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Die ältesten Denkmäler der Malerei aus dem Frühmittelalter reichen bis in die zweite Hälfte des 7. Jhs. zurück. Von da an gliederte sich die Entwicklung der Vorkarolingischen Malerei in dieselben Gruppen, nach denen die Paläographie herkömmlicherweise die frühmittelalterlichen Schriftdenkmäler ordnet:

Dem besonderen Charakter der Schrift in jeder dieser Gruppen entsprechen auch Besonderheiten in Auswahl, Verwendung und Darstellung der Schmuckmotive. Doch sind dabei die gemeinsamen Stilmerkmale nicht zu übersehen, vor allem der Drang zur ornamentalen Flächendekoration.

Beschreibung

Sowohl in der Ausstattung als auch in der technischen Ausführung gibt es große Unterschiede zwischen dem Schmuckstil der vorkarolingischen und dem der antiken Handschriften. Die spätantiken Handschriften bevorzugten als malerische Ausschmückung das Figurenbild und erstrebten den malerischen Illusionismus, genauso wie die Monumentalmalerei dieser Zeit. Dem stilistischen Gegensatz entspricht auch der technische Unterschied. Ggegenüber der Deckfarbentechnik der Antike wird die Malerei in den vorkarolingischen Handschriften in leichter Colorierung mit dünnen, klaren Farben ausgeführt, wobei fast ausschließlich einfachsten Grundfarben zur Anwendung kommen.

Wesen und Quellen des neuen Stiles, der die Grundlage der ganzen weiteren Entwicklung bildet, liegen weitestgehend im Dunkel. Die Frage dabei ist im Grund, ob die neuen Stilelemente selbständige Umbildungen von spätantiken westlichen Formen sein können, für die Belege aus früherer Zeit, an denen der Übergang zu verfolgen wäre, verloren sind, oder ob sie vielmehr das Ergebnis von äußeren Einflüssen sind. Auf den Gebieten der monumentalen Steinornamentik und der kirchlichen Architektur liegen die Verhältnisse ähnlich.

Merowingische Malerei

Ein eigentümliches und charakteristisches Motiv der merowingischen Handschriften ist die Verwendung von Tieren, wie z.B. Vögeln und Fischen in verschiedenen Typen zum Bau von Initialen. Verwandte Erscheinungen treten in armenischen Handschriften des 11. Jhs. auf. Die häufig auftretenden Tiere und die beliebte ornamentale Musterung der Tierleiber, die ein charakteristischer Zug der merowingischen Dekoration sind, scheinen auf orientalische Vorbilder hinzuweisen.

Andrerseits könnten Vogeltypen auf kunstgewerblichen Gegenständen der Völkerwanderungszeit und spätrömische Emaillearbeiten als Vorstufen betrachtet werden. Wichtig ist, daß in den älteren Handschriften die Fische und Vögel nebeneinander dargestellt werden, während von der Mitte des 8. Jhs. an die Tiere miteinander verschlungen sind oder sich ineinander verbeißen, wobei insulare Vorbilder mitgewirkt haben können. Auf Grund der bevorzugten Schmuckmotive und besonders der Ausbildung verschiedener Tiertypen kann man vier Hauptgruppen festgestellen.[1]

Burgund

Ein charakteristischer und gleichzeitig einer der ältesten Vertreter der burgundischen Gruppe, deren Zentrum wohl in Luxeuil zu suchen ist, ist das "Lektionar von Luxeuil" [2] aus dem Kloster Luxeuil [1].

Malerei RdGA B3 T09 Abb 01

Abb 01: Kreuz unter Arkade (Gregor. St. Petersburg)

Die zahlreichen Initialen der Handschrift sind häufig aus schlanken, mit Kettenmotiven, Flechtbändern oder Ranken gefüllten Leisten gebildet, denen die der Gruppe eigentümlichen, bei Kopf und Schwanz spitz zulaufenden Fische oder lange schmale Vögel angesetzt sind; oder sie erscheinen als Rosetten, aus radial gestellten Fischen zusammengesetzt, denen üppige Stauden entwachsen, die aus abstrakten Linienspielen oder Palmetten bestehen.

