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Snorri Sturluson (* 1178/9; † 23. September 1241) war der bedeutendste altisländische Skalde (Dichter), Politiker, Gelehrte und Historiker des ausgehenden Freistaats. Für die germanische Altertumskunde ist er wichtig als Verfasser der beiden Meisterwerke Edda (Snorra-Edda) und Heimskringla.

Beschreibung

Über Snorris Leben unterrichten hauptsächlich die Sturlungasaga [1] und die Hákonarsaga Hákonarsonar [2]. Diese Quellen bieten u. a. Belege für Snorri als Dichter und Altertumsfreund (Eirspennill 573) und für seine Anhängerschaft an das christliche Königtum, d. h. seine fortschrittliche Gesinnung (Reise nach Norwegen und Götaland [3]). Für Snorri wie für die altisländische Bildung überhaupt, ist seine Aufgeschlossenheit bezeichnend. Er wird auch den altnordischen Göttern und den Feinden der Staatsmacht gerecht. Diese Toleranz und die von ihr unzertrennliche reiche Kenntnis der alten Kulturzustände geben ihm (und anderen Isländern des 12./13. Jhd.) einen weiten Vorrang vor sämtlichen Lateinschreibern des germanischen Mittelalters in der Auswertung der geschichtlichen Quellen.

Nur in unscheinbaren Nebendingen, besonders in kleinen humoristischen oder ironischen Wendungen, kommt das persönliche Urteil des Verfassers zur Geltung. Zu Snorris schriftstellerischer Tätigkeit paßt sein Auftreten als Friedenstifter [4], sowie die scheinbare Lauheit, mit der er das dem norwegischen König gegebene Versprechen erfüllt, die Isländer zur Lehnshuldigung zu überreden: ihren Widerstand hat er, der den gleichen Vorgang 200 Jahre früher so verständnisvoll schildert (Heimskringla 2), nur zu gut verstanden. Dem Historiker war es nicht vergönnt, Geschichte zu machen.

Snorri als Sagamann

Snorris Prosawerke bilden die erste nordische Altertumskunde. Die meisten anderen mittelalterlichen Quellenwerke entstanden in lateinischer Sprache und ihr Quellenwert litt unter kirchlicher Befangenheit, wenn ein lebendig aufgefaßtes klassisches Vorbild entgegenwirkte. Ein geschichtliches Werk, das sich mit Snorris Edda vergleichen ließe, gibt es nicht. Auch die literarischen Leistungen von Snorri und seinen Vorgängern sind ohne die Anregungen der durch die Kirche vermittelten Bildung nicht denkbar. Aber die fremden Muster in Geschichtsschreibung und Philologie wurden in unvergleichlich freier Weise genutzt.

Man sollte seine literarischen Werke allerdings nicht mit antikem Maßstab messen. Snorri war kein Forscher im griechischen oder modernen Sinne, sondern ein zwar kenntnisreicher, wahrheitliebender, höchst intelligenter, vor allem aber künstlerisch veranlagter und ästhetischen Zielen nachstrebender Erzähler, kurz: ein guter Sagamann. Er bemühte sich weder um systematische Ordnung, noch um Vollständigkeit; er ließ nicht nur weg, was ihm unglaubwürdig erschien, sondern auch, was ihm mißfiel oder in sein Werk nicht hineinpasste. Ob er mehr Latein verstand als ein paar Brocken, ist fraglich. Er schrieb nicht selbst, sondern sprach Schreibern vor, und zwar, wie stellenweise der Wortlaut zeigt, ohne auf durchgehend wörtliche Wiedergabe zu rechnen. In der Heimskringla ließ er streckenweise ältere Vorlagen abschreiben, wiederum ohne den Wortlaut sorgfältiger nachzuprüfen, so dass sich vorallem die geistlichen Stilisten deutlich abheben. Hierdurch wird die Einsicht in Snorris eigenen Stil erschwert.

Werke

Die Edda

Von den beiden Fassungen der Edda bewahrt der sog. gemeine Text (Prosa-Edda) Snorris Sprache besser als der verkürzte Codex Upsaliensis (U, Codex DG 11); der Prolog Snorra-Edda ist gelehrte Arbeit und hat wahrscheinlich mit Snorri überhaupt nichts zu tun. Einige Forscher schrieben ihm auch die Verfasserschaft der Egilssaga zu, allerdings spricht die ausgesprochene Parteinahme dieser für die Bauern gegen König Harald (mit starken Ausdrücken wie versklavt und vergewaltigt, þraelkat ok áþiát) stark dagegen, während Snorris Heimskringla überall gut-königlich ist, die Opposition gegen Haralds Neuerungen ein wenig vertuscht, sie verurteilt oder bedauert und jene gehässigen Wendungen nur im Munde der nirgend ernst genommenen Bauern anklingen läßt... Weiterlesen.

