der römischen Kirche durch die der letzteren kongenialere des Aquinaten (einzelne Scotisten kommen freilich noch im 18. Jh. vor) mehr und mehr zurückgedrängt worden ist, so hat er anderseits durch manche seiner Lehren (vom Primat des Willens, von den verworrenen und klaren Vorstellungen, von der Form als bleibendem Wesen u. a.) mehr als Thomas auch auf nichtkirchliche Philosophen wie Baco von Verulam, Descartes, Leibniz und andere gewirkt.

Vermächtnis

Duns Scotus hinterließ zahlreiche Schüler und Anhänger, besonders in seinem Orden. Lange tobte der scholastische Streit zwischen den scotistischen Franziskanern und den meist thomistischen Dominikanern. Und wenn seine Lehre auch innerhalb der römischen Kirche mehr und mehr zurückgedrängt wurde, so wirkte der Scotismus anderseits durch manche seiner Lehren mehr als Thomas von Aquin auch auf nichtkirchliche Philosophen wie Baco von Verulam, René Descartes, Gottfried Wilhelm Leibniz und andere.

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Quellen

Einzelnachweise

  1. Anmerkung: Der Ausdruck haecceitas findet sich allerdings erst bei Scotus' Schülern.

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