Daneben erscheinen Initialen, deren Stamm in einzelne Teile zerlegt und aus Fischen oder Vögeln der beschriebenen Art gebildet wird, zuweilen in Verbindung mit Bandornamentik. Die Gruppe umzieht die ganze Seite mit schmalen Zierleisten oder zerlegt durch sie die Fläche in einzelne Kompartimente, die mit Stauden, Rosetten oder Vögeln gefüllt werden (Abb. 01).

Dabei werden die einzelnen Motive in lauter kleine Farbflecke aufgelöst, deren Unruhe durch die Aneinanderreihung zu linienartig wirkenden Leisten in eigentümlichem Kontrast gedämpft wird. Die jüngeren Handschriften (z. B. Wolfenbüttel, 99 Weißenb.; Codex Ragyndrudis des Bonifatius in Fulda) haben weniger fein berechnete Wirkung in der Flächenteilung, der Zerlegung in Farbflecke; die zusammenhängende Zeichnung wird betont, womit die Ausbildung der Staude zusammenhängt. Aus der Palmette wird ein sehr eigentümliches Motiv, das man von der Kornähre abgeleitet denken würde. Die nächsten Analogien für die farbige Wirkung und die Blattformen findet man auf spätrömischen Emaillearbeiten und spätantiken kunstgewerblichen Gegenständen.

Nordosten Frankreichs

Malerei RdGA B3 T09 Abb 02

Abb. 02: Sacramentarium Gelasianum, Kreuz unter Arkade. (Sakramentar. Vat. Reg. lat. 316.)

Eine zweite stilistische Gruppe scheint in das nordöstliche Frankreich zu gehören. Das nicht viel später als das "Lektionar von Luxeuil" entstandene "Sakramentar. Rom. Bibl. Vat. Reg. lat. 316" zeigt in den drei ganzseitigen Arkaden, unter denen je ein ornamentales Kreuz angeordnet ist, deutlich den Gegensatz gegenüber der burgundischen Gruppe (Abb. 2: Sacramentarium Gelasianum).

Hier werden breite, schöne Formen bevorzugt. Doch sind die Arkaden nicht architektonisch aufgefaßt, sondern ebenfalls in einen reinen Flächenstil übersetzt. An Stelle des Kontrastes zwischen farbigen Flecken und linearer Anordnung treten bestimmt gezeichnete Füllformen. Unterstützt durch die klare Färbung werden für sich abgegrenzte Einzelmotive aneinandergefügt, die vorwiegend geometrischer Natur sind. Die pflanzlichen Motive beschränken sich auf kleine, stark abstrakt behandelte Halbpalmetten.

An Tieren werden Vögel verwendet, die weit flächig-ornamentaler aufgefaßt sind als in den burgundischen Handschriften, und Fische, die mit ihren runden Köpfen und dem allmählichen Übergang zum Schwanz einen anderen Typus vertreten als die burgundichen. Ganz neu gegenüber jener Gruppe sind große kreisrunde Motive und großköpfige Vierfüßler, die oft paarweise einander gegenübergestellt werden. Eigentümlich ist die Bildung von Überschriften aus ganzen Reihen von Buchstaben, die lediglich aus Fischen bestehen, oder aus Kombinationen von Vögeln und Vierfüßlern. In den jüngeren Handschriften (z. B. Oxford, Douce Ms. 176) macht sich eine starke plastische Tendenz bemerkbar.

Corbie

Malerei RdGA B3 T09 Abb 03

Abb. 03: Doppelarkade. (Basilius. St. Petersburg. Kaiserliche Bibliothek, lat. F. v. I. N. 2.)

Ebenfalls in den Beginn des 8. Jhs. zurück läßt sich eine Gruppe von Handschriften verfolgen, die sich auch durch auffallende paläographische Kennzeichen von den übrigen unterscheidet. Die Mehrzahl von ihnen ist in der besonderen merowingischen Buchschrift geschrieben, die früher als lombardische Schrift, später allerdings "ältere Corbier Schrift" bezeichnet wurde. Sie war im Kloster Corbie [2] (Frankreich) und seiner unmittelbaren Umgebung gebräuchlich.

Die Verwandtschaft einer Anzahl von ornamentalen und pflanzlichen Motiven mit der burgundischen Gruppe weist darauf hin, daß sie von dorther ihren Ausgang nahm. Auch für die ornamentalen Arkaden beider Schulen gibt es Zwischenstufen (z.B. Basilius. St. Petersburg. Kaiserliche Bibliothek, lat. F. v. I. N. 2.) (Abb. 3).

