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Die Zwangsbekehrung Norddeutschlands durch Karl den Großen nahm in der Bekehrungsgeschichte eine isolierte Stellung ein. Bonifatius' Ziel während der angelsächsischen Missionierung auf dem Festland war es gewesen, auch die Altsachsen in der bekannten Weise friedlich zu gewinnen; falls eine späte Notiz (Ann. Mett.) richtig sein sollte, hätte auch der siegreiche Sachsenfeldzug Pippin III. 753 zu dem Versprechen geführt, die christliche Predigt zu dulden.

Beschreibung

Alle Versuche, die von einzelnen Missionaren gemacht wurden, das Evangelium über die Grenze nach Sachsen zu tragen, waren fehlgeschlagen. Und je weiter man kam, desto fester saß in dem großen, ungebrochenen, von der "Völkerwanderung" allein kaum berührten Stamm das "Heidentum", engverwachsen mit Sitte und Recht, ein Teil und eine Bürgschaft seiner Freiheit. Schien hier die Geschichte Jahrhunderte stillgestanden zu haben, so dass Rudolf von Fulda das sächsische Heidentum noch immer mit den Worten der Taciteischen Germania beschreiben konnte, und konzentrierte sich hier die Kraft einer vergangenen Periode, so stand demgegenüber nun eine große Macht, in der sich die neue Zeit zusammenfaßte, erfüllt von dem Gedanken eines christlichen Universalismus und auf dem Wege, ihm eine neue, für Jahrhunderte geltende Gestalt zu geben.

Auf keiner Seite war es möglich, Politik und Religion zu trennen, und ein fortwährender Grenzkrieg hatte eine Form der Feindschaft hervorgebracht, bei der die Treulosigkeit wie eine germanische Tugend und der Blutbefehl wie eine christliche Notwendigkeit erschien. Dieser 30-jährige Sachsenkrieg (772-804), genauso wie jener spätere, war nicht zwangsläufig von Anfang an bewußt als Vernichtungskrieg gegen die heidnische Religion gedacht. Dennoch kam es schon bei den ersten Heereszügen dazu: die fränkischen Christen zerstörten die Irminsul. Die Sachsen rächten sich, indem sie die jungen christlichen Stiftungen in Thüringen zu zerstören versuchten. Es war ein bezeichnendes Bild der Verhältnisses, dass sich nach dem ersten großen Erfolg der Christianisierung 776 die Sachsen an der Lippe, dann 777 in Paderborn, 779/80 an Weser und Ocker in Scharen zur Taufe meldeten, um ihre Unterwerfung dadurch zu dokumentieren, zuletzt 785 auch Widukind.

Auf der anderen Seite entsprach es der typischen kirchlichen Auffassung, dass, als nach den vernichtenden Schlägen von 784 die Unterwerfung bis zur Elbe gelungen schien, schon die Taufunterlassung als Zeichen des Heidentums und der Unbotmäßigkeit bei Todesstrafe verboten war und die gesamte christliche Lebensordnung strengstens anbefohlen wurde, einschließlich des Zehnten. Das letzte gewaltige Aufflammen des Aufstandes, der jetzt einen neuen Herd jenseits der Elbe fand und mit der Deportation von Tausenden aus diesem nördlichsten Teil schloß, war schon eine Reaktion gegen diese verhaßte Ordnung.

Missionare als Sendlinge des Königs

Zerstörung der Irminsul by H. Leutemann

Zerstörung der Irminsaule durch Karl den Großen. (Leutemann, 1882)

Bei dieser Zwangsbekehrung oder Staatsmissionierung veränderte sich auch die Stellung der Missionare; Liudger und Willehad wurden zu Sendlingen des Königs, Mönchtum und Militär rückten zusammen. Karl der Große war selbst der praedicator gentium, aber sowenig wie von Freimissionierung, war von einer Bestallung durch den Papst die Rede.