Christliche Prägung

Snorri wahrt sein christlich geprägtes Gewissen in der Snorra-Edda auf eine Weise, dass alles, was Gylfi im Gylfaginning erlebt, nur Blendwerk der als Zauberer vorgestellten Götter ist. Das sieht man daran, dass ihm eine offenbare Nachäffung der Dreieinigkeit und anderer christlicher Wahrheiten, wie z. B. der Weltschöpfung, entgegentritt. Diese geistreiche Erfindung ist vielleicht durch die alte Gylfisage nahegelegt, aber hauptsächlich dadurch bedingt, dass die von Snorri benutzte Völuspa, ein im Kostüm grundheidnisches Gedicht, tatsächlich von christlichen Vorstellungen stark beeinflußt ist. Der lange Prozeß der christlichen Umbildung der Germanischen Mythologie erreicht in Snorris Edda seinen Höhepunkt und Abschluß. Snorri bringt also nichts grundsätzlich Neues, aber ebensowenig können alle seine Auffassungen für älter gelten als seine Zeit, man darf also z. B. die Völuspa sich nicht ohne weiteres durch ihn kommentieren lassen. Ähnliches gilt von Snorris Erklärung der Dichtersprache und der Metrik. [5]

Heimskringla

Die Heimskringla (d. h. Weltkreis) erzählt die Geschichte der norwegischen Könige von sagenhafter Vorzeit bis 1177. Unter den Sagawerken ähnlicher Anlage, von denen die kürzeren (Agrip, Fagrskinna, Morkinskinna) älter, die längeren jünger sind als Snorri Sturluson, nimmt die Heimskringla den ersten Platz ein. Sie zerfällt in die Ynglingasaga, die die Folge der schwedischen Stammväter, und in 15 geschichtliche Königsbiographien der Sagazeit. Den künstlerischen Höhepunkt und den gedanklichen Mittelpunkt bildet die Saga von Olaf dem Heiligen. Sie liegt auch in Einzelüberlieferung vor, mit einem Auszug aus der Vorgeschichte seit Harald Schönhaar als Einleitung... Weiterlesen. [6] [7]

Quellenwert der Werke

Der historische Quellenwert der Heimskringla bemißt sich zunächst in derselben Weise wie der der geschichtlichen Sagas überhaupt. Es kommt aber hinzu, dass Snorri Sturluson ein Mann mit außergewöhnlich weitem Gesichtskreis war: er war durch Abkunft, Erziehung, Lebensstellung, zumal seine Verbindung mit den Regierenden in Norwegen, vor dem durchschnittlichen Sagamann bevorzugt. Mit den verständigen Bemerkungen der Vorrede über die Hilfsmittel des isländischen Historikers und ihren Wert stimmt die Darstellung selbst durch ihre Wahrheitsliebe gut überein (vgl. etwa 2, 14 f. wo Snorri mit keinem Wort über das Zeugnis des gleichzeitigen Skalden hinausgeht, der nur von tapferem Widerstand Olafs weiß, nicht von Sieg). Die verhältnismäßig seltenen Fälle, wo andere Quellen, zumal ältere, den Angaben der Heimskringla widersprechen, beruhen z. T. auf Verwechslungen und Verschmelzungen in der isländischen Sagaüberlieferung (die Herkunft Hrólf-Rollos, wo Dudo eine andere nennt, sowie der Ort von Olaf Tryggvasons letztem Kampf, wo Adam von Bremen abweicht).

Weit von der Wahrheit entfernt sich Snorri kaum irgendwo. Seine Mitteilungen sind auch da, wo sie vielleicht nicht an ganz richtiger Stelle stehen, immer von typischer Bedeutsamkeit. Man lernt bei ihm, wie bei der Saga überhaupt, in erster Reihe Kulturgeschichte, und zwar nicht bloß Einzelheiten - für die er und seine Vorgänger starkes Interesse bekunden -, sondern vorallem Gesinnungen, Charaktere und gesellschaftliche Zustände, wie sie besonders in den vielen Gesprächen und Reden in die Erscheinung treten. Die Beleuchtung von innen, die die Isländergeschichten für das Leben der Bauern auf Island liefern, besorgt Snorri für das Norwegen der heidnischen und frühchristlichen Zeit. Dank den zeitgenössischen Berichten, auf denen er fußt, kann er mit den dortigen Menschen im 10. und 11. Jhd. eingehender vertraut machen als etwa Einhart mit Karl dem Großen und seiner Umgebung.

Dazu kommt Snorris staatsmännisches Augenmaß und sein Blick für politische Zusammenhänge. Er charakterisiert, gern in ausgewählten Vertretern, ganze Gesellschaftsklassen (wie die trondischen Bauern, die Kleinfürsten im norwegischen Hochland, die Großen wie Erlingr Skiálgsson, Einarr Thambarskelfir), macht ihre Stellungnahme verständlich, hält im Leser das Gefühl der dauernden Spannungen und Gefahren für den königlichen Helden lebendig und bereitet jede große Wendung von langer Hand vor. So entsteht - wie z.B. in der Olafssaga helga - ein Gesamtbild von überzeugender Lebendigkeit und Vielseitigkeit.

Quellen

Einzelnachweise

  1. Sturlungasaga. ed. Kálund I, 1911
  2. Eirspennill ed. Finnur Jönsson, 1916
  3. Sturlungasaga 1, 328, 331 f; Eirspennill 503
  4. Sturlungasaga. 1, 321, 339 f.
  5. Die gelehrte Urgeschichte im altisländischen Schrifttum (Google Books). Andreas Heusler. Verlag der Königlichen Akademie der Wissenschaften, in Commission bei Georg Reimer, 1908.
  6. Heimskringla. ed. Finnur Jönsson, 4 Bände. Kopenhagen 1893-1901.
  7. Saga Olafs Konungs ens helga. ed. Munch u. Unger, Kristiania 1853.

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