Neben Vögeln und Fischen verwendet sie besonders doppelt konturierte Palmetten zur Füllung der Initialstämme. Auch hier ist das Wesentliche die Zeichnung, die mit klaren, bestimmten Farben koloriert wird. Mit der Zeit verschwinden in ihr die Tiere, an ihre Stelle treten im Innern der Initialen Flechtbänder; die größeren Buchstaben der Überschriften werden zu einfachen farbigen Kapitalen mit geschweiften Konturen.

Fleury

Eine weitere Stilgruppe bilden schließlich einige Handschriften des 7. Jhds. aus der Benediktinerabtei in Fleury [3] (Saint-Benoît-de-Fleury). Dieser Schule käme außerordentliche Bedeutung zu, wenn wirklich das "Evangeliar Autun Nr. 3", das im Jahre 754 in einem unbekannten Ort Vosevio geschrieben wurde, in ihren Kreis gehört. Es ist der bedeutendste Rest von figürlichem Handschriftenschmuck des merowingischen Kunstkreises; die blattgroßen Darstellungen eines thronenden Christus zwischen Cherubim und den Evangelistensymbolen und der unter Arkaden stehenden Evangelisten mit ihren Symbolen sind zunächst gezeichnet, dann mit dünner Farbe bemalt und lassen auf höchst bedeutende Vorbilder schließen.

Westgotische Malerei

Malerei RdGA B3 T09 Abb 04

Abb. 04: Beatus-Apokalypse. (Madrid, Biblioteca Nacional, Ms Vit.14.2, f°141v)

Von der Westgotischen Malerei ist bisher so gut wie nichts bekannt. Die Ausstattung der erhaltenen älteren Handschriften in westgotischer Schrift ist außerordentlich gering. Einige Forscher wiesen den Pariser "Ashburnham-Pentateuch" [4] (Paris, Bibliothèque nationale de France, MS nouv. acq. lat. 2334) der spanischen Kunst zu, andere sahen seine stilistische Heimat in Norditalien oder Südfrankreich. In der Datierung schwankt man zwischen dem 7. und 8. Jh. Vom 9. Jh. an drangen einzelne Motive aus dem südlichen Frankreich in Spanien ein; möglicherweise baute die weitere Entwicklung im Wesentlichen auf diesen importierten Elementen auf. [3]

Gegen Ende des 10. Jhs. begann eine lebhafte Produktion; die Handschriften wurden oft überreich mit Ornamentik ausgestattet, in der auch maurische Einflüsse bemerkbar wurden. Dabei war es charakteristisch, daß in dieser Kunst Stilprinzipien und Technik der Vorkarolingischen Malerei weiterleben; die nordfranzösisch-karolingische Bewegung blieb so gut wie unwirksam. Besonders auffallend äußerte sich das im Figurenbild. Für die Kenntnis von dessen Anfängen ist die nähere Bestimmung der Entstehung des Illustrationszyklus zum Beatuskommentar der Apokalypse [4] von großem Interesse, der in einer Reihe von späten Exemplaren erhalten ist (Abb. 4).

Wenn er in der überlieferten Form bis ins 8. Jh. zurückreicht, ist durch den Untergang der spanischen Monumente sehr wichtiges Material für die frühmittelalterliche Malerei für immer verloren gegangen.

Quellen

Einzelnachweise

  1. Der Bilderschmuck in den Sakramentarien des frühen Mittelalters (DNB). Anton Springer. 1889 (Abhandlungen der Philologisch-Historischen Klasse der Königlich-Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften ; Bd. 11, Nr. 4) im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek.
  2. Lectionnaire de Luxeuil. Luxeuil. Fin du VIIe siècle. Paris, Bibliothèque Nationale. Lat. 9427.
  3. Die Genesisbilder in der Kunst der Frühen Mittelalters: Mit besonderer rücksicht auf den Ashburnham-Pentateuch (Internet Archive). Anton Springer. S. Hirzel, 1884. (Abhandlungen der Philologisch-Historischen Klasse der Königl. Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig, Band 9)
  4. Wikipedia: Beatus (Buchmalerei)

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