Er wurde von Karl überhaupt erst, als die Hauptsache bereits vorüber war, 785 zum erstenmal befragt (cod. Car. 77). Damit hing zusammen, dass, wenn auch eifrig Predigtstätten erbaut wurden, mit der hierarchischen Organisation doch weit langsamer und vorsichtiger vorgegangen wurde, als es Roms Gewohnheit war, und auch jetzt noch das Mönchtum einen hervorragenden Anteil behielt.

Nach der ersten großen Unterwerfung wurde 777 das Land in Missionssprengel geteilt, deren Pflege neben den benachbarten Bistümern Würzburg, Mainz, Köln, Utrecht und Lüttich die Klöster Fulda und Amorbach i. Odenwald, wohl auch Hersfeld und Corbie anvertraut wurde, und Sturm von Fulda, aus Bonifatius' Schule, hatte vielleicht den Hauptanteil, daneben der Angelsachse Willehad auf seinem Außenposten zwischen Weser und Elbe. Aber erst 787 wurde Willehad als erster zum sächsischen Missionsbischof mit Sitz in Bremen geweiht.

Es folgten - vielleicht im selben Jahr oder bald darauf - Minden und Verden, Paderborn (799) und Münster (804). Der Osten und Nordosten blieben unter Karl noch ohne bischöfliche Sitze: während Dithmarschen von Bremen aus missioniert wurde (Kirche zu Milindorp, Meldorf), war Holstein Amalar von Trier überwiesen, der hier die erste ecclesia primitiva zu Hammaburg einweihte, die Gegend zwischen Harz und Elbe Liudgers Bruder Hildigrim von Chalons. Erst Ludwig der Fromme vollendete mit der Schaffung der Bistümer Osnabrück, Hildesheim, Halberstadt und Hamburg die Organisation Sachsens bis zur dänischen und wendischen Grenze. Lange noch unterstützte man diese äußersten Organisationspunkte durch Verbindung mit innerfränkischen Klöstern (Willehad z. B. durch Justines); aus den Missionaren (Patte von Amorbach-Verden, Liudger-Münster u. a.) wurden die ersten Bischöfe. Aus Missionszentren wie dem Stift Seligenstadt erwuchsen Bistümer, und erst im 11. Jh. entwickelten sich z. B. in Bremen und Hamburg aus der klösterlichen Urform die Domstifter und vollendete sich die Bistumsverfassung, wie sie anderwärts schon seit Jahrhunderten bestand.

Volksglauben

Die Gewaltpolitik des Staates, der schnelle Gang der Massenbekehrung von einem tief verwurzelten nordischen Götter- und Zauberglauben zum ausgebildeten Katholizismus lassen es natürlich erscheinen, dass trotz der radikalen Maßregeln sich der alte heidnische Glaube als "Aberglaube" im Großteil des Volkes erhielt (s. Volksglauben). Vieles davon wurde von der Kirche mit Strenge bekämpft, wie der indiculus superst. zeigt [1]. Vieles lebte allerdings auch mehr oder weniger legitimiert bzw. geduldet oder umgeschmolzen im Dämonenglauben, Heiligen- und Reliquiendienst, Sakramentsmagie fort.

Dennoch blieb das Resultat überraschend: gerade der sächsische Stamm zeigte in der Folge eine tiefe Inbrunst des christlichen Glaubens. Man muß annehmen, dass gerade die gewaltsame Zwangsbekehrung, die auch Priester und Mönche mehr als zuvor zu rücksichtsloser Vernichtung der alten fana und delubra veranlaßte, das ursprünglich starken Sachsenvolk von der Ohnmacht ihrer eigenen Götter überzeugte. Daneben ging allerdings auch eine stillere, eindringliche Art positiven Aufbaus in Predigt und Seelsorge einher, wie sie dem Mönchtum nach angelsächsischem Vorbild eigen war, und die wie in England so auch hier jene innige Verschmelzung christlicher und germanischer Vorstellungsweise hervorbrachte, die der Heliand zeigt.

Quellen

Einzelnachweise

  1. Monumenta Germaniae historica. cap. I I, 223

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